Reisender in Revolutionen - Volker Brauns "Autobiografie aus Steckbriefen"

Zwei neue Bücher von Volker Braun liefern zu dessen 80. Geburtstag eine "Autobiografie aus Steckbriefen".

Berlin.

"Dass die Arbeit auf eine Wende zu paradox im Umbruch endete, hat mir, im Alter von 50, eine Biografie verschafft. Aber was denn als der Alleingang bleibt die Lust, der Schmerz der Poesie", sagte Volker Braun als er sich bei seiner Aufnahme in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung selbst vorstellen sollte. 1997 war das. Die Rede eröffnet nun seinen neuen Band "Die Verlagerung des geheimen Punkts", der Schriften und Reden aus gut 40 Jahren versammelt. Volker Braun aber hat den zweiten, etwas sperrigen Satz überarbeitet, der jetzt lautet: "Was denn anderes als Scheitern ist das Ziel des Alleingangs der Poesie."

Im Alter ist aus dem Schmerz der Poesie also ein Scheitern geworden. Und im Grund ist das der Tenor gleich beider Bücher, die kurz vor Volker Brauns 80. Geburtstag am 7.Mai jetzt erscheinen. Außer den gesammelten Schriften kommt zeitgleich der Band "Handstreiche" heraus, der sich am ehesten vielleicht als Sammlung von Aphorismen bezeichnen ließe, würde das nicht so altertümlich klingen und so gar nicht zu Volker Braun passen. Er selbst spricht im Buch einmal von einer "Autobiografie aus Steckbriefen". Was beide Neuerscheinungen ganz gut charakterisiert, geben sie zusammengelesen doch Brauns Welt wieder.

"Was den Vielen nicht gelingt, muss der Eine machen", heißt es am Anfang noch hoffnungsfroh in den "Handstreichen", um es im nächsten Satz zu relativieren: "Was erwartet ihr von mir? Widerspruch. Widersprüchliches werdet ihr hören." 1939 geboren und in Dresden aufgewachsen, gehörte Braun in der DDR einer Generation an, wie er schreibt, "die der Widerspruch großzog; soziale Revolution und politische Bedrückung, die konträren Wirklichkeiten diktierten unser Dichten, Satz und Gegensatz gleichermaßen gültig. Es war die Kunst, es stehnzulassen, unaushaltbar." Noch als die Mauer fiel, plädierte er für einen dritten Weg, wollte die Ideale des Sozialismus nicht ganz aufgeben. Ein Blick auf den entkoppelten Kapitalismus und Narzissmus der Gegenwart scheint ihm Recht zu geben.

"Früher Arbeitseinsätze. Jetzt die Attentate. Je mehr ich weiß, desto mehr muss ich glauben", schreibt er mit einem guten Schuss Galgenhumor. Schon in den Versen des zuletzt veröffentlichten "Handbuchs der Unbehausten" (2016) blieb diesem "letzten Utopisten", wie er so oft genannt wurde, nur die Flucht in den Sarkasmus. "Wir hatten andere Appetite, als man mit einer Banane abspeist", heißt es auch in den "Handstreichen" über die Enttäuschung nach der Wende. "Einst die Erntebestände im Fernsehen, jetzt die Kursverläufe." Nachdem er ein Leben lang für seine Ideale gekämpft hat, muss der einstige Brecht-Schüler erkennen, dass alles umsonst war, der Mensch nicht gut ist. "Nichts widerspricht den großen Plänen mehr als das dumpfe bohrende Dasein der Vielen."

Immer noch schreibt er über "Folgelandschaften, und -gesellschaften" und benutzt Worte wie Messer, um den Sinn herauszuarbeiten. "Die Sätze sind gearbeitet, sein Auftreten ungeschliffen", schreibt er von sich selbst. Auch sein proletarisches Alter Ego Flick ist wieder mit von der Partie, das 2008 in "Machwerk oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer" erstmals auftrat.

Gezeichnet von Alter und Krankheit aber fehlt Braun zunehmend die Kraft. "Ausgekohlt, meine Existenz", heißt es da, und an einer anderen Stelle nennt er sich einen "Reisenden in Revolutionen", dessen "Vorhölle" das "Abstellgleis" sei. Wortgewaltig ist er immer noch. Und einer, der genau hinhört: "Bedürftige Banken, demokratische Kriege! Man muss die Worte abschlagen, klopfen, waschen, wie einmal die Trümmerreste."

Skeptisch beobachtet er die Welt um sich herum. Die Umweltverschmutzung, die Völkerwanderung. "Nicht die Flüchtlinge machen das Problem, sie machen es bewusst. Es sind Steuerflüchtlinge und Renditeverschlepper, wegelagernde Lobbys, das vagabundierende Kapital." Die Macht war dem Georg-Büchner-Preisträger des Jahres 2000 in der DDR zuwider, und sie ist es ihm auch noch heute im Deutschland des Jahres 30 nach der Wende.

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