Poesie auf der Straße

Die Jahrestagung des deutschen Autorenverbandes PEN am Wochenende in Chemnitz war eingebettet in viele Lesungen in der ganzen Stadt. Am nachhaltigsten waren vielleicht die zuweilen intimen Momente, in denen sich der Blick hinaus in die Welt weitete.

Chemnitz.

Es waren nur zehn, 15 Menschen, die sich am Samstagnachmittag im persischen Restaurant Safran in Chemnitz versammelt hatten, um der Lesung der Schriftstellerin Nora Bossong zuzuhören. Und doch sind es vielleicht gerade diese fast intimen Momente, die die Kraft der Literatur ausmachen, die die Bedeutung einer der internationalen Solidarität verpflichteten Organisation wie des Autorenverbandes PEN ausmachen und am nachhaltigsten manifestieren.

Es ging nicht vordergründig darum, dass das Safran, wie auch weitere internationale Restaurants in Chemnitz, in den vergangenen Monaten überfallen wurde - gleichzeitig lasen Tanja Kinkel im Schalom und Eva Menasse im Restaurant Schmetterling. Es ging eher darum, dem Blick auf Chemnitz, dem Blick auf den eigenen Vorgarten den Blick auf die Welt hinzuzufügen. Nora Bossong las aus ihren "Europa"-Gedichten über diesen Kontinent, die "verschreckte Zwergin am Ende der Welt", ein "Panoptikum aus Irren und Ehrenbürgern". Über Bürokratie in diesem Land: die "Anlage 4 hat nicht nach Ihnen gefragt", während sich das "Formblatt 2" seit Jahren behauptet. Sie las über das "Rosenwasser für die Toten" in Teheran, die "Kunst, es auch im Wahnsinn auszuhalten", die "22 Paradiese" in einem iranischen Teppichmuseum. Vor allem aber las sie aus ihrem erst im Herbst erscheinenden neuen Roman "Schutzgebiete". Darin geht es unter anderem um den weitgehend unbeachteten Genozid an den Tutsi im afrikanischen Burundi 1993, um die Hilflosigkeit der Uno, das Abstumpfen und den Verlust der Ideale ihrer Mitarbeiter, darum, dass man "Mitleid nie zu einer politischen Tugend erheben" solle und inwiefern "erzählen heilen kann".

Eine Lesung, die mit genau gezeichneten, benannten Bildern von Menschen und Ländern vielleicht mehr Eindruck hinterließ als die größere "poetisch-politische Manifestation" von 20 Schriftstellerinnen und Schriftstellern am Freitagabend auf dem Theaterplatz unter dem Motto "Vielfalt statt Einfalt". Angeregt war die reichlich einstündige Lesung von Regula Venske, Ilja Trojanow, mitorganisiert von den Chemnitzern Klaus Kowalke (Buchhändler) und Wolfram Ette (Freies Institut für Bildung). Gleich zu Beginn betonte der frühere Generalsekretär des PEN Carlos Collado Seidel, dass diese Veranstaltung "in vielen Orten Deutschlands in Ost und West" stattfinden könnte, um "gegen nationale Verengung und die Ablehnung von allem, was als fremd empfunden wird" die Stimme zu erheben. So lasen unter anderem die Chemnitzerin Kerstin Hensel über die "Zeit, die uns um die Ohren haut, was wir Jahrzehnte lang versäumt haben", und Josef Haslinger darüber, dass der "Überlebenswunsch allein kein Asylgrund" sei; es müsse schon eine Verfolgungsgeschichte dahinterstehen. Diesen Verfolgungsgeschichten aber würden Asylbehörden wiederum zunehmend misstrauen. Unter den knapp 200 Zuhörerinnen und Zuhörern waren überwiegend PEN-Mitglieder, die sich mehr Zuspruch der Chemnitzer und Chemnitzerinnen gewünscht hätten. Wobei der ehemalige PEN-Präsident Johano Strasser darauf verwies, dass es auch immer wieder um die Selbstvergewisserung der Autoren gehe und die meisten Chemnitzer vielleicht auch schon von den verhandelten demokratischen Werten überzeugt seien.

Ums Erzählen, um die Sprache ging es verständlicherweise oft während der Jahrestagung. Die "Sprache der Liebenden / sei die Sprache des Landes / ihre Seele der Laut des Volkes". Unter dieses, einem Hölderlin-Gedicht entnommene Motto, wollte Regula Venske, Präsidentin des deutschen PEN-Zentrums, die Tagung und die Veranstaltungen der Organisation in Chemnitz stellen.

Etwa 100 deutsche und internationale Mitglieder des deutschen PEN-Zentrums nutzten die Gelegenheit, im Rahmen eines engen Zeitplans Chemnitz kennenzulernen, darunter auch sieben PEN-Stipendiaten, unter anderem aus der Ukraine, Mazedonien, der Türkei und Eritrea, die am Writers-in-Exile-Programm des PEN teilnehmen und aufgeschlossene Gastgeber trafen. PEN-Mitglieder selbst bemängelten allerdings, dass diese Autoren, die in Deutschland Zuflucht gefunden haben, in die Chemnitzer Lesungen nicht einbezogen waren. Das soll sich jedoch womöglich schon bei der nächsten Jahrestagung in Tübingen ändern.

Um die Werte des PEN zu bekräftigen, verabschiedeten die Mitglieder am Samstag eine "Chemnitzer Erklärung", in der es heißt: "Als Schriftsteller, Publizisten und Kulturschaffende setzen wir uns ein für eine offene und vielfältige Gesellschaft." Man werde "alle Möglichkeiten nutzen und dafür Sorge tragen, dass wir auch in Zukunft in einem offenen, vielfältigen und liberalen Land leben können, in einer Gesellschaft, in der Ausgrenzung, Hass und Verrohung keinen Platz haben". Der PEN erklärte sich solidarisch mit der "Erklärung der Vielen", die unter anderem auch schon die Theater, die Kunstsammlungen, die Technische Universität und das Staatliche Museum für Archäologie Chemnitz unterschrieben haben.

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