Ruheinseln im Büchermeer

Bei der Vielfalt, die auf Gäste der Leipziger Buchmesse einstürzt, ermöglicht "Leipzig liest", sich auf Neuheiten zu fokussieren. Ein Zufallsrundgang am ersten Messetag. Neu fokussieren müssen sich auch Ratgeber-Verlage.

Leipzig.

Die Erfahrung überkommt Besucher der Leipziger Buchmesse alle Jahre wieder: Irgendwann weiß man nicht mehr, wo man hinschauen soll. Reizüberflutung allerorten. Dabei bietet die große Bücherschau bereits seit 1992 all jenen, die wollen, zumindest zeitweise Ablenkung von der Ablenkung, also: Momente der Konzentration. "Leipzig liest" heißt das Zauberwort, unter dem in diesem Jahr mehr als 3600 Veranstaltungen ein Programm bilden, das Lesungen, Gespräche, Diskussionen und zahlreiche weitere Formate bündelt, davon tagsüber ein Großteil auf der Messe selbst, dort meist von einer halben Stunde Dauer. Aber wie soll man wiederum in dieser Fülle etwas Passendes finden? Wo schon das Programmheft 440 Dünndruckseiten umfasst? Man kann es zum Beispiel dem Zufall überlassen und den Les-O-Maten auf der Messe-Website in Gang setzen. Der macht per Zufallsgenerator Vorschläge, eingrenzbar auf Veranstaltungstag und -ort: Messe oder Stadtgebiet Leipzig.

Den Anfang des Rundgangs durch einige Lese-Orte überlässt "Freie Presse" allerdings nicht dem Zufall. Eine Institution, seit die Buchmesse vor den Toren der Stadt abgehalten wird, ist das Österreich-Kaffeehaus in Halle 4, Stand D213/ E210. Nicht nur, dass die dort vom legendären Leipziger Café Grundmann betriebene SB-Theke den besten Kaffee auf der Messe sowie stilechte Wiener Torten nebst Schnitzelbrötchen anbietet. Auch das Flair, der Zungenschlag der Autoren und Moderatoren aus der Alpenrepublik hat ein gewisses Etwas. So der von Franz Hammerbacher, der zum diesjährigen Einstand am Donnerstagmittag im Gespräch mit ORF-Moderator Roman Kollmer seine Miniaturensammlung "Naqoura" präsentiert - Geschichten aus der Zeit des Verlegers und Schriftstellers als vom österreichischen Bundesheer abgeordneter UN-Blauhelmsoldat im Libanon. "Das Schlimmste ist die physische Beengtheit im Camp", sagt der 51-Jährige, der nach eigenen Worten die Dinge, die ihn in seinem halben Jahr dort beschäftigt haben, mit niemandem teilen konnte - und sie deshalb aufschrieb. Geschichten, aus denen bisweilen eine gewisse Sinnlosigkeit spricht. Und wohlweislich darf dort keiner länger bleiben als das halbe Jahr: "Wer dort 18 Monate zubringt, gewöhnt sich Umgangsformen an, die seine Angehörigen befremden würden", sagt der Autor. Ein Blick über den Tellerrand. Oder den der Kaffeetasse. Die lockere Bestuhlung nimmt den Lesungen bei den Österreichern das "Frontale", die Beschallung lässt auch weiter weg vom Podium keine Wünsche offen.

Zum ersten Termin, den der Les-O-Mat ausgespuckt hat, führt der Weg am Stand des Diogenes-Verlags vorbei, wo eine rund zehn Meter lange Schlange geduldig auf Autogramme wartet. Krimi-Königin Ingrid Noll ist zu Gast. Mit diesem Genre kann auch der zwei Ecken weiter im Literaturforum, Halle 4, Stand F 100, lesende Frank Goldammer dienen. Er ist der Schöpfer des Dresdner Nachkriegs-Ermittlers Max Heller, wandelt aber hier und jetzt auf Abwegen: "Großes Sommertheater" (DTV) heißt sein satirisch-schwarzhumoriger Roman über ein Familientreffen an der Ostsee mit äußerst starken untereinander zerstrittenen Persönlichkeiten, die nach eigenem Bekunden des Dresdners sowohl seiner Beobachtung, als auch seiner Fantasie entspringen. Und mit Knalleffekt am Ende. Auch hier ausreichend Stühle frontal, links und rechts schräg gestellt sowie ein paar hohe Schalenhocker an Tischen, und da das Literaturforum am Ende der Halle 4 liegt, hält sich der Geräuschpegel rundum in Grenzen.

