Nageln mit Köpfchen

Acht Jahre haben sich Metallica mit ihrem neuen Album Zeit gelassen. Wie satte, selbstzufriedene Millionäre klingen die Metal-Megastars aber nicht. Wut und Aggression sind die treibenden Kräfte, die "Hardwired ...To Self-Destruct" zurück zu den Wurzeln prügeln.

Metallica haben mit der Ankündigung ihres von Fans heiß ersehnten neuen Studio-Albums nicht nur die Welt im Heavy Metal in helle Aufregung versetzt. Auch der Mainstream blickt der am Freitag erscheinenden Platte "Hardwired ...To Self-Destruct" ("Festverdrahtet... zur Selbstzerstörung") mit großer Spannung entgegen. Die Rockgiganten aus den USA mit rund 110 Millionen verkaufter Alben sind der Subkultur des Thrash Metal schon lange entwachsen. Doch ihr spontan angesetztes Konzert kurz vor der Veröffentlichung des neuen Werkes atmete mit seinen 350 Besuchern in einem kleinen Berliner Club am Montagabend die Atmosphäre aus den Anfangstagen der Band. Damals waren Metallica noch wütende, rebellierende Kids. Uns so klang auch ihre Musik. Rabiat und rasend schnell waren zum größten Teil dann auch die Songs an diesem Abend in der Hauptstadt - nicht nur Klassiker wie "Master Of Puppets" oder "Fight Fire With Fire", sondern auch neues Material. Die Zuschauer feierten das Quartett frenetisch.

Die Zeit der Experimente ist vorbei, als die Band Grenzen austesten wollte und viele Fans wegen Aufnahmen mit dem Songwriter Lou Reed oder dem chinesischen Pianisten Lang Lang verärgerte. Es scheint fast, als wollten Metallica sich wieder mehr an ihren Wurzeln orientieren und der Welt beweisen: Wir können noch richtig Gas geben. Diesem Eindruck tritt Sänger James Hetfield allerdings entgegen: "Die einzigen Menschen, denen wir etwas beweisen wollen, sind wir selber", sagte der 53-Jährige: "Wir wollen Musik machen, auf die wir stolz sind. Ob es die Leute mögen oder nicht - das können wir nicht kontrollieren."

Schlagzeuger Lars Ulrich, der zusammen mit Hetfield 1981 in Los Angeles die Band gründete, ist mit dem Ergebnis des 11. Studiowerkes sehr zufrieden. "Vor ein paar Tagen hörte ich das Album im Flug nach San Francisco, und es klang großartig. Ich bin sehr glücklich", sagte der Däne. Das mag daran liegen, dass man die europäischen Wurzeln der Band auf dem neuen Album wieder so deutlich hört wie schon lange nicht. Denn der Sprengstoff, den das Quartett Anfang der 80er mit seinem Debüt "Kill 'em All" zündete, kam vor allem von der damals in Amerika nur wenig populären "New Wave of British Heavy Metal", von Bands wie Diamond Head, Iron Maiden oder Venom - Musik, die das junge Duo Hetfield und Ulrich im Gegensatz zu ihren Altersgenossen liebte - und in eine ganz eigene pfeilschnelle und rabiate amerikanische Spielart, den Speed-Metal, übersetzte. Die ersten drei Alben (auf das Debüt folgten "Ride The Lightning" und "Master of Puppets") gelten heute weltweit als Grundbausteine jeder harten Musik. Danach wurde die Gruppe experimentierfreudig, arbeitete mit progressiven, klassischen oder alternativrockigen Elementen, um sich nicht auf das Metal-Genre, dass sie mit ihren Erstwerken anführte, festlegen lassen zu müssen. Man nahm sich Zeit.

