"Respekt kann man sich erarbeiten"

Die Schriftstellerin Helga Schubert über den Bachmann-Preis, spätes Glück, den Druck in der DDR und die Beziehung zu ihrer Mutter

Berlin.

Für ihre Erzählung "Vom Aufstehen" erhielt Helga Schubert letztes Wochenende den Ingeborg-Bachmann-Preis. Sie ist mit 80 die älteste Teilnehmerin, die je in Klagenfurt angetreten ist. Doch mit dem dortigen Vorlese-Wettbewerb verbindet sie eine lange Geschichte. Welf Grombacher hat mit ihr darüber gesprochen.

Freie Presse: Frau Schubert, warum nimmt man mit 80 Jahren am Vorlesewettbewerb in Klagenfurt teil?

Helga Schubert: Ich habe zunächst nicht an mein Alter gedacht. Für mich ist das Alter kein Problem. Ich will ja keinen Marathonlauf gewinnen, ich will eine Erzählung lesen. Wenn Anton Tschechow teilnehmen würde, der wäre jetzt 160 Jahre alt, käme er mir jünger vor als so mancher andere Teilnehmer. Literatur ist nicht altersabhängig.

Sie sind 1980 schon einmal eingeladen worden, durften aber aus der DDR nicht ausreisen ...

Weil ich nicht vor Marcel Reich-Ranicki vortanzen durfte, der damals Vorsitzender der Jury war. Der sei ein berüchtigter Antikommunist, steht in der Staatssicherheitsakte über mich, er gehe von einer "deutschen Literatur" aus. Die aber gebe es nicht. Es gebe nur die der DDR, westdeutsche, die aus Österreich und der Schweiz. Ich sollte absagen. Das habe ich aber nicht gemacht: Ich habe geschrieben, es sei mir verboten worden.

Wäre Ihr Leben anders verlaufen, wenn Sie den Preis schon damals gewonnen hätten?

Ja. Ich hätte mehr Selbstbewusstsein gegenüber den Behörden gehabt. So habe ich mich einschüchtern lassen. Als ich den Fallada-Preis in Neumünster bekommen habe, durfte ich wieder nicht ausreisen, weil Erich Loest Vorjahrespreisträger war und die Laudatio halten sollte. Ich sollte ablehnen und habe erneut gesagt, ich stehe unter juristischem Druck und kann den Preis nicht annehmen. Zehn Jahre später, 1993, haben sie ihn mir dann doch verliehen.

Sie sind mehrmals angeeckt.

Für mein zweites Buch "Das verbotene Zimmer" habe ich keine Druckgenehmigung erhalten. Das muss so 1982 gewesen sein. Da sagte die Lektorin, es sei alles "ausgekotzt", was ich über die Partei sage. Und der Cheflektor Gegenwartsliteratur hat gesagt, ich soll mit dem Schreiben aufhören, es sei alles "Analphabetismus". Eine irrsinnige Situation für eine Schriftstellerin. Mein Mann war Professor an der Universität, mein Sohn studierte Forstwirtschaft. Ich dachte, wenn ich mich sehr renitent benehme, wären die alle ihren Job los. In meiner Staatssicherheits-Akte steht, dass ich feindlich-negativ bin. Wenn ich den Fallada-Preis annehme, kann ich gleich im Westen bleiben, hatte mir die Kulturabteilung des ZK der SED ausrichten lassen. Dann wäre mir das so wie Wolf Biermann gegangen. Und das wollte ich nicht, dass ich mich von meiner Familie trenne. Ich war seit 1976 in zweiter Ehe verheiratet, ich liebte diesen Mann.

Warum ließ man Sie Sie von 1987 bis 1990 dann als Jurorin doch nach Klagenfurt?

Weil Reich-Ranicki nicht mehr Sprecher der Jury war. Das war für die DDR der Beweis, dass es keine westdeutsche Veranstaltung mehr ist.

In ihrem Text "Vom Aufstehen" geht es um Alter, Versöhnlichkeit und Liebe in einer Mutter-Tochter-Beziehung. Obwohl sich die Erzählung nah an Ihrem eigenen Leben bewegt, wollen Sie sie nicht autobiografisch nennen. Muss gute Literatur nicht autobiografisch sein?

Kann ich nur mit "Ja" beantworten. Man kann nur das eigene Erleben überzeugend kondensieren. Eine Autobiografie ist etwas anderes. Ich habe keine Autobiografie geschrieben, sondern einen streng gebauten Text. Die Geschichte muss etwas von einem Menschen erzählen.

"Gott verlangt von uns nicht, dass wir unsere Eltern lieben. Wir brauchen Sie nur zu ehren", heißt es an einer Stelle. Wann kamen Sie zu dieser Erkenntnis?

Als ich 71 war. Ich habe wirklich gedacht, das vierte Gebot lautet, Du sollst Vater und Mutter lieben und hatte immer ein schlechtes Gewissen. Dieses ganze Mutter-Thema war immer so unheilschwanger, und ich fragte mich, warum ich sie nicht lieben kann. Es hat mich erlöst, als ich gemerkt habe, Respekt reicht. Respekt ist etwas, das kann man sich vornehmen, das kann man sich erarbeiten. Liebe nicht. In Bezug auf Männer oder auf ein Kind wusste ich natürlich, dass man nicht gezwungen werden kann zu lieben. Aber in Bezug auf die Mutter ...

Die meisten Ihrer Titel sind aktuell nur noch digital lieferbar. Wird es nach dem Bachmann-Preis Neuauflagen geben?

Ich habe meine Rechte von den Verlagen zurückgefordert, bei denen auch Christa Wolf war. Das war sehr selbstschädigend. Der Aufbau-Verlag hat nach dem Preis schon angerufen. Aber ich werde mich jetzt vernünftig verhalten, mit der Literatur-Agentur Karin Graf zusammenarbeiten und keine affektiven Entscheidungen treffen wie vor 20 Jahren. Auch ein Band mit neuen Erzählungen soll erscheinen. Die Texte existieren schon.

Helga Schubert 

Die Autorin wurde 1940 in Berlin geboren. Die studierte Psychologin begann in den 60er-Jahren zu schreiben, sie veröffentlichte in der DDR neben Kinderbüchern auch Prosa und Theaterstücke sowie Hör- und Fernsehspiele. Nach der Wende wurde sie durch ihr Buch "Judasfrauen" über Denunziantinnen im Dritten Reich bekannt. Schubert lebt mit dem Maler Johannes Helm in der Künstlerkolonie Drispeth bei Schwerin.tim

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