Niedergerungen, aber unbesiegt

Ein Ensemble aus dem Libanon hat am Mittwoch das Festival "Tanz Moderne Tanz" im Chemnitzer Schauspielhaus eröffnet: ein eindrücklich düsteres Spektakel mit einer fiesen Drohne über den Köpfen.

Chemnitz.

Das hat man auch nicht alle Tage: eine Drohne, die in einem Tanzstück auf der Bühne mittanzt. Oder sagen wir besser: mitzuckt, auf und ab schwebt, teils bedrohlich nah über den Köpfen der wirklichen Tänzer surrt. Sie richtet ihre scheinbaren Augen auf das Bühnengeschehen und auf das Publikum, und sitzt man in letzterem, mag man denken: Hau ab, du fieses Ding! Aber sie haut nicht ab. So, wie Elend nicht einfach abhaut. Darum geht es. Ein Elend, das in ein eindrücklich düsteres Spektakel verwandelt wurde: Damit hat das Maqamat Dance Theatre aus dem Libanon am Mittwochabend das Festival "Tanz Moderne Tanz" in Chemnitz eröffnet.

Was man nicht alle Tage hat, ist auch das Festival selbst. Vor fünf Jahren fand es zum ersten Mal statt, erfunden hat's die Schweizerin Sabrina Sadowska, Leiterin des Balletts am Chemnitzer Theater. Eingeladen werden Ensembles aus aller Welt, um zeitgenössischen Tanz zu zeigen. Der bricht mit klassischem Ballett. Zeitgenössischer Tanz widmet sich allen möglichen Themen, auch politischen, integriert Alltagsbewegungen, ist manchmal mehr Theater als Tanz und fokussiert dennoch auf den Körper, der Gefühlen, Zuständen und Gedanken Ausdruck verleihen soll. So spannend er ist - weil er mit herkömmlichen Erwartungen bricht, muss er mitunter um Zuschauer buhlen. Die Erfahrung kennt auch das Chemnitzer Festival. Aber buhlen kann lohnen. Der Auftakt am Mittwochabend mit einem zu gut zwei Dritteln gefüllten Schauspielhaus darf als sehr gut besucht gelten. Zumal draußen bestes Sommerwetter herrschte und sich das angekündigte Tanzstück um Krieg drehte. Da hätte weniger Interesse befürchtet werden können.

Das Stück des Maqamat Dance Theatre, "#minaret", bezieht sich auf die heutige kriegszerstörte, syrische Stadt Aleppo und das Minarett ihrer Umayyaden-Moschee, das im Krieg einstürzte. Choreograf und Tänzer Omar Rajeh geht in seinem Stück zum Beispiel den Fragen nach, was Zerstörung in uns bewirkt, was die Vernichtung einer Stadt bedeutet und was mit Menschen passiert, die sich täglich Gewalt gegenübersehen und durch Krieg und Flucht letztlich Identität und Herkunft verlieren.

Auf der in schwarz gehaltenen Bühne agieren die Tänzer in schwarzer Alltagskleidung, sodass vor allem ihre Gesichter und nackten Arme, Beine, Hände und Füße im Scheinwerferlicht leuchten - das stärkt den Fokus des Zuschauers auf Köpfe und Gliedmaßen, die sich rasend schnell, expressiv, eckig und ekstatisch zu elektronischer Musik bewegen. Die Klangkulisse hämmert, dröhnt und ächzt, ist aber auch mit traditioneller arabischer Musik verwoben, die live auf der Bühne gespielt wird. Es ist ein irrer Sound, der hilft, die düstere, bedrohliche, aber auch sehnsuchtsvolle und mit Spannung geladene Atmosphäre zu halten. Oft sind Töne und Bewegungen exakt aufeinander abgestimmt, da scheint der Boden zu poltern, wenn Tänzer springen und mit ihren Füßen wieder aufsetzen. Das Schnelle in dem Stück erzählt von Unruhe, Aufruhr, vom Entgegenstemmen. Aber die Drohne ringt die Tänzer zu Boden, und man erinnert sich an Nachrichten von unbemannten, militärischen Flugobjekten, die Menschen töten. Die Bilder, die die Drohne von den sich am Boden windenden Tänzern macht, erscheinen auf einer Videowand. Irgendwann spiegelt sich dort auch das Publikum, es zeigt unser Zuschauen - im Theater wie im Weltgeschehen. Es kann einem kalt den Rücken runterlaufen. Und wenn das ein Stück schafft, hat es vieles richtig gemacht.

Das Niedergerungene formt in diesem Stück aber nicht das Ende. Körper erheben sich, versuchen, in Tritt zu kommen. Zum Schluss steht ein mit blauer Farbe verschmierter, derangierter Mensch im Mittelpunkt. Man will sich nicht vorstellen, wie dieses Bild mit roter Farbe wirken würde.

Das Stück erzählt Krieg und Flucht nicht eins zu eins nach. Aber es zeigt eindrückliche Bilder, Gesichter und Emotionen, die im besten Fall das Abstumpfen gegenüber Kriegsnachrichten für einen Moment mildern können. Ein starkes Ausrufezeichen zum Festivalauftakt. Begeisterter Applaus.

Das Festival "Tanz Moderne Tanz" findet noch bis zum Sonntag in Chemnitz statt. Das Programm steht im Internet unter: www.freiepresse.de/tanzmodernetanz

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