Roman eines Romans

Das Buch "Mohr und die Raben von London" war Schullektüre in der DDR. Außer einem idealisierten Marx hat es Spannendes zu bieten. Noch spannender allerdings ist die Geschichte der Autoren, erzählt von ihrer Enkelin.

Es ist ein Buch, das Marx als makellosen Helden präsentiert und bei den DDR-Schulkindern ankam, weil es eine spannende Geschichte erzählt. Und die recht gut verfilmt wurde mit Alfred Müller, dem "ostdeutschen James Bond", der dafür den Nationalpreis erhielt. Hauptgewinn für die Autoren, sollte man denken. Aber nein: Der Sozialismus war kompliziert.

Ilse Korn zum Beispiel, die lebenskluge Powerfrau, ohne die es "Mohr und die Raben von London" nicht gegeben hätte, war erzürnt, als sie erfuhr, dass der Roman zur Schullektüre wurde. "Sie hasste Pflichtlektüren, das war nicht mit ihr abgesprochen", erzählt Katja Popow, Ilses Enkelin. Und Vilmos Korn, der Ehemann und Ko-Autor, stand unter Schreibverbot, die Partei hatte ihn abserviert. Ilse verlangte: Seinen Namen auf den Titel, als Rehabilitation, oder das Buch kommt nicht heraus! Die SED-Oberen gaben nach, nur einen Wunsch schlugen sie den beiden ab: Man ließ sie nicht nach London fahren. Ilse und Vilmos Korn, zwei alte, sich aufopfernde Kommunisten, haben England nie gesehen.

Als der Erfolgsroman 1962 erschien, war Katrin "Katja" Popow gerade geboren. Sie wuchs in Kleinmachnow auf. Die berühmte Christa Wolf wohnte in der Nachbarschaft, Katja spielte mit dem Hund des Autoren Herbert Otto. Beliebt war auch das Haus von Maxie und Fred Wander, weil die drei Jungs zum Spielen hatten. Bücher waren allgegenwärtig: Bei den Korns standen alle in der DDR veröffentlichten Kinderbücher im Regal.

Ilse Korn war auch eine leidenschaftliche Erzählerin. Seit 1950 erzählte sie jeden Monat im Haus der DSF in Ost-Berlin Märchen aus aller Welt für Kinder. Die Arbeit am "Mohren", gesundheitliche Probleme und der weite Weg um die Mauer herum nach Berlin setzten dem 1962 ein Ende. Ilses Tochter Nina Madlen Korn, Dramaturgin beim DDR-Rundfunk, übernahm die Aufgabe. In mehreren Jahrzehnten hat sie etwa einer halben Million Kindern Märchen und Geschichten erzählt, rechnet ihre Tochter vor. Seit Jahren tritt auch Katja, die in Berlin lebt, als Märchenerzählerin auf, unter anderem in der Tadshikischen Teestube im Kunsthof.

Karl Marx, der "Mohr" des Buches, ist ein Kinderfreund, gefühlvoll, gerecht und immer gut gelaunt. "Meine Großmutter hatte herausgefunden, dass der echte Marx seinen Kindern Märchen erzählte, die er selbst erfand. Das fand sie faszinierend", berichtet Katrin Popow. Die Entdeckung sei der Auslöser für das Buch gewesen. Das Volksbildungsministerium wünschte den Roman, es habe Abstimmungsrunden im Institut für Marxismus-Leninismus gegeben. Alles sollte stimmig sein, episch, historisch, ideologisch.

"Beim ersten Lesen hat der ,Mohr' bei mir einen gewissen Abwehrreflex provoziert", sagt Rebecca Menzel, Doktorandin am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Sie stammt aus Darmstadt und hat mit Katja Popow einmal eine Schülerveranstaltung zum Roman bestritten. "Der Marx des Buches ist ein Übervater, der alles richtig macht, immer überzeugend, immer positiv", sagt die Forscherin. "Das ist unglaubwürdig. Allerdings fand ich die Abenteuergeschichte um die Rabenbande spannend. Und die Kinderarbeit vor 200 Jahren, die extremen Lebensverhältnisse, sind sehr bildhaft dargestellt. Der echte Marx war in der Arbeiterbewegung wenig engagiert, arbeitete eher theoretisch. Das Risiko, stärker auf die Verhältnisse der DDR zu verweisen, gingen die Autoren nicht ein."

