Saitengebirge eines Überzeugungstäters

Der Gitarrist David Torn gilt als eine Schlüsselfigur des modernen Jazz. Mit seinem neuen Album "Sun of Goldfinger" lotet er nun Genre-Grenzen aus.

New York.

Er ist ein Phänomen zwischen den Stilen und dort absolut stilsicher. Mit jeder seiner raren Einspielungen beweist das der amerikanische Gitarrist David Torn (Jahrgang 1953) aufs Neue. Zwischen progressivem Rock, Jazz, Weltmusik und Minimal navigiert er auf seinem ganz eigenen Weg. Als Filmkomponist, Studiobetreiber, Nestor, Bandleader und Solist ist er enorm nachgefragt, weil er stets definitive Qualität liefert. Deswegen hat er Platten von David Sylvian, Jeff Beck, Lou Reed oder David Bowie ebenso veredelt wie im anderen Lager solche von Jan Garbarek, Don Cherry oder The Bad Plus. An Soundtracks für Filme arbeitete er mit Ryuichi Sakamoto oder Carter Burwell. Eigene Art-Rock-Bands hießen Zobo Funn oder Everyman Band. Einmal hielt David Torn die Mitteilung für nötig, dass tatsächlich alle recht fremd klingenden Sounds einer Aufnahme tatsächlich auf der Gitarre erzeugt waren - natürlich unter Zuhilfenahme diverser Effektgeräte. Im Spiel mit ihnen auf vielfältigste Weisen ist er ein absoluter Meister. Sein ihn bewundernder Gitarrenkollege Bill Frisell brachte das einmal auf den Punkt: "David ist eine Schlüsselfigur unter jenen, die mit Sound experimentieren. Er weiß, wie man die technischen Erweiterungen als Vorteil nutzt."

Auch dem Hörer erschließen sich Torns faszinierende Klangwelten bei jeder Begegnung mehr: Wahrscheinlich ist das Faszinierendste, wie er in allen seinen Aufnahmen das Durchgeplante mit dem spontan Entstehenden zu einer verblüffenden, nie simplen Einheit führt. Im Jahr 2007 etwa veröffentlichte er das von vielen Kritikern als Album des Jahres gefeierte "Prezens". Die Art der Entstehung ist typisch für das multidimensionale Arbeiten David Torns. Mit Schlagzeuger Tom Rainey, Keyboarder Craig Taborn und Altsaxofonist Tim Berne, allesamt Granden der New Yorker Jazzavantgarde, hatte er ein Dutzend Stunden Studiosessions aufgenommen, die er danach im Studio filetierte, neu zusammensetzte und als kurzweilig druckvolle Synthese aus Mensch und Maschine zu einer so noch nicht gehörten Fusion aus Jazz und Rock zusammenbastelte, in der man eine Musik der Zukunft hören konnte; voll treibender Kraft und ruppig eingängiger Magie. Weil er stets Überraschendes präsentiert, ohne sich zu inflationieren, folgte erst acht Jahre später das Soloalbum "only sky": Saitengebirge, in denen man sich verlieren möchte, im Moment schwelgende Bewusstseinsströme, Improvisationen von hypnotischer Kraft. Man staunt, wie sich hier einer in einer großen Nachtmusik seinen Meditationen hingibt, durch die Lagerfeuer-Americana, Minimal Music, Bluesfragmente und harsche Klänge irrlichtern, die sich zum Manifest eines Kompromisslosen addieren.

Nun legt er mit "Sun of Goldfinger" sein bis dato schroffstes Album vor: drei Stücke, jeweils über 20 Minuten lang. Zwei detailpralle Trioimprovisationen rahmen ein Stück, in dem zwei weitere Gitarristen, Keyboarder Craig Taborn und ein Streichquartett hinzukommen. Das Trio entstand 2010 in Brooklyn. Altsaxofonist Tim Berne hatte den Gitarristen eingeladen, mit ihm und seinem Schlagzeuger Ches Smith aufzutreten - und es funkte vom Start weg. Überhaupt gilt Berne mit seinen permanenten Richtungswechseln, mit denen er das Material umkreist, unter Musikern als einer der einflussreichsten Saxofonisten der Gegenwart. Seit den 90ern arbeiten er und Torn zusammen und entwickeln ihre forsch forschende Musik neben dem Mainstream.

Das neue Trio blieb beisammen, tourte ausführlich, ließ sich Zeit, seine Ideen zu konturieren und fortzuschreiben, ehe es sie auf CD bannte. Dringlich drängende Musik hört man, mal mit insistierendem Furor, dann wieder zurücktauchend, aber immer wieder neu Anlauf nehmend. Das Schlagzeug kann dann mit repetitiven Mustern Druck machen, die das Saxofon aufnimmt, wozu die Gitarre splittert und spröde drängt. Das entwickelt eine Dringlichkeit, die mit Händen zu greifen ist und Torn wieder ganz vorn positioniert, wenn es um neue Konzepte für Jazzgitarre geht.

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