Plötzlich Kassettenrekorder

Apple will sein Musik- programm "I-Tunes" zerschlagen: Frisst die digitale Revolution jetzt ihre eigenen Kinder?

San Jose.

"One more thing", "eine Sache noch" war die legendär smarte Floskel, mit der der verstorbene Steve Jobs zum Abschluss einer jeden Apple-Produktpräsentation Revolutionen wie aus dem Hut zu zaubern pflegte. Ups - ein I-Pod! Das war in den Nullern. Damals, als die kultig-hippe Firma aus Cupertino noch eine wirklich hippe Alternative darstellte zum bräsigen Büromöbel-Charme einer Computerbranche im Microsoft-Zuschnitt, stürzte sie mal eben die gesamte Tonträgerindustrie ins Chaos. Denn der I-Pod war nicht nur ein unvergleichlich schicker mp3-Player mit genialer Bedienbarkeit - er koppelte vor allem den Klang-Lifestyle über das Programm I-Tunes an Apple, bei gleichzeitiger Entkopplung von physischen Tonträgern wie CDs. Was die Branche bis dahin Internet-Piraten hilflos wütend überlassen hatte, den Download von Musik nämlich, wurde auf einmal bezahlbar. I-Tunes, das war einmal, was heute Spotify darstellt: Wer dort nicht stattfand, fand sich automatisch in der Nische wieder. Ja klar konnte man auch 2005 noch Kassetten hören - wenn man ein Museum fand, das noch einen funktionierenden Rekorder parat hatte.

Und jetzt? Packt den aktuellen Apple-Chef Tim Cook "one more thing" am Rande der Entwicklerkonferenz WWDC einfach ein: I-Tunes soll, heißt es am Rande, nicht mehr sein: Das Programm, mit dem man heute noch Musik von CDs auf das I-Phone überspielen oder im angeschlossenen Shop kaufen kann, soll von den rund 1,4 Milliarden Apple-Geräten weltweit verschwinden und in seine Bestandteile zerlegt werden. Denn ihr Hersteller, mittlerweile die wertvollste Firma der Welt, steht unter Druck. Die I-Phone-Verkäufe sinken, vor allem wegen des schwachen Marktes in China. Das App-Store-Geschäft steht im Visier einer Wettbewerbsbeschwerde in der EU und einer Verbraucherklage in den USA. Und manche Entwickler wollen sich nicht damit zufriedengeben, dass Apple bestimmte Funktionen wie den NFC-Chip auf dem iPhone oder die Daten zur Gerätenutzung exklusiv nutzt. Dazu kommt, dass die Uhren längst anders gehen: Smart-Speaker, deren Künstliche Intelligenz mit dem Nutzer kommuniziert, sind jetzt hip, und Streaming, bei dem man Musik nicht kauft, sondern quasi nur gegen eine monatliche Abo-Gebühr ausleiht. "Alexa" von Amazon ist da beispielsweise "Siri" von Apple um einiges voraus, ebenso Spotify Apple Music.

Und plötzlich fragt sich der Musikfreund, der einst I-Tunes so begeistert begrüßte und mit der Oberfläche des Programms groß geworden ist, ob man wirklich jeden modernen Quatsch mitmachen muss. Was war falsch daran, mit Guthabenkarten, die an Tankstellen- und Supermarktkassen neben der Quengelware hingen, Musik auf den Rechner zu laden? Dieser sinnliche Akt, wenn man die falsch eingetragenen Genres (In Extremo soll Punkrock sein?) nachbessern musste. Oder die Cover selber nachladen, wenn sie nicht automatisch gefunden wurden. Das Mitfiebern bis Version 12.9.1., ob ein Update lieb gewonnene Funktionen killen würde - oder Ärgernisse endlich verbessern! Und plötzlich schauen die Kids einen so an, wie man in den Nullern Musikfreunde ansah, die einem was vom guten alten Kassettenrekorder erzählt haben: Tja, nichts ist eben so alt wie die technische Revolution von gestern. Aber am Ende muss man nur durchhalten und das gute alte Macbook die nächsten zehn Jahre einfach nicht updaten: Dann ist i-Tunes wieder hipper Retro-Shit. So wie heute die Schallplatte! (mit dpa)

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