Mit skeptischem Blick auf das Neue

Eine kleine, feine Ausstellung mit Grafik und Zeichnungen Max Liebermanns anlässlich der Tage der jüdischen Kultur erinnert daran, dass der Wegbereiter der Moderne selbst gar nicht so modern, aber ein geradliniger Mensch und Künstler war.

Chemnitz.

Seit etwa 1900 hat er sich immer wieder selbst porträtiert, und glaubt man den Bildern, hat sich Max Liebermann in den letzten 40 Jahren seines Lebens kaum verändert. Allenfalls in Nuancen nimmt man wahr, wie der zielstrebige, konsequente Künstler, Wegbereiter des verspäteten Impressionismus in Deutschland, immer ernster und auch etwas verschlossener wird. Er zeichnet das Gesicht eines langen Lebens, das einem Roman Fontanes entstammen könnte: ein Großbürger, der das Neue kommen sieht, es gar nicht so sehr mag, aber ihm auch nicht im Weg stehen will.

Die Ausstellung mit etwa 70 Zeichnungen und Grafiken Max Liebermanns in den Kunstsammlungen Chemnitz anlässlich der Tage der jüdischen Kultur illustriert eindrucksvoll Leben und Haltung eines Mannes, der in seiner vor allem in den späteren Jahren als klassisch und damit unmodern geltenden Kunst einen sehr geradlinigen Weg, meist abseits der Politik, ging, in seinem Leben als assimilierter Jude in Deutschland aber auch eine dezidierte Meinung vertrat, die in seinem berühmtesten Satz gipfelte.

Die Zeichnungen und Grafiken erinnern an einen genauen Beobachter, einen leidenschaftlichen Künstler, den die Welt in vielen ihrer Facetten interessierte, der seinen Bildern, auch den Grafiken, die er sehr schätzte, "Landschaft und Menschlichkeit" einarbeitete, wie der Kritiker Carl Einstein würdigte. Geboren 1847 als drittes von vier Kindern des jüdischen Textilfabrikanten Louis Liebermann und seiner Frau Philippine, wuchs Max Liebermann in gutbürgerlichen Verhältnissen auf - in einer Gesellschaftsschicht, der er Zeit seines Lebens verbunden blieb. Dies spiegelt sich auch in der Ausstellung wider: Eine "Dame in Pelz", "Eselreitende Kinder", Tennisspieler, Strandleben, Gartenszenen - dies waren Themen und Motive, die den Künstler ab etwa 1900, nach seinem Studium in Weimar, Reisen nach Holland, Jahren in Paris und München sowie der Rückkehr nach Berlin 1884, besonders interessierten. Zuvor hatte er einfache Arbeiterinnen, ländliches Leben, in verschiedenen Lebensphasen Szenen aus dem jüdischen Viertel Amsterdams gemalt und, in der Ausstellung zu sehen, gezeichnet. Er klagte damit nicht so sehr gesellschaftliche Missstände an, galt dennoch als "Schmutzmaler", war prominente Stimme einer Opposition gegen die akademische preußisch-wilhelminische Kunstpolitik. Dies gipfelte in der Gründung der Berliner Secession, deren Kopf Liebermann war. Bis 1910 zeigte sie teilweise skandalumwitterte Ausstellungen von Malern wie Edvard Munch, Pablo Picasso, Georges Braque. Doch allzu weit wollte sich Liebermann nicht von der Natur entfernen, was zu heftigen Kontroversen, unter anderem mit den Künstlern der Brücke-Gruppe und des Blauen Reiter führte.

Die besondere Tragik der jüdischen Bevölkerung in Deutschland findet in seinem Werk ebenso ihren Widerhall. Im Ersten Weltkrieg fühlte auch Liebermann sich nach dem Aufruf des Kaisers "An meine lieben Juden" zur Kriegspropaganda verpflichtet. Plötzlich schienen auch Außenseiter wie Künstler und Juden dem Monarchen, der ja ohnehin "keine Parteien mehr" kannte, willkommen. Später dann - auch dies ist in der Ausstellung zu sehen beziehungsweise nicht zu sehen - scheint es in Liebermanns Werk, als hätte es den Ersten Weltkrieg gar nicht gegeben. Stattdessen malt und zeichnet er weiter Gärten, Alltagsszenen, Akte und vor allem Porträts. Ab 1920 als Präsident der Berliner Akademie der Künste setzt er sich auch für Maler und Stile ein, die er selbst nicht schätzt oder versteht, wie er bereitwillig zugibt. Er schreibt: "Wer selbst in seiner Jugend die Ablehnung des Impressionismus erfahren hat, wird sich ängstlich hüten, gegen eine Bewegung, die er nicht oder noch nicht versteht, das Verdammungsurteil zu sprechen, besonders als Leiter der Akademie, die wiewohl ihrem Wesen nach konservativ, erstarren würde, wenn sie sich der Jugend gegenüber rein negativ verhalten würde." Er verteidigte etwa Otto Dix' Gemälde "Schützengraben". Und blieb doch skeptisch: "Der Fluch unserer Zeit ist die Sucht nach dem Neuen ... : der wahre Künstler strebt nach nichts anderem, als: zu werden, der er ist", befindet der 80-Jährige.

Liebermann, längst zum beliebtesten und bedeutendsten Berliner Porträtisten avanciert und ohnehin kein Anhänger der Weimarer Republik, malte und zeichnete 1927 auch den Reichspräsidenten von Hindenburg, der später Hitler den Weg zum Reichskanzler ebnete. Am Tag der Machtergreifung der Nazis wird Liebermann mit seinem später so berühmt gewordenen Satz zitiert: "Ick kann jar nich so ville fressen, wie ick kotzen möchte." Er legt alle seine Ämter nieder, tritt aus der Akademie aus: "Ich habe während meines langen Lebens mit allen meinen Kräften der deutschen Kunst zu dienen gesucht. Nach meiner Überzeugung hat Kunst weder mit Politik noch mit Abstammung etwas zu tun, ich kann daher der Preußischen Akademie der Künste ... nicht länger angehören." Zwei Jahre später stirbt er, von den Nazis verfemt. In seiner Trauerrede vor wenigen Freunden wies der Kunstkritiker Karl Scheffler darauf hin, dass man mit Liebermann nicht nur einen großen Künstler, sondern eine Epoche zu Grabe trage, für die er symbolisch stand. Liebermanns Frau Martha nahm sich 1943 das Leben, als ihr die Deportation in ein KZ drohte.

Damit erinnert die Ausstellung auf berührende Weise auch an ein jüdisches Leben in Deutschland, an einen im Grunde seines Herzens Konservativen, dem Toleranz und Menschlichkeit viel bedeuteten. Womit Max Liebermann dann doch wieder ganz modern ist.

Die Ausstellung "Max Liebermann. Zeichnungen und Grafiken" ist bis 10. Juni in den Kunstsammlungen in Chemnitz zu sehen. Geöffnet ist dienstags, donnerstags bis sonntags und feiertags 11 bis 18 Uhr, mittwochs 14 bis 21 Uhr.

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