Plauener Autorin Susan Kreller: Die besetzte Frau

Die Plauener Autorin Susan Kreller verbindet ein Nachkriegs-Sittengemälde mit der leisen Geschichte einer Frau, die erst hochbetagt ihre Stimme findet.

Plauen.

Gwendolin ist nicht Herrin ihrer Selbst. Das war sie noch nie. Sie handelt nicht, sie wird behandelt. Und sie schweigt. Schon immer. Mit jeder ihrer Lebensstationen gerät sie an Menschen, Männer und Frauen gleichermaßen, die der zarten Frau die Stimme rauben, sie vereinnahmen, bis sie sich fast zur Gänze auflöst. Nach dem Tod ihres herrischen Mannes bleibt die zarte Dame allein im Herrenhaus Pirasol zurück. Allein mit sich selbst. Doch der Frieden währt nicht lange. Denn am Grab ihres Mannes lernt die 84-jährige Seniorin Thea kennen. Eine kleine, laute und zähe Frau. Ebenfalls im Rentenalter. Sie taucht quasi aus dem Nichts auf, kommt erst nur zu Besuch, bleibt zunehmend länger, bis sie irgendwann einzieht. Und nicht wieder gehen will. Nach und nach nimmt sie das Haus in Beschlag, erhebt Anspruch darauf und drängt Gwendolin aus dem eigenen Besitz, unterjocht sie, wie Gwendolin immer unterjocht wurde.

Das begann schon in der Kindheit der Protagonistin: Behütet wuchs sie in einem künstlerisch versierten Elternhaus auf, doch geriet schon bald mit ihrer Familie in die Mahlräder des Zweiten Weltkrieges. Erst wurde der Vater abgeholt, dann verliert sie die Mutter und muss sich in einer kalten Welt zurechtfinden. Es folgt eine lieblose Ehe mit dem grausamen Fabrikanten Willem, der Gwendolin isoliert hält wie einen Vogel im Käfig, und die Geburt eines Jungen, den die Mutter nicht vorm Vater zu schützen vermag.

Während das Hauptmotiv von Susan Krellers Roman durchweg überzeugt, zeigt die Autorin stellenweise nicht den Mut zur eigenen starken Geschichte. Die Figur Gwendolin im Konflikt mit der herrischen Thea, das zähe Ringen zweier Frauen um die Oberhand, verbunden mit zahlreichen Rückblenden in Gwendolins Lebensgeschichte, tragen das Buch durchaus. Und doch streut die Autorin immer wieder Verweise auf die große Weltgeschichte, auf Hitler, auf den Nationalsozialismus ein. Was dem Buch eigentlich mehr erzählerische Tiefe verleihen soll, führt Kreller auf ausgetretene Pfade. Die bräuchte sie gar nicht zu beschreiten, da die NS-Thematik in beschriebener Weise keinen Mehrwert bietet. Denn nicht der realhistorische Erzählstrang ist der, der "Pirasol" zum literarischen Kleinod macht. Es ist die Selbstermächtigung der Hauptfigur Gwendolin, die Susan Kreller mit poetischem Feinsinn und geschickten Sprachbildern illustriert. Sympathisch ist die duckmäuserische Gwendolin nicht. In ihrer Passivität, der völligen Unfähigkeit, für eigene Belange einzustehen, berührt sie den Leser oft bis zur Wut. Ist die Hauptfigur doch all das, was heute als nicht erstrebenswert, als verwerflich gilt - in einer Zeit, in der jeder seines Glückes Schmied ist. Susan Kreller stellt mit ihrer Heldin Gwendolin jedoch eine Frau aus einer anderen Zeit vor, die ebenso ein Produkt ihrer Umwelt ist, wie die Frauen von heute.

Der Roman "Pirasol" beschreibt den stetigen Ausbruch aus selbst verschuldeter Unmündigkeit und muss sich damit nicht verstecken - im Gegenteil. Mit ihrem jüngsten Buch hat die aus Plauen stammende, heute in Bielefeld lebende Autorin ein stilles, vielschichtiges Werk geschaffen. Die exemplarische Geschichte einer Frau, die jedoch nicht nur für Frauen lesenswert ist. Während Kreller mit den Jugendromanen "Schneeriese" und "Elefanten sieht man nicht" bekannt wurde, beweist sie nun mit "Pirasol", dass sie auch Belletristik für Erwachsene schreiben kann.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...