Museum 4.0: Auf Augenhöhe mit den Kumpeln im Oelsnitzer Revier

Das Bergbaumuseum Oelsnitz wird umgebaut: Danach beamt es die Besucher auf einem Zeitstrahl zurück in die Geschichte des Steinkohleabbaus. Das ist aber nicht der einzige Aha-Effekt.

Oelsnitz.

40 Jahre nach Einstellung des Steinkohlenbergbaus im Zwickau-Oelsnitzer Revier bekommt das museale Erbe eine Generalüberholung. Voraussichtliche Kosten: 18,25 Millionen Euro. Für den Umbau ist das Bergbaumuseum im erzgebirgischen Oelsnitz seit heute geschlossen. Mit dem traditionellen Steigerlied, gespielt von einer Bergkapelle, verabschiedete sich das Haus am Samstagabend vor Hunderten Besuchern offiziell erst einmal bis zum Frühjahr 2020.

Dann wird der Rundgang durch das Museum komplett überdacht sein - und stets mit einem Countdown starten, bis sich die Tür zu einer Multimediapräsentation öffnen wird. Künftig wird es nämlich am Shop und an der Kasse in dem völlig neu gestalteten Eingangsbereich vorbei erst einmal runter ins Untergeschoss gehen, das bislang nur als Lager genutzt worden war: Dort werden die Besucher von Projektionsflächen umgeben sein und hinabtauchen in eine Zeit, in der die Steinkohle entstanden ist. "Diese Filmsequenz wird überraschen", sagt Museumschef Jan Färber.

Dort unten werden auch Mineralien und ein künstlicher Diamant erstrahlen. In einem Klettertunnel werden Kinder die Entstehung, Entwicklung und die erdgeschichtlichen Veränderungen erleben können. Auf einem digitalen Zeitstrahl können die Besucher nach dem Umbau zudem in die Zeit des sächsischen Steinkohlenbergbaus ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis ins Jahr 1980 reisen. Auf einem Touchscreen-Band, das den Raum durchziehen wird, werden dazu allerlei Audio- und Filmdateien, aber auch Fotos und Dokumente präsentiert. "Da kann jeder Besucher sich das herauspicken, was ihn interessiert", erklärt Färber.

Neben herausragenden Persönlichkeiten aus dem sächsischen Steinkohlenbergbau sollen künftig aber auch diejenigen geehrt werden, die sich tatsächlich im Karl-Liebknecht-Schacht und dessen Vorgängern der Gefahr unter Tage ausgesetzt haben. Daher sind die Bürger aufgerufen, dem Museum Fotos dieser Bergleute aus privaten Alben zur Verfügung zu stellen. Ganz plastisch wird das Leben der Kumpel zudem in einer nachgebauten Bergarbeiterkneipe mit allerlei Schnapsflaschen und bei der Lohnauszahlung inszeniert. Darüber hinaus wird aber ebenfalls aufgezeigt, welcher Aufwand seit dem Ende der Steinkohleförderung betrieben werden muss, um kontaminiertes Grubenwasser und Grundwasser zu trennen.

Das Zwickau-Oelsnitzer gehört zu den ältesten Steinkohlenrevieren Deutschlands. Vom 10. Jahrhundert bis zur Einstellung der Förderung am 29. September 1978 wurden rund 230 Millionen Tonnen Steinkohle gefördert. Die in Oelsnitz im Jahr 1869 als Kaiserin-Augusta-Schacht errichtete Anlage war nach dem Ende des dortigen Steinkohlenbergbaus 1971 zum Museum umgebaut worden. Seit mehr als 30 Jahren ist die Dauerausstellung nur kaum verändert worden. "Aber den Großvater, der hier seinem Enkel zeigt, wo er einst gearbeitet hat, den gibt es heute kaum noch", sagt Färber. Um nachfolgenden Generationen die Bedeutung der Steinkohle für Sachsens Industriegeschichte zu vermitteln, brauche es neue Ansätze.

Aus rund 50.000 Exponaten im Depot hat das Museum 450 ausgewählt, die nun in der neuen Dauerausstellung Platz finden sollen. Im vergangenen Jahr zog das Haus nach eigenen Angaben 37.500 Besucher an und damit so viele wie nie seit 1990. Als "Schauplatz Kohle" soll die Ausstellung dann im Rahmen der Landesausstellung zur Industriekultur am 25. April 2020 in Teilen wiedereröffnet werden. In einem zweiten Bauabschnitt soll das Museum schließlich bis 2023 weiter umgebaut werden. Dazu zählt dann auch die Sanierung der Hängebank, dem Verschiebebahnhof der Förderwagen, und die Errichtung einer äußeren Stahltreppe als Fluchtweg. Der weithin sichtbare Förderturm soll eine Wendeltreppe erhalten, um ihn begehbar zu machen. Gefördert wird das Projekt vom Bund, vom Freistaat Sachsen sowie vom Erzgebirgskreis und der Stadt Oelsnitz.

Nach dem Umbau soll das Museum weitestgehend barrierefrei zugänglich sein. Aufgrund der baulichen Besonderheiten und des Denkmalschutzes wird der Turmaufstieg für Rollstuhlfahrer laut Projektleiter Matthias Meyer aber auch nach der Sanierung nicht möglich sein.

Das Schaubergwerk soll im Wesentlichen so bestehen bleiben. Am Ende solle der Besucher das Gefühl haben, sich tatsächlich in einer Schachtanlage zu befinden, sagt Museumschef Färber. "Auch da wird es eine Überraschung geben."

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