Nicht zum Drunterkehren!

Geknüpft, gewebt, gewirkt, rot wie bei der Oscar-Verleihung oder bildintensiv - der Teppich ist ein Zeugnis der Menschheitsgeschichte. Zeit, dem Teppich selbst einmal den roten Teppich auszurollen.

Dieser Tage hatte ein Vertreter seiner Zunft wieder den ganz großen Einsatz: Sonntagnacht, 92. Oscar-Verleihung in Los Angeles, Stars und Sternchen des Filmgeschäftes werden aufmerksam beobachtet rund um den Erdball und vor Ort bejubelt bei ihrem Defilee über den - genau: über den roten Teppich.

Dieser farbintensive, meist lang ausgerollte Läufer, seit jeher Ausdruck besonderer Wertschätzung, ist keine Erfindung unserer Zeit. Sind es heute Prominente, Stars oder Staatsoberhäupter, die zu besonderen Anlässen über den Roten Teppich schreiten, wurde laut Überlieferung aus der griechischen Mythologie bereits König Agamemnon bei seiner Heimkehr aus dem Trojanischen Krieg ein Purpurteppich ausgerollt, damit seine Füße die Erde nicht berühren. Das ist lange her.

Kein Wunder, kann die Geschichte des Teppichs doch bis in die Anfänge der menschlichen Kultur zurückverfolgt werden, lässt man Geflochtenes als Vorläufer gelten. Was nicht zu weit hergeholt ist, denn beim Flechten sprechen Experten von einer Vorstufe des Webens. Der älteste bekannte Nachweis eines "richtigen", eines geknüpften Teppichs, ist der sogenannte Pasyryk-Teppich, gefunden in einem Grab im Pasyryktal im südsibirischen Altai-Gebirge. Er soll um 500 vor Christus entstanden sein. Um 330 vor Christus brachte dann Alexander der Große erstmals Orientteppiche von seinen Feldzügen mit ins Abendland. Wesentlichen Eingang in Europa fand der Orientteppich über Spanien, wo bereits 710 nach Christus die Mauren eine Dynastie gründeten und die Fertigkeit des Teppichknüpfens mitbrachten. Im 11. Jahrhundert entwickelte sich in Europa die Bildwirkerei, es entstanden die ersten Wandteppiche.

Aber Schluss mit Zahlen und Namen. Der Siegeszug des Teppichs war nicht mehr aufzuhalten, egal, ob er als einfachster Gebrauchsgegenstand oder kostbares Kunstwerk in Hütten oder in Palästen lag. Oder eben hang. Immerhin gelten Wandteppiche als Vorläufer unserer Tapeten, zumal diese ihnen ihren Namen verdanken: Das lateinische Wort "tapeta" bedeutet schlicht Teppich.

Aber Teppich und das Wörtchen schlicht? Das passte über Jahrhunderte immer weniger zusammen. Mal abgesehen von der eigentlichen Herstellung, die relativ einfach ist. Denn geht man von einem geknüpften Teppich und damit von echter Handarbeit aus, war und ist Grundlage des Knüpfens lediglich das Beherrschen von speziellen Knoten. Die sollen, heißt es, weniger kompliziert als eine Schuhschleife sein. Das Problem liegt im Gleichmaß, in der Kontinuität und in der Fähigkeit, vom ersten bis zum letzten Knoten das große Ganze nicht aus den Augen zu verlieren. Auch wenn es Jahre bis zur Fertigstellung dauern kann, denn bis zu einer Million Knoten stecken in einem Quadratmeter Seidenknüpfteppich. Das ist fast unvorstellbar. Oftmals auch fast unbezahlbar. Wen wundert es, dass ein wertvoller Orientteppich noch heute eine lohnenswerte Geldanlage ist.

Selbst als die ersten mechanischen Webstühle, später dann Industriemaschinen, zum Einsatz kamen - den textilen Gebilden, egal, ob geknüpft, gewebt oder gewirkt, ging jegliche Schlichtheit verloren. Teppiche wurden mehr und mehr zum Spiegelbild oftmals unbekannter Welten, vertiefte man sich in die Muster, Farben, Zeichen und Symbole. Sie erzählen Geschichte und Geschichten, ganz egal, ob die Teppiche aus Persien oder Anatolien, aus Indien, China, Tibet, aus dem Kaukasus oder aus Europa kamen, ob Seide oder Wolle verwendet wurde: Die Wahl der Farben, der Einsatz der Bilder und Symbole waren von hoher Bedeutung. So sieht man den Teppich seit jeher auch als einen Informationsträger, als ein Zeugnis der Menschheitsentwicklung. Als ein Geschichtsbuch schlechthin. Berühmtestes Beispiel dafür ist der legendäre Teppich von Bayeux.

