Neues Album von Coldplay: Songs gegen die Tristesse

Die Band gehört zu den erfolgreichsten der Welt, ist aber ausgerechnet in ihrem heimischen Indie-Genre mehr und mehr umstritten. Nun legen die Briten mit "Everyday Life" nach einigen poppigen Millionensellern wirklich das von den Fans erwartete experimentelle Album vor.

London.

Ein Riesengeheimnis wurde bis zuletzt ums neue Album von Coldplay gemacht. Jede Äußerung, die Sänger Chris Martin in Interviews rausließ, führte zu wilden Spekulationen im Internet. Im Vorfeld schickte die Band 150 Briefe mit den neuesten Infos an treue Fans und veröffentlichte die Tracklist von "Everyday Life" (Parlophone/ Warner) in der North Wales Daily Post (bei der Gitarrist Jonny Buckland mal einen Ferienjob gemacht hat) und danach in anderen Lokalzeitungen rund um den Globus. Für jeden Song war eine Anzeige geschaltet.

Die Werbung ist wie immer gut. Das kennt man von Coldplay. Bei der EP "Kaleidoscope" (2017) spendete die Band die kompletten Einnahmen des Songs "Aliens" medienwirksam an Migranten, die sich "auf der gefährlichen Reise nach Europa befinden". Was aber ist mit den 16 Songs des neuen Doppelalbums, dessen eine Hälfte mit "Sunrise" und die andere mit "Sunset" betitelt ist? So viel gleich vorneweg: "Everyday Life" ist wirklich das von den Fans erwartete experimentelle Album geworden. Das beste seit "Viva La Vida" (2008). Es gibt Einflüsse von Klassik, Gospel, Jazz und Weltmusik und ist trotzdem ein typisches Coldplay- Album.

"Wir haben eine Menge unglaublicher Dinge getan und es fühlte sich an, als hätten wir alles erreicht, was wir jemals erreichen wollten", sagt Chris Martin. "Also ist das Einzige, was wir als nächstes tun können, unseren Herzen zu folgen, uns keine Sorgen um kommerzielle Dinge zu machen und den Gefühlen zu folgen und uns mit der Musik wohlzufühlen." Schon das rein instrumentale Intro "Sunrise" setzt mit Streichern das Signal. Es klingt wie klassische Filmmusik. In "Church" setzt ein lockerer Rhythmus ein zu dem U2-Gitarren kommen, bevor das Ganze mit Sufi-Gesängen endet. Genial. "Trouble In Town" geht so weiter. Eine wummernde Basslinie, ein Piano, nach drei Minuten öffnet sich der Song und hebt ab. So psychedelisch hat man Coldplay seit "A Rush Of Blood To The Head" (2002) nicht mehr gehört.

Bei "BrokEn" folgt dann der erste Bruch. Ein waschechter Gospelsong mit Chor. Mit "When I Need A Friend" folgt später ein weiteres "Choralwerk". In "Bani Adam" intoniert ein klassisches Klavier, bevor arabischer Sprechgesang dazu kommt. "Old Friends" setzt mit Flageolett und Konzertgitarre ein. "WOTW/ POTP" klingt wie ein Demo, das Martin mit seiner Akustik eingespielt hat. Und "Arabesque" mit Bläsern und französischem Gesang von Gaststar Jacob Collier sprengt dann endgültig alle Gattungsgrenzen. Wem das jetzt zu experimentell klingt, der sei beruhigt: Natürlich gibt es mit der Vorabsingle "Orphans" auch wieder einen tanzbaren Stadion-Hit wie man ihn seit "Mylo Xyloto" (2011) von Coldplay kennt; außerdem jede Menge wunderbar ruhige Balladen wie "Daddy", "Eko" oder den herrlichen Titeltrack "Everyday Life", bei denen Chris Martin zum Klavier singt.

Neben Jacob Collier gibt es Gastauftritte von Stromae, Femi Kuti und Tiwa Savage. In den Texten geht es um Rassismus, Krieg, die Waffenlobby und Korruption. Die Songs reagieren auf den tristen Zustand der Welt und wollen, wie Chris Martin betont, etwas Positives entgegensetzen. Wohlfühlen mit Coldplay! Das gelingt mit dem neuen Album. Zumindest 16 Songs lang.

Ein Video zum Song "Everyday Life"

 

 

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