Neuer Roman von Linn Ullmann: Tückische Erinnerungen

Die norwegische Schriftstellerin Linn Ullmann hat einen Roman über ihre Eltern geschrieben. Und dieser Stoff hat es in sich - bei den Eltern handelt es sich um Regisseur Ingmar Bergman und Schauspielerin Liv Ullmann.

München/Oslo.

Minutenlang lässt er die Kamera auf ihrem Gesicht ruhen: das Gesicht einer jungen Norwegerin, Liv Ullmann. Den Film "Persona" drehte der schwedische Regisseur Ingmar Bergman mit der um 21 Jahre jüngeren Schönheit im Spätsommer 1965. Sie werden ein Paar, bekommen eine Tochter und trennen sich 1969 wieder. Die Tochter, Linn Ullmann (51), hat einen Roman geschrieben - über ihre Eltern, über sich, über Erinnerung: "Die Unruhigen".

Erinnerungen sind tückisch. Die Erinnerung verklärt, verweigert, verdrängt und betrügt. Sofort konfrontiert Ullmann den Leser mit den Schwierigkeiten ihres Vorhabens, mit Irrtümern der eigenen Erinnerung und der Schwierigkeit, valide Aussagen mit Hilfe des Gedächtnisses zu treffen. Darum schreibt sie: Es ist eine fiktive Geschichte - das macht sie aber nicht weniger wahr. Um über wirkliche Personen zu schreiben, ist es notwendig, sie zu fiktionalisieren, glaubt sie: Dies sei der einzige Weg, ihnen Leben einzuhauchen.

Am Tag ihrer Taufe als Einjährige hat ihr der Vater einen Brief geschrieben: Mir gefällt dein Aussehen, weil du schon wie ein kleiner Mensch aussiehst und nicht nur wie ein verschwommenes Baby. Ich habe das Gefühl, dass du und ich uns eines Tages verstehen werden. Das tun sie und sie wollen ein Buch zusammen schreiben. Im Sommer 2007 treffen sie sich zu sechs Gesprächen und nehmen sie auf Tonband auf. Zu dem von Bergman mit schwerer Hand in seinem Kalender eingetragenen siebenten Termin kommt es nicht mehr. Langsam, viel zu langsam, hat er die vier Buchstaben L I N N eingetragen. So langsam, dass die Tochter ihre Hände festhalten muss, um nicht aus Ungeduld einzugreifen. Ihr gemeinsames Projekt wurde vom Alter eingeholt.

Alt werden ist Arbeit. Aufstehen ist Arbeit. Sich waschen ist Arbeit, sich anziehen ist Arbeit, an die frische Luft gehen ist Arbeit, anderen Menschen begegnen ist Arbeit. Es gibt niemanden, der über diese Arbeit spricht. Fernando Pessoa schreibt das in "Das Buch der Unruhe": Vater und Tochter wollten genau darüber sprechen. So wurde Pessoas Buchtitel bei der Planung zum Arbeitstitel des Projekts. Und blieb erkennbar. Gemeinsam wollen Vater und Tochter ein Buch über das Altwerden schreiben. Aber sie beginnen spät. Er wurde älter, alt, er sagte, Dinge verschwänden. "Was für Dinge?", fragt die Autorin ihren Vater - "Worte, Erinnerungen", antwortete der in Cannes zum "besten Filmregisseur aller Zeiten" gekürte Bergman wenige Monate vor seinem Tod im Juli 2007. So wurde es ein Buch übers sehen, sich erinnern, verstehen.

Die mit Bergman geführten Gespräche gibt die vielfach ausgezeichnete und in über 30 Sprachen übersetzte Schriftstellerin in ihrem genreübergreifenden sechsten Roman protokollarisch wieder. Die Gespräche sind Überreste eines aufgegebenen Buchprojekts - zugleich gaben sie den Anstoß für den vorliegenden Roman. Sie sind der rote Faden, der durch das Buch führt und die sperrige, unsichere und mithin innige Beziehung zwischen dem schwedischen Filmemacher und der Autorin, seiner Tochter, offenbart.

Elegant verknüpft Ullmann die Gespräche mit der Gegenwart und mit Rückblenden in ihre Kindheit. An Erlebnisse mit der Mutter. Oder mit dem Vater. Erlebnisse zu dritt gab es nicht. Es ist eine zerrissene Kindheit, von der Ullmann erzählt: Wie die acht Kinder Bergmans aus früheren Beziehungen lebt auch Ullmann als neuntes Kind Bergmans bei der Mutter. Deren tiefste Sehnsucht ist es, bedingungslos geliebt und gleichzeitig ganz in Ruhe gelassen zu werden - ein Konflikt, in dem das Kind aufwächst. Ihre Kindheit bei stetig wechselnden Kindermädchen und in immer neuen Wohnungen und wechselnden Städten sowie ihre stets identisch durchkomponierten Sommerwochen beim Vater auf der schwedischen Ostseeinsel Fårö, erzählt Ullmann als die Kindheit von "dem Mädchen". Erst mit Erreichen des Teenageralters wird die Autorin zur Ich-Erzählerin.

Für eine erfolgreiche Liebesbeziehung, zitiert Ullmann ihren Vater, muss man sicher sein, dass es einem gelingt, zwischen Erwachsenem und Kind zu wechseln. Man kann nicht die ganze Zeit Kind sein, auch wenn es das ist, wozu man Lust hat. Ullmann wechselt in ihrem Roman erfolgreich: Sie beschreibt ihre Eltern als Menschen, nicht nur als Eltern. Ullmann erkennt Mutter und Vater als "Kinder der kleinen Welt". Meine Mutter und mein Vater wollten verlorene Söhne sein, beide, und wenn das Fest vorbei war, wollten sie heim. Oder fort. Oder heim. Oder fort. Denn der verlorene Sohn ist der meistgeliebte. In dieser Einsicht in die Angst und Unruhe ihrer Eltern findet Ullmann einen sanften, liebevoll neckischen Ton, der durch alle vierhundert Seiten trägt.

Das Buch ist eine einfühlsame Auseinandersetzung mit Zeit, Erinnerung und Trauer - aber es ist niemals düster oder dunkel, sondern berührend, sonnig und ausgestattet mit feinem Humor.

Übersetzt wurde das in Norwegisch verfasste Werk von Paul Berf, der ebenfalls im Genre der Autofiktion bereits das Opus Magnum Karl Ove Knausgards vom Norwegischen ins Deutsche übertrug.

Das Buch Linn Ullmann: "Die Unruhigen". Verlag: Luchterhand. 416 Seiten. 22 Euro.

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