Hetfield erachtet die acht Jahre zwischen "Death Magnetic" von 2008 und dem Nachfolger indes trotzdem als zu lange. "Das hätte eigentlich nicht sein müssen, auch wenn wir viel um die Ohren hatten", räumt er ein. In dieser Zeit habe er fast vergessen, "wie toll es ist, Musik zu kreieren, die von anderen Menschen gehört wird". Hetfield und Ulrich sind die treibende Kraft der Band. "Hardwired ...To Self-Destruct" hat das Kreativ-Duo fast im Alleingang komponiert. Auch, weil Lead-Gitarrist Kirk Hammett angeblich sein I-Phone mit 250 musikalischen Ideen verloren hatte: Der begnadete Solist, der in der Frühphase von der Band Exodus abgeworben wurde, um Dave Mustaine (heute Megadeth) zu ersetzen, ist mit seinen melodiösen wie halsbrecherischen Leads ein wesentliches Rückgrat der Band.

Hetfield dagegen thematisiert mit düsteren Texten die dunklen Seiten seiner Persönlichkeit. Aufgewachsen in schwierigen Verhältnissen, musste er den frühen Krebstod der Mutter verkraften. Später folgten Alkoholsucht und die Schattenseiten des Ruhms. "Ruhm kann eine dunkle, gefährliche Droge sein", erklärte er. Einen Liedtext über seine Probleme zu verfassen, hilft ihm bei deren Bewältigung. "Wenn ich über die Dunkelheit schreibe, kann ich sie mit anderen teilen und besser damit umgehen", verdeutlicht er. Es sei besser, diese rauszulassen, "als wenn sie in meinem Inneren arbeitet". Seine Familie bietet ihm Schutz und hilft ihm, den nötigen Abstand vom Rock'n'Roll-Business zu bekommen. "Familie ist das Fundament, dort fühle ich mich sicher", betonte Hetfield: "Wenn ich von einer Tour nach Hause komme, ist das wie eine Verwandlung. Ich werde dann daran erinnert, dass ich ein normaler Familienvater mit drei Kindern bin." (dpa)

 Metallica-Glanzlichter

"Ride The Lightning" Neben dem Debüt "Kill 'em All" und "Master of Puppets" ist das hier der Auslöser der Revolution: Brachial und irrwitzig kompromisslos hob diese Platte 1984 die gesamte Rockwelt aus den Angeln. Hier kommt Klang-Extremismus und melodisches Gespür perfekt zusammen. Jedes Stück ist Volltreffer und Offenbarung - ein Muss!

"Metallica" Als 1991 die großen Rock- und Metalbands vom Grunge an den Rand des Nirvana gespült wurden, erfanden sich Metallica auf geniale Weise neu, wie bereits das eröffnende Jahrhundert-Riff von "Enter Sandman" verdeutlicht: Man beschrieb den Geist der neuen Zeit mit Metallica-Mitteln und schuf die erfolgreichste Metalplatte aller Zeiten!

"St. Anger" Obwohl wegen der eher sperrigen Songs von vielen Fans ungeliebt, ist dieses Album dennoch ein Meisterstück: Hart, eigen und brutal befreite sich die Band damit 2003 aus einer tiefen Depression und demonstrierte gleichermaßen Risikobereitschaft wie einen eigenen Dickkopf. Frisch und erfreulich! Wer alte Metallica hören mag, höre "Master ...".

Metallica-Irrtümer

"And Justice For All" Als dieses Album 1988 erschien, waren viele Kids von der Wucht der legendären Vorgänger so angefixt, dass sie das neue Doppel-Album und kritiklos zum Klassiker schönhörten. Dabei musizieren Metallica hier bei grauenhaftem Sound viel zu pseudo-progressiv und verkopft. "One" hin oder her: Für Cliff-Burton-Fans war die Band damit tot!

"Load" Mitte der 90er war die größte Metalband der Welt mit sich im Unreinen: Mochte man auf dem "Black Album" noch mutig Rock und Brutalmetall vereint haben, wurde es 1996 auf "Load" und der 1997 nachgeschobenen Reste-Rampe "Re-Load" arg beliebig. Blues, Alternative, Kunst und Stromriffs tönen hier lieb- und bedeutungslos durcheinander.

"S&M" Zu einer Metal-Legende gehört eine amtliche Liveplatte, die der San-Francisco-Vierer noch schuldig ist - vor allem nach dieser überambitionierten Orchester-Fusion von 1999. Rock und Klassik kann ja prima funktionieren, doch in dem Fall musizieren Klassikklangkörper und Band einfach nebeneinander her. Das ist wie Hackbraten mit Vanillesoße.

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