Die Geschichte von Ilse und Vilmos Korn war freilich alles andere als märchenhaft. In den Literaturlexika zur DDR finden sich nur spärliche Einträge - auch ein Hinweis auf den Stellenwert engagierter Kinderliteratur. "Meine Großmutter war eine von drei Töchtern eines Steuerberaters", erzählt Katja Popow. "Sie wuchs in Dresden am Staffelstein auf. Ihr Vater legte in den 1920er-Jahren Mark für Mark beiseite, damit seine Töchter den Beruf lernen sollten, den sie wollten. Das war keine Selbstverständlichkeit. Ilse war die älteste und wildeste der Töchter und eine leidenschaftliche Leserin. Sie wurde Bibliothekarin in der Sächsischen Landesbibliothek. Dann kamen die Nazis an die Macht. Ilse erlebte die Bücherverbrennung in Dresden und kochte vor Wut. Das war der Augenblick für sie, sich gegen die Nazis zu stellen."

Am liebsten wäre Ilse den Barbaren sofort an die Wäsche gegangen, berichtet Katja. Freunde hielten sie zurück. Wegen ihrer offensichtlichen Ablehnung des Regimes wurde sie in der Ausleihe der Bibliothek nicht mehr eingesetzt.

In jenen Jahren in Dresden lernte sie den illegal lebenden Kommunisten Vilmos Korn kennen, und sie wurde von ihm schwanger. Im Lexikon steht über Vilmos Korn: Freiwilliger im Ersten Weltkrieg, NSDAP-Mitglied, im Zweiten Weltkrieg Offizier. Katja Popow erzählt eine komplexere Geschichte: "Vilmos wurde in der Vojvodina geboren, heute Serbien, wo sein Vater ein Funktionär in einer deutsch-ungarischen Enklave war. Der Vater muss ein furchtbarer Mensch gewesen sein, Vilmos hasste ihn. Als der Junge 16 war, meldete der Vater ihn als Freiwilligen an die Front. Vilmos wurde 1917 schwer verwundet, da war er 18 Jahre. Nie wieder konnte er die rechte Hand benutzen, seine Texte sprach er später ins Diktiergerät. Man hängte ihm ein Eisernes Kreuz an und entließ ihn als Offizier. Vilmos ging nach Hause und zwang seinen Vater, der militärisch unter ihm stand, vor ihm zu exerzieren. Dann verließ er ihn mit den Worten: ,Ich werde Sie nie wiedersehen, Herr Vater!'"

Einen Beruf hatte Vilmos Korn nie gelernt. Er suchte Antworten und war ein hervorragender Redner, sagt seine Enkelin. Im Revolutionsjahr 1918 tauchte er in einem Arbeiter- und Soldatenrat auf, organisierte Streiks, war bis zu seiner Entlassung Sekretär einer Angestelltengewerkschaft. Später schloss er sich der "links"-faschistischen Strasser-Fraktion der NSDAP an, trat wieder aus, wurde Kommunist. Eine erste Ehe, drei Kinder, scheitert. Nach der Machtergreifung Hitlers ging Vilmos Korn in die Illegalität.

Ilse Korn wusste, dass sie ihre Schwangerschaft geheim halten musste, um sie beide nicht den Nazis auszuliefern. Ein befreundeter Arzt schickte sie zur "Asthma-Kur" ins Allgäu, wo sie im Juni 1938 ihr Mädchen zur Welt brachte - Nina Madlen Korn, Katrins Mutter. Bei Pflegeeltern im Dorf Hinterstein verbrachte Nina ihre ersten Lebensjahre.

Vilmos Korn hatte sich inzwischen zum Heer gemeldet, um eine weniger prekäre Position zu erlangen. 1943 wurden Ilse und Vilmos Korn, unabhängig voneinander, als Gegner des Regimes inhaftiert. Ilse entkam in der Nacht des anglo-amerikanischen Bombenangriffs auf Dresden im Februar 1945 aus dem Frauengefängnis und versteckte sich bis Kriegsende im Erzgebirge, erzählt Katja Popow. Vilmos Korn war als Wehrmachtsoffizier in Fort Zinna bei Torgau inhaftiert. "Während er dort täglich auf seine Hinrichtung wartete, wurde er weißhaarig und nachtwach. Er hat später nie wieder nachts schlafen können", berichtet die Enkelin.

