Panischer Gegenpräsident

Nach 20 Jahren hat Udo Lindenberg am Dienstagabend seinen Chemnitzer Fans abermals seine Aufwartung gemacht, bevor er Donnerstagabend in Riesa konzertiert. Obgleich älter geworden, ist er nach wie vor der Alte. Auch in der Hinsicht, dass er zu politischen Themen immer noch etwas zu sagen hat.

Chemnitz.

"Es ist so geil, wieder bei euch zu sein!", begrüßt er die rund 7000 Chemnitzer Fans. 20 Jahre ist es her, dass Udo Lindenberg zuletzt bei den "Sizilianern von Sachsen" gastiert hat - damals in einer Tennishalle in Röhrsdorf. Endlich konnte er alle seine ostdeutschen Freunde kennenlernen, was dem Mauer-Kritiker zuvor so schmerzlich verwehrt war: Gerne denkt er zurück an die Nachwendezeit, als "überall Party und plötzlich alles easy" war. Sogar einen der letzten Trabis aus Zwickau konnte der Wessi damals ergattern - quasi eine gesamtdeutsche Symbolhandlung.

Nun endlich, einen dramatischen Alkoholabsturz und ein furioses Comeback später, war die Gelegenheit für den Neuaufschlag günstig: Nachdem die "Stärker als die Zeit"-Stadion-Tour des Grandseigneurs letzten Sommer mit sieben Stationen knapp bemessen und natürlich ausverkauft war, sollten 2017 auch kleinere Städte ihre dicke Dosis "Udopium" abbekommen. Nach Chemnitz und Riesa sind diese Woche noch Erfurt und Leipzig an der Reihe. Sicher, ganz so bombastisch wie in den Open-Air-Venues der "Bunten Republik Deutschland" lässt es sich in der Chemnitzer Messehalle nicht angehen. Deswegen wurde die Show auch kräftig abgespeckt: Statt mit dem Ufo einzufliegen oder Promis wie Clueso, Otto Waalkes oder Helge Schneider auf die Bühne zu holen, ist die Neuversion der Show direkter, musikalischer, politischer. In Sachen Sound-Power und Leinwandgröße übertrifft das Udos Technik-Setup allerdings noch immer die Show der Rolling Stones; und wenn die "Panik-Titanic" einfährt, ist das Getöse beeindruckend ohrenbetäubend. Den Genuss trübt da nur, dass viele Winkel der Messehalle trotz aller High-Tech eine klinisch tote Akustik aufweisen.

Doch dafür kann der Meister freilich nix: Auf einem opulenten Steg wirbelt Udo, der wie gewohnt mit der Unterlippe grimassiert, schwer auf Party gebürstet ist und dazu das Kabel-Mikrofon wie ein Zepter schwingt. Ein Kunststück: In einer Woche wird der Meister 71 Jahre alt. Kokettiert er zu "Cello" ohne Sonnenbrille mit der Kamera, kann der schwarze Kajalstift sein Alter kaum kaschieren - doch dafür singt er im Dauerlauf, im Stehen und im Liegen, nur um danach wieder wie ein Stehaufmännchen hochzuschnappen. Anfangs noch recht verhalten, später mit viel Radau feiern die Fans ihren Helden: Für seine Songs, sein Lebenswerk, seine Haltung. Nein, Lindenberg ist nicht nur ein zäher Rocker mit nach wie vor genialen Song-Ideen. Er beweist sich als authentische, zeitgeschichtliche Ikone, die auch heute noch viel zu sagen hat: Die Leinwand zeigt zur viel zitierten Anti-Neonazi-Hymne "Sie brauchen keinen Führer" einige Fotos rechter Protagonisten des aktuellen Weltgeschehens. Erdogan, Putin, Höcke oder Wilders - ihnen allen wurden Partyhüte aufmontiert.

"This is not our President", ruft Udo in Richtung Amerika. Und zeigt seine Freude darüber, dass es zur Wahl in Frankreich ja "gerade noch mal gut gegangen ist". Umso wichtiger sei, dass auch hierzulande mit reichlich "Straßenfieber" immer wieder kräftig demonstriert wird.

Da wird die Musik beinahe zur Nebensache: Satt abgemischt spielt die Band mitreißend auf den Punkt - allen voran Udos langjähriger Wegbegleiter Karl-Georg "Steffi" Stephan, der seinen 70. Geburtstag auf der Chemnitzer Bühne feiert. Ein A- cappella-Ständchen offenbart Udos begrenzte sangliche Fähigkeiten, dafür aber umso mehr seine herzenswarme Loyalität. Auch die schrille Gitarristin Carola Kretschmer darf nicht fehlen, ebenso wie die taufrische Josephine Busch, ihres Zeichens Frontfrau des Udo-Wende-Musicals "Hinterm Horizont", das inzwischen aus Berlin nach Hamburg umgezogen ist. Passend dazu bastelt die Band aus "Reeperbahn" von 1978, später mit Jan Delay neu vertont, einen waschechten Hip Hop. Zum Grand Finale mit der "Honky Tonky Show" entfacht das Konzert trotz des undankbaren Dienstagabendtermins sein gesamtes Eskalations-Potenzial: Im Deichkind-Stil schippert ein Schlauchboot durch die Massen und verteilt Konfetti. Auf der Bühne mutieren Tänzer und Sänger zu kostümierten Krankenschwestern und russischen Kommandanten. So bunt, so grenzenlos: "Nimm dir das Leben und lass es nicht mehr los, mach es stark und groß" - diese Mission ist zweifellos gelungen. Udo legt den Astronautenhelm an und startet zurück ins All. Auf dass es bis zum nächsten Mal nicht wieder 20 Jahre dauert.

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