Peter Heppner: "Fremdes kann man sich bekannt machen"

Der Sänger über seine beiden neuen Soloalben, Missverständnisse aus der Vergangenheit und seine Lust am Widerspruch

Hamburg.

Über sechs Jahre gab es von einem der eindringlichsten und markantesten deutschen Sänger kein Tonträger-Lebenszeichen, und nun sind es gleich zwei : Mit "Confessions & Doubts" und "Tanzzwang" legt Peter Heppner am Freitag zwei stilistisch unterschiedliche Alben vor, die sich im Wesenskern aber doch erstaunlich nah sind. Beide zeigen Heppner im Jahr 20 nach "Die Flut", seinem erdrückenden Duo-Hit mit Joachim Witt, in einer kreativen Hochform, die man ihm selbst nach seinen beeindruckenden Alben "Solo" (2008) und "Heart Of Stone" (2012) so nicht zugetraut hätte. Wie das kommt? Tim Hofmann hat mit Peter Heppner gesprochen.

Freie Presse: Herr Heppner, warum gleich zwei Platten?

Peter Heppner: Ich habe mit allen Komponisten zusammengearbeitet, die ich im Lauf meiner Karriere kennengelernt habe. Am Ende hatten wir 30 Stücke, und ich fand die alle so gut, dass ich nicht zwei Drittel auszusortieren wollte.

Warum haben Sie kein Doppelalbum gemacht?

Bei meinen letzten Platten waren immer relativ wenig tanzbare Stücke dabei. Ich überlege, auch mal einen DJ-Set zu machen, da braucht man Material, also habe ich drauf geachtet, dass einige der Ideen entsprechend entwickelt wurden. Die Trennung hat sich dann angeboten.

Abseits der Stilistik sind sich beide Platten atmosphärisch aber schon ähnlich: Im Vergleich zu Ihren letzten Werken klingen die neuen Stücke wieder ziemlich traurig, wie kommt das?

Findest Du? Ich würde es eher nachdenklich nennen. Natürlich gibt es ein paar traurige Lieder, aber das ist ohnehin der Bereich der menschlichen Seele, mit dem ich mich beschäftige. Ich war nie der Typ für Friede, Freude Eierkuchen.

Vielleicht hätte ich nicht als erstes "Theresienstadt" anhören sollen?

Ja, das ist wirklich traurig. Das Stück musste daher auch unbedingt ans Ende der Platte: Was will man danach noch spielen? Ich bin Schirmherr des Musikdramas "Die Kinder der Toten Stadt", darin geht es um die Kinder in Theresienstadt, und ich wollte ein Stück beisteuern. Ich habe versucht, mich in die Situation zu versetzen. Was würde ich sagen, wenn ich ein Kind dieser "Toten Stadt" gewesen wäre?

"Fremd in diesem Land" vom "Tanzzwang"-Album ist auf eine ambivalente, aktuelle Weise auch sehr traurig. Wollten Sie die Risse in der Gesellschaft zeigen, die man sonst übersieht?

Merkwürdigerweise entwickeln sich in den letzten Jahren ganz verschiedene Gruppen von Menschen, die sich in diesem Land immer fremder fühlen. Das fand ich extrem interessant. Also habe ich beispielhaft zwei Menschen nebeneinander gestellt, die dieses Gefühl aus ganz verschiedenen Gründen haben. Da schwingt natürlich mit, dass diese Gruppen sich auch gegenseitig das Land fremd machen, beide machen ja nicht alles richtig. Aber der Kern ist: Fremdes kann man sich ja bekannt machen! Im Lied versäumen das beide: Der eine will, das alles wieder wird wie früher, und der andere will sich an das Neue, das er vorfindet, nicht gewöhnen.

Sprechen wir von der "Flut", Ihrem Hit mit Joachim Witt, der vor 20 Jahren Kontroversen heraufbeschwor. Sie hatten damals mit Unschärfen gespielt ...

Neeneenee! Finde ich absolut nicht! Das konnte ich nie nachvollziehen, diesen Vorwurf, dass wir uns da nach rechts geöffnet hätten oder so. Bei der "Flut" geht es allein um einen inneren Kampf, bei dem jemand mit seinem bisherigen Leben hadert. Aber im Grunde hatte die Diskussion mit dem Lied selber auch gar nichts zu tun. Viele Journalisten haben damals einfach die Subkulturen nicht richtig verstanden. Da hat es für einen Verdacht oft schon gereicht, wenn man deutsch gesungen hat. Damals ist eine Alternative-Szene groß geworden, mit der man sich zuvor nie befasst hatte, und plötzlich hat man nach komplizierten Erklärungen gesucht. Dabei lag das großteils daran, dass mit der Wende viele neue Fans dazukamen, die kein Englisch konnten.

Umgedreht haben heute viele Künstler Probleme mit Vereinnahmung von rechts. Wie froh sind Sie, dass "Die Flut" da noch nicht "wiederentdeckt" wurde?

Superfroh! Ich habe das Problem ja mit "Wir sind Wir", dem Song mit Paul van Dyk zur Fußball-EM 2004. Der wird schon bei der einen oder anderen AfD-Veranstaltung gespielt. Ich halte dem entgegen: Diese Leute haben ihn einfach nicht verstanden. "Wir sind wir" ist eine Bestandsaufnahme, dieses "Wir", das sind alle Menschen, die hier leben, die dieses Land erlebt und geformt haben. Mein "Wir" schließt niemanden aus. Wenn jemand daraus einen kleineren Kreis machen will, kann ich nur persönlich mit ihm diskutieren.

