Neil Young in Dresden: Der letzte Hippie

Der Folkrock-Star und seine aktuelle Begleitband "Promise Of The Real" rumpeln und raufen sich in Dresden großartig durch eine Greatest-Hits-Liste - es gibt keine Experimente, aber mit positivem Ausgang.

Dresden.

Als "der letzte Hippie, der noch immer anders ist", bezeichnete den inzwischen 73-jährigen Neil Young die Zeitschrift "Rolling Stone" vor zehn Jahren - und das trifft noch immer zu. Zwar ist das Dresdner Elbufer am Dienstagabend mit Woodstock in den 70er Jahren nur bedingt zu vergleichen, wenngleich der Einlass ähnlich schleppend verläuft. Aber ansonsten sind die Umstände eher "business as usual". Keine NGOs wie bei Youngs Konzertfeldzug gegen Monsanto vor drei Jahren; der Frau, die Pfandbecher für Unicef einsammelt, läuft man eher zufällig über den Weg, wenn man sie überhaupt findet. Die großartige britische Vorband Bear's Den bekommt mehr artigen als begeisterten Beifall. Neil Young und "Promise Of The Real" lassen das Publikum lange warten, bevor sie mit "Mansion On The Hill" beginnen, weitestgehend eine Greatest-Hits-Liste abzuarbeiten.

Das aber tun sie großartig. Lediglich "Bad Fog Of Loneliness" ist nicht ganz so bekannt. Die Band Promise Of The Real um Lukas Nelson, Sohn von Willie Nelson, muss den rauen Rumpelsound, den Neil Young vor allem mit Crazy Horse pflegte, gar nicht imitieren. Anthony LoGerfo, Tato Melgar, Corey McCormick, Logan Metz machen ihrem Namen alle Ehre: Das "Versprechen des Realen" klingt wie das Leben selbst und wie Neil Young in seinen besten Zeiten immer geklungen hat: rau, rumplig, schräg. Die Gitarren jaulen, manchmal ist es, als würden sie miteinander raufen, eine hängt immer etwas nach und alle dürfen sich solistisch ausprobieren. Nach ein paar Songs grüßt Neil Young die Zaungäste auf der Brücke, die sich den stolzen Eintrittspreis nicht leisten konnten oder wollten: "I love them." Später fordert er sie auf zu hüpfen und die Brücke zum Schwingen zu bringen, und natürlich sagt er pflichtschuldigst, er sei "froh hier zu sein".

Den neueren Songs, auch mit "Promise Of The Real" eingespielt, die teils Kommentare zur aktuellen Politik in den USA sind, vertraut der Kanadier im Holzfällerhemd offensichtlich noch nicht. Aber auch seine alten Songs haben es in sich. In "Human Highway" klagt er mit nie alternder Stimme: "Take my eyes from what they've seen./Take my head and change my mind./How could people get so unkind" - "lass mich nicht sehen, was ich gesehen habe, lass mich meine Meinung ändern; wie konnten Menschen so unfreundlich werden". "Alabama" hatte er einige Jahre lang nicht gespielt, fand das Lied über Rassismus in den Südstaaten selbst zu undifferenziert, und er habe sich das Gegenstück "Sweet Home Alabama" von Lynyrd Skynyrd redlich verdient. Jetzt spielt er es wieder. Auch "Cortez The Killer" über die Kolonisierung Amerikas ist im Programm - "Hass war eine Legende, Krieg ein unbekanntes Wort" - nachdem sich die Band zuvor in "Fuckin' Up" schon so sehr freigespielt hatte, dass die feedbackgetränkten Gitarrensoli nun immer länger werden. Was sie auch bei "Rockin' In The Free World" beweisen, den Song über die Armen auf der Straße, die Einwanderer, Verlorenen, die sich wünschen, lieber tot zu sein als so weiter zu leben. Das Lied, das zu verwenden Neil Young Donald Trump verboten hatte, singen die meisten im Dresdner Publikum laut mit. Wie eine Dampfwalze rollt der Song über das Elbufer, als wolle er allen Hass, alle Gewalt, alle Armut und alle Ungerechtigkeit hinwegjagen für ein Leben in Frieden für alle - so, wie Gerhard Gundermann das Lied interpretiert hatte: "Alle oder keiner". Und dennoch schwingt in allen Gitarrengewittern, in all den Erinnerungen an die grandiosen Zeiten, da Crosby, Stills, Nash & Young die Studentenbewegung in den USA unterstützten, auch eine Wehmut, ein Wissen um die Vergeblichkeit all dieser musikalischen Mühen mit, die Neil Young anzusehen ist.

Daran ändert auch die einzige, aber lange Zugabe "Like A Hurricane" nichts, zu der ein lädierter Engel auf die Bühne schwebt.

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