Schwarze Gänsehaut

Wenn man den Indiorock der letzten zwei Dekaden auf einen Song reduzieren müsste, dann wäre das wohl "Without You I'm Nothing" der britischen Band Placebo: Die Band um den androgynen Sänger Brian Molko hat mit so ungewöhnlichen wie zugänglichen Eigenbau-Mitteln ganze Generationen geprägt. Ihr Durchbruchsalbum erschien heute vor 20 Jahren.

Anfang der 90er-Jahre stand die Musikszene in Großbritannien unter dem Stern des Brit Pops. Bands wie Oasis, Pulp und Blur dominierten die Charts. Und dann war da 1994 plötzlich Placebo. Die anderen. Die, die gar nicht so leicht in eine Schublade zu packen waren. Düster, dramatisch und mysteriös umhüllt in Glamrock-Gitarren mit Punk- und Alternative-Rock-Einflüssen. Einerseits raue Eigenbau-Punks, die die handwerklichen Eskapaden von Supergruppen ablehnten - dann aber wieder mit elegant schwarz lackierten Nägeln und in Frauenkleidern über Homo- und Bisexualität oder Drogenmissbrauch in der Öffentlichkeit sprachen und nach David Bowie erstmals wieder den Begriff "Androgynie" in den Rock brachten. Der kommerzielle Durchbruch gelang Placebo mit dem zweiten Album: "Without You I'm Nothing", welches heute vor 20 Jahren erschien und der Band die Tür zum Superstar-Ruhm aufstieß: Bis heute verkauften sie über 12 Millionen Alben, erhielten zahlreiche Preise und spielten Konzerte auf der ganzen Welt von Angkor Wat bis Kiew.

Doch die Karriere von Placebo ist auch maßgeblich von den Launen und der Exzentrik des Frontmanns Brian Molko geprägt. Während Bassist Stefan Olsdal immer an seiner Seite blieb, legten einige Schlagzeuger in den vergangenen fast 25 Jahren ihre Sticks im Trio beiseite. Zeit, sich das Schaffen der Band näher anzusehen.

 

Mysteriös

Auf dem selbst produzierten Debüt "Placebo" von 1996 setzt Placebo auf Alternative Rock mit starken Einflüssen aus Punk- und Glamrock. Schon der Opener "Come Home" mit seinem Stakkato-Schlagzeug-Intro und der klaren Gitarren-Hookline gibt die Richtung der insgesamt gefährlich mysteriösen und von Drogen geprägten elf Songs vor. Der erste Hit gelang mit "Nancy Boy". Dessen klirriger Sound und der besonders tiefgestimmte Bass stehen im starken Kontrast zu Brian Molkos hoher Stimme - eine Kombination, die über Jahre zum Trademark der Band geworden ist. Kurz nach dem Erscheinen der Platte ereilte Placebo eine frühe Ehre: David Bowie lud die Band zu seiner Party zum 50. Geburtstag in den Madison Square Garden in New York ein und beschied ihr, eines der größten Talente der Neuzeit zu sein.

 

Düster

Das Debüt hatte Placebo vor allem in Insider-Kreisen als "nächstes großes Ding" ins Gespräch gebracht - die Nachfolger lieferten: "Without You I'm Nothing" aus dem Jahr 1998 startete noch etwas gewöhnlich, weil die starke Single "Every You And Every Me" als Titelsong für den Teenie-Thriller "Eiskalte Engel" verwendet wurde. Dabei kommt der satte Rock-Hit im Vergleich zu Songperlen wie "Allergic (To Thoughts Of Mother Earth)" fast harmlos daher, die depressive und gleichzeitig wärmende Atmosphäre traf den Nerv von Millionen. Das hypnotische "Pure Morning" brannte den Sound einer ganzen MTV-Generation ins Langzeitgedächtnis, Balladen wie "The Crawl" waren Vorreiter der Emo-Welle.

Und dann der Titelsong: 2016 trat erneut David Bowie an Placebo heran und bat (!), "Without You I'm Nothing" als Duett aufzunehmen. Die Vereinigung des "Tin White Duke" mit dem androgynen Exzentriker Molko in einem Song, der allein von seiner zerbrechlich-genialen Struktur her seinesgleichen in der Popgeschichte sucht, wirkt wie Licht und Dunkel in einem: Mehr Drama geht nicht.