Verglichen damit, ist das Blaue Sofa in der zentralen, sonnendurchwärmten Glashalle, wohin der Weg danach führt, eine Herausforderung. Das Veranstaltungsforum, das ZDF, 3Sat, Deutschlandfunk Kultur und Bertelsmann gemeinsam betreiben, ist im Gegensatz zu den beiden Leseorten davor im Dauerbetrieb. Vortragende und Publikum - beide sind im fliegenden Wechsel. Was immer auch bedeutet, dass man mehr mitbekommt als nur das, weswegen man da ist. Buchautor Takis Würger ("Stella") signiert noch ein paar letzte Bücher, während Kunsthistorikerin Kia Vahland vor zahlreichen Interessierten auf weißen, kunstlederbezogenen Sitzquadern (Vorsicht: Die Einzelwürfel sind sehr weich!) über Leonardo da Vinci spricht und sich der Journalist Maxim Leo auf seinen Auftritt vorbereitet. Er stellt nach "Haltet euer Herz bereit" mit "Wo wir zu Hause sind" (Kiepenheuer & Witsch) sein zweites Buch über seine Familie vor. Es handelt von seinen drei Großtanten, die ihrer jüdischen Herkunft wegen früh in den 30er-Jahren nach Palästina auswanderten, nach einer behüteten Jugend einen Kulturschock erlebten, aber aus der entstandenen Situation das Beste machten, ohne sich je als Opfer zu fühlen. Die Recherchen in seiner Familie, so Leo, hätten ihm geholfen, noch besser nachzuspüren, was mit jemandem passiert, der aus Syrien nach Deutschland kommt. Sein stark beklatschtes Fazit für die aktuelle Situation in Deutschland: "Niemand kommt einfach so."

Nicht jede Migrationsgeschichte stößt derweil auf großes Interesse. Als der türkische Schriftsteller Adnan Maral, ein weiterer Tipp vom Les-O-Mat, im kleinen Literaturforum "Buch aktuell" (Halle 3, Stand E 401) seinen Roman "Süperopa" (Blanvalet) vorstellt, folgt ihm ein knappes Dutzend Zuhörer. Dabei ist sein Ansatz interessant: Sein fantastisch-komischer Roman handelt vom in Deutschland lebenden türkischen Rentner Kenan. Nach Infektion mit genmutierten Viren entwickelt er übernatürliche Kräfte, wenn er das türkische Joghurtgetränk Ayran zu sich genommen hat. Dann kann er fliegen, die Wände hochgehen, wittert Gefahren für seine Familie - die das eigentlich ernste Thema des Buches ist: Differenzen und Befindlichkeiten unter den drei Generationen der türkischen Einwanderer und Wege, sie zu überwinden.

Da liegen ostdeutsche Befindlichkeiten dem Buchmessenpublikum womöglich näher. So etwa, wie die Leipziger Autorin Claudia Rikl mit ihrem zweiten Kriminalroman, "Der stumme Bruder" (Kindler). Sie liest in der Autoren-Arena der Leipziger Volkszeitung (Halle 5, Stand D100): zehn Reihen à zehn Klappsitze, ansteigend wie im Kino und mit entsprechend guter Sicht von allen Plätzen. In Neubrandenburg ermittelt ihr Ermittler Michael Herzberg zum Mord an einem Agrarunternehmer. Die Tat, stellt er fest, scheint sowohl in den Tagen nach dem Einmarsch der Sowjets in Mecklenburg zu wurzeln, als auch im Umbau der LPGen zu Agrargenossenschaften nach Bundesrecht im Jahr 1990, nach deren Abschluss sich nicht jeder gerecht behandelt gefühlt hat.

Beim Verlassen der LVZ-Arena haben sich die Besucherreihen schon deutlich gelichtet. Kaum viel mehr als eine Stunde, und der erste Tag der Buchmesse 2019 ist Geschichte. Der von "Leipzig liest" 2019 nicht: Die Fortsetzung folgt an jenem und den Tagen bis einschließlich Sonntag in der ganzen Stadt.

www.leipzig-liest.de

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