Diese wahrscheinlich um 1082 entstandene Stickarbeit, eher ein Wandteppich, ein Wandfries, nennt man heute gern das erste Comic der Menschheitsgeschichte. Etwa 68 Meter lang und rund einen halben Meter hoch zeigt das Geschichtsdokument in 58 Einzelszenen, zum Teil mit Texten versehen, die Eroberung Englands durch die Normannen und endet mit der Schlacht von Hastings am 14. Oktober 1066. Der Teppich ist eines der bemerkenswerten Bilddenkmäler des Hochmittelalters, wird seit 1982 im eigens dafür errichteten Museum in Bayeux, Normandie, ausgestellt.

Ebenfalls ein ganzes Museum widmet die Vogtlandstadt Oelsnitz im Schloss Voigtsberg dem Teppich. Von der Galerie unterm Dach bis ins Erdgeschoss erfährt der Besucher, welche wunderbaren Eigenschaften ein Teppich besitzt, was die Muster besagen, die Farben ausdrücken, auf welchen Maschinen die Schmuckstücke entstehen und entstanden sind. So kann der Gast Bekanntschaft machen mit dem "Alten", 1881 gefertigt, dem "Aufwändigen", eine versierte Weberin schaffte an einem Arbeitstag lediglich einen Quadratmeter, dem "Modebewussten" oder dem "Dauerbrenner".

Es gibt in Deutschland kaum eine Handvoll Teppichmuseen. Nicht ohne Grund ist eines der attraktivsten im Vogtland beheimatet, heißt es doch "Was für Meißen das Porzellan ist für Oelsnitz der Teppich". 1880 wurde in der Stadt die erste maschinelle Teppichfabrik gegründet, 1900 zählte die Firma Koch & Te Kock, benannt nach ihren Gründern, bereits 1600 Beschäftigte, 1913 war Halbmond, wie man sich später nannte, zur größten Teppichweberei in Deutschland aufgestiegen. Es folgten Höhen und Tiefen, doch die Erfolgsgeschichte konnte nach dem Zweiten Weltkrieg weitergeschrieben werden: Der VEB Halbmond-Teppiche Oelsnitz, später mit weiteren Betrieben zu einem Kombinat vereinigt, wurde weltweit ein Begriff. Man könnte mit Zahlen nur so um sich werfen: 1959 verließen rund 1,5 Millionen Quadratmeter Teppich, das entspricht rund 150 Fußballfeldern, den Betrieb, 20 Jahre später lag der Ausstoß bei sieben Millionen Quadratmetern. Schon 1965 wurde in 57 Länder exportiert. Und auch in der DDR wird es wohl kaum eine Wohnung gegeben haben, in der nicht "ein Halbmond" den Fußboden bedeckte. Bis in die Gegenwart werden im Vogtländischen Teppiche produziert.

Generell in den vergangenen Jahrzehnten wohl mal mehr und mal weniger, weil Teppiche heutzutage eben auch der Alltagsmode unterworfen sind. War es ab etwa der 1970er-Jahre schicke Wohnkultur schlechthin, wenn von Wand zu Wand verlegter Teppichboden, die Auslegeware, in deutschen Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmern dominierte, wandelte sich der Trend ab den 1990er-Jahren kontinuierlich. Dem Teppichboden erging es ähnlich wie der Tapete: Beides verschwand immer mehr. Das Schlichte war angesagt, weiße Wände, Holz, kühle Fliesen oder Laminat auf dem Boden. Inzwischen sprechen Fachleute wieder von einer Renaissance des Teppichs, aber weg vom Massendesign. Entwürfe renommierter Gestalter machen Boden gut, setzen wohldosierte Akzente im Wohnbereich.

Also einmal mehr: Der Teppich als Kunstwerk erobert wieder den Raum. Kunst am Boden, mit Füßen getreten, könnte einem in diesem Zusammenhang in den Sinn kommen. Ja, er muss sich allerhand gefallen lassen, der Geknüpfte, Gewebte, Gewirkte. So mancher will etwas unter ihn kehren, andere werden mehr oder weniger streng aufgefordert, auf dem Teppich zu bleiben. Er steht für Schönes und Schreckliches, spricht man vom Blüten- oder vom Bombenteppich, vertritt als fliegender Teppich das Märchenhafte, als Gebetsteppich das Religiöse. Er liegt also nicht nur zu unseren Füßen, sondern ist oftmals auch in aller Munde. Und so war es an der Zeit, dem Teppich selbst einmal den roten Teppich auszurollen. www. schloss-voigtsberg.de

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