Den Düstersound perfektionierte Placebo 2000 auf dem dritten Album "Black Market Music". Erneut ist es der erste Song, der mit einem besonderen Intro die Dynamik der Platte vorgibt. Dieses Mal sind es jedoch intensive Schlagzeug- und Elektro-Klänge, und Molkos ungewöhnlich tief wirkende Stimme, die für viel musikalische Dunkelheit sorgen. "Slave To The Wage" mit seinen zwischendurch eingestreuten Gitarren und "Special K", durch leichte weibliche Background-Gesänge, wirbeln die Stimmung auf und bringen sogar poppige Elemente ein. Ein weiterer Ohrwurm gelingt Placebo mit "Black-Eyed". Immer wieder ruhen die Gitarren, Molkos traurig-melancholischer Gesang dominiert und sorgt für viel Gänsehaut. Ein Song sticht aus den 13 Stücken jedoch ganz besonders hervor: "Commercial For Levi". Wenn Brian Molko, nur von Bass und Xylophon begleitet, immer wieder "Please don't die" singt, ist der Spannungsbogen auf dem absoluten Höhepunkt.

 

Feinfühlig

Rund um die Themen Liebe und Freundschaft wurden die Töne auf dem Viertling "Sleeping With Ghosts" 2003 poppiger. Hatte man bisher das Gefühl, dass dem Sound der Placebo noch etwas fehlte, so war nun das "gewisse Etwas" gefunden - elektronische Klänge und Keyboards. Die Songs erhielten damit noch mehr Dynamik. Im gleichnamigen Song kämpft Molkos Stimme daher nicht gegen die Klangwand an, sondern fügt sich ganz sanft ein und sorgt so für eine großartig gefühlvolle Ballade und haucht dem immer wieder leise gesungenen "Soulmates Never Die" eine emotionale Tiefe ein. Die geradeaus rockenden Songs wie "The Bitter End" und "Special Needs" gehören heute ins feste Setlist-Repertoire der Band.

 

Herausragend

Hatten einige Fans mit dem Viertling etwas gehadert, wurden sie 2006 mit "Meds" mehr als versöhnt: Der Meilenstein konzentriert den Sound der Vorgänger perfekt auf den Punkt. Drama, Euphorie, Trauer, Freude, Melancholie, Rock, Pop alles vereint in 13 Songs. Der Titelsong mit Alison Mosshart von The Kills schaukelt sich im Mix aus Molkos Schreigesang und den zuckenden Gitarren musterhaft hoch und endet abrupt: "Infra-Red" springt dazwischen und treibt zwischen Bass und Gitarre den Druck ans Limit. "Because I Want You" ist wieder eine inzwischen typische Nummer, knallt dazu auf die Drums und hat im Mittelteil eine dieser herrlich wirbelnden Umkehr-Momente, in denen nur Molkos Gesang steht und die Nummer aufbricht. Optimistischer geht es mit Placebo fast nicht. Doch das englische Trio avanciert auch immer mehr zu den Meistern der Balladen. "Pierrot The Clown" ist einer dieser grandios emotionalen Songs, die live sogar zu Tränen rühren können. Als Gast in "Broken Promise" ist dann Michael Stipe von R.E.M. dabei. Das Album schließt mit dem zum Heulen großartigen "Song To Say Goodbye", einem der wohl dramatischen Gänsehaut-Songs der Band.

 

Rückwärts

Die beiden bisher letzten Alben des Trios sind der Brückenschlag zwischen den frühen depressiv dunklen Werken und dem poppig opulenten Mix und verfestigen den chartismatischen Sound für das neue Jahrzehnt des neuen Jahrtausends. "Battle For The Sun" (2009) war dabei der erste der Folgeschritte. Herausgekommen sind dabei supersolide Rock-Songs wie "For What It's Worth" oder "The Never-Ending Why", die auf hüpfende elektronische Beats, knallende Drums und zurückgesetzte Bass- und Gitarrenlinien setzen - aber auch einige Experimente wie "Julien" oder der Titelsong. Ähnlich ist es auch auf dem 2013 erschienenen Album "Loud Like Love", das ungewohnt poppig die Essenz von Placebo auf gekonnte, aber nicht mehr so überraschende Songs fädelt und sie dabei wie ein roter Faden durchzieht. Erst der letzte Titel "Bosco" sticht hervor und baut sich zu einer supertraurigen Klavier-Liebes-Ballade auf.

 

"Without You I'm Nothing" ist schlicht der perfekte Popsong - hier von David Bowie als Duettpartner geadelt.

 

"Bitter End" ist ein Live-Evergreen und zeigt die Band auf "Sleeping With Ghosts" von ihrer bissig-treibenden Seite.

 

"Song to Say Goodbye" ist der trotzigste Abschiedssong der Rockgeschichte. Das cineastische Video ist atemberaubend.

 

"Too Many Friends" von macht klar, warum ein durchschnittlicher Placebo-Song allemal besser ist als die Hits anderer Bands.

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