Phil Collins trotzt den Schicksalsschlägen

Als Schlagzeuger startete Phil Collins eine Weltkarriere. Gesundheitlich angeschlagen kann er die Drums aber nicht mehr spielen. Es sind nicht die einzigen Widrigkeiten, denen der Popstar trotzen muss - aber das hält den 68-Jährigen nicht davon ab, durch die Stadien dieser Welt zu touren.

Stuttgart (dpa) - Die Musiklegende betritt am Gehstock die Stadionbühne und lässt sich nieder - auf dem Drehstuhl wird Phil Collins die nächsten knapp zwei Stunden sitzen bleiben und dennoch die rund 38.000 Zuhörer in der Stuttgarter Mercedes-Benz Arena mitreißen.

Den 68-Jährigen und seine Fans verbinden Welthits wie «Another Day in Paradise», «You Can’t Hurry Love» oder «Easy Lover». An den Anfang seines Auftritts stellt Collins das Lied «Against All Odds», was übersetzt so viel heißt wie «Entgegen allen Erwartungen» - es kann an diesem Abend durchaus auch als Kampfansage an das Leben, das Schicksal, verstanden werden.

Fast entschuldigend hat sich Collins noch vor den ersten Tönen an sein Publikum gewandt: Den überwiegenden Teil des Abends werde er im Sitzen verbringen müssen - «aber das wird uns nicht davon abhalten, Spaß zu haben». Nach einer Rückenoperation ist sein rechter Fuß gelähmt. Zudem macht ein Nervenschaden es Collins, der als Schlagzeuger der Band Genesis in den 70er Jahren berühmt wurde, unmöglich, die Drums zu spielen.

Das übernimmt mittlerweile Sohn Nicholas - und der 18-Jährige wurde in Stuttgart mit ebenso tosendem Applaus empfangen wie sein berühmter Vater. Und so ist «In the Air Tonight» - mit diesem legendären Schlagzeug-Break - als einer der emotionalen Höhepunkte des Konzerts angelegt: Aufnahmen des stoisch singenden Vaters auf dem Drehstuhl werden auf den Stadionleinwänden rasch gegen Bilder des trommelnden Sohnes geschnitten. Auf die letzte Zeile «I've been waiting for this moment for all my life» (Ich habe auf diesen Moment mein ganzes Leben lang gewartet) folgen Ovationen.

In einem Interview vor knapp einem Jahr hatte Collins erzählt, dass dieses Lied einen bittersüßen Beigeschmack für ihn hat: «Natürlich gibt es bei den Konzerten immer den Moment, an dem 'In The Air Tonight' kommt und die Leute denken, dass ich vielleicht doch spiele.» Doch auch in Stuttgart greift Collins nicht zu den Sticks und muss solche Erwartungen enttäuschen.

Collins setzt auf das sarkastische Motto seiner 2017 gestarteten Welttournee «Not Dead Yet» nun noch einen drauf. Unter dem Titel «Still Not Dead Yet» («Immer noch nicht tot») wird er während der Tournee durch Europa noch in Berlin, München, Köln, Hannover gastieren. Im Herbst zieht der Musiker dann weiter in die USA.

In Stuttgart mischen sich unter die vielen Fans, die Collins als Genesis-Drummer und nach dem Ausstieg Peter Gabriels als -Leadsänger kennengelernt haben dürften, zahlreiche junge Zuhörer. Das überrascht wenig: Der für seine radiotaugliche Mainstream-Musik auch viel gescholtene Collins hat in den vergangenen Jahrzehnten weltbekannte Ohrwürmer geliefert und Erfolge eingefahren wie kaum ein anderer Musiker: Solo und mit Band brachte er es auf mehr als 250 Millionen verkaufte Platten, etliche Nummer-eins-Hits, sieben Grammys und sogar einen Oscar für die Musik zum Disney-Film «Tarzan». Mit Altbewährtem müssen sich die Tournee-Besucher aber zufrieden geben - das letzte Album von Collins mit neuen Songs erschien vor beinahe 17 Jahren.

Manche Fans zeigen sich überrascht von der Energie des gealterten Popstars. «In ihm brodelt’s, der will das wirklich», kommentieren zwei Zuschauerinnen. «Am liebsten wär er jeden Moment von seinem Stuhl aufgesprungen.» Stattdessen hinkt Collins schließlich unter lautem Jubel langsam von der Bühne. Um dann - den Moment sichtlich genießend - für eine Zugabe zurückzukehren. Von seinem Drehstuhl aus wird er den Gesang der Menge zu «Take Me Home» dirigieren. Von Sohn Nicholas erntet der Vater anerkennendes Schulterklopfen.

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