Auch in der Schwarzen Szene, in der Sie mit Wolfsheim groß geworden sind, wurden Sie wegen ihrer Kollaborationen oft heftig kritisiert ...

Ich war nie ein Künstler, der direkt auf diese Szene zielt. Aber ich wollte diese Szene immer ansprechen, Ob ich ohne die Szene könnte, weiß ich gar nicht - ich will es ja nicht. Ich habe auch immer persönlich mit den Leuten diskutiert, ich war immer in Internetforen, damals auf Myspace und heute auf Facebook. Solche Kritik ist ja oft auch reflexhaft. Mit Wolfsheim hatten wir mal einen Song, der hieß "Wunderbar". Das gab eine unglaubliche Welle der Empörung, das war zu positiv. Es stellte sich aber schnell raus: Die meisten Kritiker hatten das Lied, das ja sehr ironisch war, gar nicht gehört.

Gab es einen Punkt, an dem Sie gemerkt haben, dass der Erfolg nachlässt und Sie entspannter werden müssen?

Ich kenne solche Stellen im Leben. Aber die sind gar nicht so punktartig, eher allmähliche Entwicklungen. Ich habe nie wirklich auf meinen Erfolg geachtet. Er hat die Miete bezahlt, das war okay, aber er war nie meine Motivation. Ich war nie der erste, der gemerkt hat, wenn Erfolg kam oder ging.

Ich frage, weil Sie das Thema in "Was bleibt", Ihrem neuen Duett mit Joachim Witt, aufmachen.

Ja, das sind wieder die beiden Pole, die ich so reizvoll finde: Joachim macht sich in dem Text groß einen Kopf, ringt mit sich, seinem Sinn: War alles richtig, was habe ich erreicht? Da macht es mir Spaß entgegenzuhalten: Wen kümmert das? Es macht doch keinen Sinn, immer zurückzublicken. Was soll die Frage nach dem, was bleibt? Wichtig ist doch eher, was kommt!

Vor allem auf "Confessions & Doubts" ist die Produktion bemerkenswert, Ihre Stimme ist außergewöhnlich in Szene gesetzt. Wie kam das?

Die Plattenfirma hat mir eine Liste mit Produzenten gegeben, und ganz oben stand Alex Lys. Der hat Songs für Max Giesinger, Jennifer Rostock oder Wincent Weiss gemacht, und mir war klar, dass das deren Favorit ist. Das hat mich misstrauisch gemacht, aber beim ersten Treffen hatten wir direkt das Gefühl, uns schon ewig zu kennen, wir haben uns auf Anhieb super verstanden und waren ganz wild drauf zusammenzuarbeiten. Der Junge ist 22 Jahre jünger als ich und könnte mein Sohn sein. Er hatte bisher auch nur einzelne Tracks gemacht und noch nie ein Album. Ohne Druck einer Single zu arbeiten, das kannte er gar nicht. Auch nicht die Art und Weise wie ich singe: er hatte sonst immer nur Satz für Satz zusammengefügt. Beim ersten Lied fragt er mich, mit welcher Stelle wir anfangen, und ich so: "Stelle? Na, am Anfang!" Er war ganz überrascht, wie dynamisch das auf einmal geht.

Wer hat eigentlich entschieden, auf Wolfsheims "Casting Shadows" einen so heftigen Kopierschutz zu packen, dass die CD heute kaum noch abspielbar ist?

Die Plattenfirma wollte einen Kopierschutz. Mir war der eigentlich egal, aber ich habe gesagt: Ok, dann aber bitte richtig. Der Schutz erkennt, ob die CD in einem Computerlaufwerk oder in einem Audio-CD-Player steckt. Mittlerweile werden aber in fast jede neue Anlage nur noch PC-Laufwerke eingebaut. Ich wollte die CD neulich hören, da ging sie bei mir auch nicht. (lacht)

Im Konzert

Peter Heppner tritt bei seiner Deutschlandtour am 30. November im Haus Leipzig in Leipzig und am 1. Dezember in der Alten Spinnerei Glauchau auf. Karten gibt es in allen "Freie Presse"-Shops in Ihrer Nähe. www.freiepresse.de/meinticket

Peter Heppner

Mit der Band Wolfsheim wurde der 1967 in Hamburg geborene Sänger und Songschreiber mit der tief traurigen, immer etwas erstickt klingenden Stimme Ende der 80er-Jahre vor allem in der Schwarzen Untergrundszene bekannt. 1991 landete die Band mit "The Sparrows And The Nightingales" überraschend einen weltweiten Clubhit - eine Adaption des damals angesagten Technokünstlers Mark 'Oh ließ das Stück dann richtig durch die Decke gehen und bescherte Wolfsheim als erster "schwarzer" Band aus Deutschland viel Publikum außerhalb der Szene.

1998 veröffentlichte Heppner mit Joachim Witt die Single "Die Flut", die mit rund 750.000 verkauften Exemplaren als das erfolgreichste deutsche Duett der letzten 40 Jahre gilt. Heppner sang danach für und mit Schiller, Nena, Goethes Erben, Paul van Dyk oder Marianne Rosenberg. 2003 landete er mit demfünften Wolfsheim-Album "Casting Shadows" auf Platz 1 der deutschen Albencharts. Die Band, zum Duo geschrumpft, geriet aber in Streit und liegt seitdem auf Eis. (tim)

 

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