In Torgau war auch der Vater des westdeutschen Journalisten Bernd Ziesemer, früher Chefredakteur des "Handelsblatts", inhaftiert. Ziesemer schreibt in einem Buch über seinen Vater, dass Korn in den allerletzten Stunden vor der Befreiung die quasisymbolische Macht in Fort Zinna übernahm: "Die Häftlinge setzen ausgerechnet den intellektuellen Heißsporn Korn, dem alles Beamtenmäßige abgeht, zu seiner eigenen Belustigung als ,Verwaltungskommandanten' ein, um die ordnungsgemäße Übergabe des Zuchthauses an die vorrückenden Amerikaner zu organisieren. Mit den jungen Offizieren eines Vorauskommandos der US Army vereinbart der Kommunist die Details" - wenige Stunden vor der historischen Begegnung der Alliierten an der Elbe.

Nach dem Krieg fand die Familie am Dresdener Staffelstein wieder zusammen. Ilse kehrte ins Bibliothekswesen zurück und begann, Kinderbüchereien aufzubauen. Vilmos wurde Volkskammerabgeordneter. Als auf Geheiß der SED eine neue (Block-)Partei gegründet werden sollte, um das intellektuelle Großbürgertum zu binden, ließen die Korns sich verpflichten und wechselten zur NDPD. Vilmos als Gründungsmitglied hatte dort die Mitgliedsnummer 3, so Katja Popow.

Doch der Stern des Großvaters sank. In der Tauwetterperiode nach den Enthüllungen Chrustschows über Stalin diktierte Vilmos Korn einen antistalinistischen Roman, der im NDPD-eigenen Verlag der Nation erscheinen sollte. Die Zensur wurde hellhörig. Mehr als ein Dutzend Bücher der Jahresproduktion durfte nicht erscheinen. 1958 platzte die Stasi ins Kleinmachnower Haus und nahm alle Manuskripte mit. Vilmos Korn erlitt einen Herzanfall. Während er im Krankenhaus lag, wurde er aus der NDPD ausgeschlossen.

Es war ein Schock für zwei Kommunisten, die gegen Hitler ihr Leben riskiert hatten. Ilse, nur 1,55 Meter groß und Asthmatikerin, hielt die Familie mit Entschlossenheit über Wasser. Sie konnte streng und bestimmt sein, war nicht immer nur die liebevolle Großmutter, sagt die Enkelin. Im großen Garten der Korns traf sich die Welt. Vilmos als Großvater sei "großartig" gewesen: fantasiebegabt, kräftig, schlohweiß. Katja sagt, sie wisse nicht, welchen Teil des "Mohren" Ilse, welchen Vilmos verfasst hat. Von Ilse stamme wohl das meiste. "Was mein Großvater konnte: Im Sessel sitzend die Augen schließen und einen Hafen in allen Details beschreiben!"

"Mohr und die Raben von London" wurde 1962 auf der Leipziger Herbstmesse vorgestellt. Das Buch wurde ein Erfolg, die russische Übersetzung ließ nicht lange auf sich warten. Auch nach der Wende blieb es lieferbar. Der Film mit Alfred Müller ist auch noch erhältlich.

Vilmos Korn, am Ende vollständig erblindet, starb 1970, Ilse Korn fünf Jahre später. "Mut, Fleiß, Gerechtigkeit und unglaubliche Lebenslust - das haben sie mir mitgegeben", sagt Katja Popow. Sie selbst flog 1976 von der Erweiterten Oberschule, nachdem sie eine Veranstaltung zur Ausbürgerung von Wolf Biermann organisiert hatte: "Ich rechnete mit 15 Schülern, am Ende standen 560 auf dem Schulhof!" Sie wurde Sekretärin, machte später an der Abendschule ihr Abitur und studierte Bibliothekswesen. Ihr Leben nach der Wende kannte Höhen und Tiefen. Der traditionellen Leidenschaft der Kornschen Frauen aber blieb sie treu - und erzählt vor Publikum fesselnde Geschichten.

Märchenabende mit Katja Popow in Berlin von Mai bis August immer am letzten Montag im Monat in der Tadshikischen Teestube, Oranienburger Straße 27, 20.30 Uhr.

www.maerchenfrauen.de

Dieser Beitrag erschien in der Wochenend-Beilage der Freien Presse.

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