Mit der Walze durchs Welttheater

"Of Truth And Sacrifice" heißt das neue Doppelalbum der Metalcoreband Heaven Shall Burn: Mit der Platte haben die Thüringer nicht weniger als ihr Meisterwerk geschaffen!

Saalfeld.

Ein Album von Heaven Shall Burn am Stück anhören? Dazu brauchte es Ohren wie Kruppstahl: Dass Extremmetal-Quintett aus Thüringen mochte mit der Vehemenz von Alben wie "Veto" zwar Spitzenplätze in den Charts und einen festen Platz auf zahlreichen Großfestivals erobert haben - doch nach 45 Minuten Dauerfeuer der Gruppe wedelten selbst eingefleischte Fans mit der weißen Fahne, zumal jede HSB-Platte neben großen Hits auch einige solide Standard-Ware auffährt, die sich allenfalls dadurch abhebt, dass sie ein gewisses hohes Niveau nie unterschreitet, letztlich aber trotzdem skipbar ist.

Was also ist passiert, dass die Saalfelder nun aus einer nach dem letzten Album "Wanderer" verkündeten unbestimmten Pause mit einen Monsterwerk auftauchen, das die sagenhafte Schlagkraft der Band noch breiter zieht, gleichzeitig aber auch das erste Heaven-Shall-Burn-Werk ist, das man nicht nur am Stück durchhören kann, sondern auch immer wieder will? Und das, obwohl "Of Truth And Sacrifice" mit 19 teils überlangen Songs gerade noch so auf ein Doppelvinyl passt?

Nun, dreierlei: Die Platte bietet erstens eine überbordende Stilvielfalt vom Electrobeat bis zum klassischen Orchester, wobei jeder Song einer eigenen Idee folgt, die aus klassischen HSB-Zutaten jeweils ungeahnte, oft sogar leicht vertrackte Arrangements ausfaltet - was zu einigen regelrechten Miniopern wie "Children Of A Lesser God" führt. Zweitens lässt die Band offener als in der Vergangenheit ihre Einflüsse zu und feiert immer wieder Referenzen von Blind Guardian über Dismember und Behemoth bis Nails und Nine Inch Nails - wobei man, um es mit Bandchef Maik Weichert zu sagen, "immer nur den Vibe klaut, aber nie die Riffs". Die Produktion berücksichtig dabei bis tief in Gitarren- und Drumsounds hinein die Trademarks der Vorbilder - Gitarrist Ali Dietz hat hier wahrlich sein Meisterstück am Pult geliefert. "Eradicate" etwa klingt nach Slayer-Maiden-Hybrid, wogegen man "Sorrows Of Victory" sowohl als "Blind Guardian meets Depressive Age" (finde ich) oder "Dark-Wave-Version von Manowar" (meint Weichert) hören kann. Und drittens: Endlich traut sich diese Band mal detailliertes Pathos! Um ja nicht abgehoben zu tönen, hatte Heaven Shall Burn dieses bisher nur in homöopathischen Dosen eingesetzt - diesmal gibt es aber so viele persönliche Verluste zu verarbeiten, dass man in eigenwilligen Klassikstücken wie "Weakness Leaving My Heart" die Gänsehaut meterdick aufschiebt. Was ein Verdienst des Dresdner Komponisten Sven Helbig ist, der der Band nicht nur die Arrangements dazu geschrieben hat, sondern ihr auch noch Aufnahmen mit einem Orchester in Minsk organisierte. Höhepunkt der Platte ist das eigenwillige "Expatirate", in dem Weichert eine Art Manifest auf Englisch und Deutsch rezitiert, dass den weltweiten Flüchtlingswahnsinn in seiner Unmenschlichkeit hintersinnig auseinandernimmt.

Kurz: "Of Truth And Sacrifice" ist musikalisch ein grenzüberschreitendes Überwerk, das wie eine Walze durchs aktuelle Welttheater rollt. Als Hardcore-Fan mag man da vielleicht meinen, die Band habe sich zu weit von ihren Wurzeln entfernt. Doch einerseits "kann man sich aus den zwei Platten immer noch eine Scheibe traditioneller HSB-Machart zusammenschneiden" (Weichert), und andererseits ist da Sänger Marcus "Molle" Bischoff: Sobald der Mann mit seinem Mörderorgan drüberbrüllt, klingt es sofort wieder nach Saalfeld.

Nun ist Heaven Shall Burn seit jeher für tiefe, gehaltvolle Texte bekannt, insofern überrascht es nicht, dass man für diese mächtige Klangkulisse ein äquivalentes Konzept gefunden hat: Es geht um Wahrheit und die Opferbereitschaft für diese: Weichert, der alle Texte schreibt, nennt als Beispiele Lehrer, die in Afrika unter Lebensgefahr Mädchen unterrichten, oder ermordete Journalisten. Doch bereits das Coverartwork, das eine von einer Lanze durchbohrte Frau zeigt, die mit ihrem Körper ihr nacktes Kind schützt, macht einen tief philosophischen Deutungsbogen auf, der viel weiter geht: Der Knabe, ein Symbol für Wahrheit, wird auf einem anderen Bild als erwachsener Lanzenträger gezeigt: Ja, einerseits ist die Wahrheit mit allen Mitteln zu schützen - doch gleichzeitig muss ihr Gehalt, gerade von ihren Wächtern und aus sich selbst heraus, hart attackiert werden: Nur so darf sie Bestand haben. "Es geht mir um grundsätzliche moralische Fragen, die hierzulande immer Konsens waren, plötzlich aber zur Verhandlungsmasse erklärt werden", sagt der Gitarrist: "Ich saß kürzlich in einem Vortrag, da fing ein Bundesverwaltungsrichter davon an, von ,sekundärem Flüchtlingsschutz' zu reden. Es wird längst versucht, wissenschaftlich klingende Erklärung zu finden für ein Ergebnis, das man eben haben will. Ich finde es ganz arm, dass viele CDU-Schönwetterchristen humane Ideale nur dann vertreten, wenn sie gerade nicht gebraucht werden. Dabei weiß doch jeder, was mit Flüchtlingen real passiert, oder mit der Umwelt, oder in den Schlachthöfen. Da hat man nur zwei Möglichkeiten: Die Tatsachen als Wahrheit zu akzeptieren - oder sie zu ignorieren. Der Austausch von Wissen gegen Glauben ist für mich die Seuche unserer Zeit."

Diskografie "In Battle There Is No Law" (1998, EP), "Asunder" (2000), "Whatever It May Take" (2002); "Antigone" (2004); "Deaf To Our Prayers" (2006); "Iconoclast" (2008); "Invictus" (2010); "Veto" (2013); "Wanderer" (2016); "Of Truth And Sacrifice" (2020).


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