Netflix-Serie "Pose": Vorbei an Frauen, Schwarzen, Latinos und Schwulen

Wer mit dem Wort "Transgender" Schwierigkeiten hat, sollte einmal in die Serie "Pose" schauen - eine Empfehlung für AKK?

Chemnitz.

Es gibt Worte, die hört man, sie tauchen immer mal wieder im gesellschaftlichen Diskurs auf, um dann wieder zu verschwinden. "Transgender" ist so ein Wort. Hat das nicht was mit "schwul" zu tun? Hatte nicht die CDU-Parteivorsitzende bei einer Karnevalsveranstaltung in Baden-Württemberg über die Latte-macchiato-Fraktion, die für die Einführung von Toiletten für das dritte Geschlecht eintritt, "gewitzelt"? Diese neue Art von sanitären Anlagen sei "für die Männer, die nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen". Transgender sind Menschen, die ein Problem mit dem eigenen Geschlecht haben und sich im falschen Körper fühlen.

"Latte macchiato" - das war gut gewählt: Alles irgendwie nicht eindeutig: keine Milch mehr, aber eben auch kein Espresso. Laut Duden ist sowohl "der" als auch "die" Latte macchiato korrekt. Das überfordert Frohnaturen wie AKK Annegret Kramp-Karrenbauer, deren Gesichtsausdruck man schon einmal studieren möchte, wenn sie gezwungen wäre, die Serie "Pose" auf Netflix zu sehen.

Die Produktion führt in eine schillernde Subkultur der 80er-Jahre. Damals etabliert sich in einigen großen Städten eine Ball-Szene, die von Transmenschen und Homosexuellen getragen wird. Auf großen Motto-Kostümbällen wetteifern "Häuser" um Punkte, die eine prominent besetzte Jury zu vergeben hat. Wenn man so will eine "Let's dance"-Show - nur mit dem Fokus auf prächtige, oft überbordende Kleider. Die Trägerinnen und Träger präsentieren die selbst entworfenen, manchmal aber einfach auch nur geklauten Outfits mit auffälligem Posieren und zu den Hits der 80er. Das Publikum tanzt, schreit und schimpft. Nicht immer kommen die Kreationen an, ein Moderator der Show wird für seine bissigen Kommentare gefürchtet. Die Bälle werden sehr ernst genommen, die Wettbewerbe mutieren zuweilen zu richtigen "Battles", also Schlachten.

Blanca, eine Transfrau, mietet eine Wohnung, gründet als "Mutter" ein eigenes "Haus" und bietet einer Sexarbeiterin und drei mittellosen schwulen Jungs ein Zuhause. Dort stellt sie strenge Regeln für das Zusammenleben auf. Ihre Hoffnungen ruhen auf dem begabten Damon, der eine Karriere als Tänzer anstrebt. An den Wochenenden geht es zu den Bällen. Hier fordert Blanca ihre Ex-"Mutter" Electra heraus - die nicht selten eine bösartige Diva ist.

Um dieses Universum herum stricken die Autoren in acht Teilen mit großer Empathie für die Figuren Geschichten. Das ist mitunter gewöhnungsbedürftig, weil die Macher es mit der Melodramatik allzu gut meinen. Es wird viel geweint und so mancher Kalenderspruch "Das Leben ist wie ..." lässt "Pose" manchmal an südamerikanische Telenovelas erinnern. Wie in diesen, werden explizite Sexszenen vermieden, was "Pose" trotz Themen wie Prostitution, Geschlechtsumwandlung, Drogen und Aids möglicherweise auch für ein konservativeres Publikum zugänglicher macht, vielleicht sogar für AKK.

Ein Verdienst der Serie sind die Bezüge zur Gegenwart, Minderheiten werden immer noch diskriminiert. In einer Schlüsselszene wird Blanca aus einer Schwulen-Bar geworfen. Solche wie sie will man hier nicht. Schwarze werden gerade noch geduldet. "Alle wollen sich anderen immer irgendwie überlegen fühlen. Ja, und wir stehen ganz unten. Die Scheiße fließt bergab. Vorbei an Frauen, Schwarzen, Latinos und Schwulen - und wenn sie unten ankommt, landet sie auf unseresgleichen", so eine Leidensgenossin zu Blanca.

Auch das weiße Amerika kommt in "Pose" vor: Manager Stan, der im Trump-Tower arbeitet, verliebt sich in die Transfrau "Angel". Der spätere US-Präsident tritt zwar nicht auf, doch Stans Chef, Matt Bromley, ist mit all seinen chauvinistischen Sprüchen und seiner Haartolle ein Abziehbild von Donald Trump.

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