Seelenknacks an einer Bruchstelle der Historie

Simon Schwartz zeichnet eine großartige Perspektive auf die Romanows

Erfurt.

Comic-Biografien sind der letzte Schrei auf dem Buchmarkt. Sie versprechen einen ungewöhnlichen Zugang zu spannenden Persönlichkeiten, das Feuilleton schreibt darüber schneller mal als über ein normales Buch, und manchmal, weil irgendwie noch das "Jugend"-Mem mitschwingt und man des vermeintlich leichten Zugangs halber auf fixe Bildung hofft, gibt es sogar Fördergeld. Dem Genre tut das alles leider selten gut: Regelmäßig verwandeln subtalentierte Comicmacher die Lebensläufe von verkaufsträchtigen Berühmtheiten in so etwas wie chronologische Wikipedia-Bildgeschichten. Die Möglichkeiten des Mediums werden dabei regelmäßig links liegen gelassen.

Daher ist es meist ein Hochgenuss, wenn sich der Comiczeichner und -autor Simon Schwartz mit seinem Zeichenstift über eine Lebensgeschichte hermacht: 2013 hat der Erfurter mit der halbseitigen Zeitungsreihe gelernt, wie man Biografien knackig und packend in Comics übersetzen kann, wenn man Textrudimente und Bilder kunstfertig ineinanderkrachen lässt. Schwartz lässt dabei auf knappem Raum viele Ebenen aufsplittern, die das Lesen und Betrachten seiner Comics zum immer neuen Vergnügen machen. Sein Band "Vita Obscura", der die "einseitigen" Biografien skurriler Zeitgenossen versammelt, gehört zum Besten, was das Genre in Deutschland bisher zu bieten hat.

Nun hat Schwartz eine richtig dicke Comic-Biografie vorgelegt, und sie ist wieder großartig geworden. "Ikon" erzählt die Geschichte von Gleb Botkin, Sohn des Leibarztes Jewgeni Botkin, welcher am 17. Juli 1918 zusammen mit der Zarenfamilie Romanow nach der Oktoberrevolution von Bolschewiki erschossen wurde. Gleb, der ein enges Verhältnis zu Prinzessin Anastasia hatte, wird Ikonenmaler - und findet die ermordete, für ihn aber nur verschwundene Seelenverwandte im amerikanischen Exil in Gestalt einer Anna Anderson vermeintlich in einer Irrenanstalt wieder. Die Geschichte ist wahr, die gebürtige Deutsche, die sich jahrzehntelang mit Glebs Hilfe als russische Großfürstin ausgab und 1984 starb, wurde erst 1991 endgültig enttarnt. Das Buch tänzelt kunstvoll an dieser skurrilen Bruchstelle der Welthistorie entlang. Schwartz versteht es meisterhaft, mit widersprüchlichen Bildern und Texten die Geschichte einer Verwirrung zu schildern - und erzählt dabei mit großem Ernst von menschlicher Sehnsucht nach Identität und spiritueller Heimat. Wie innig sich das kosmische Ganze oft im verrückten Kleinen spiegelt, wie nach Wahrheit und Wahn doch beisammen sein können!

Das Comic "Ikon" von Simon Schwartz ist im Avant-Verlag erschienen. 216 Seiten kosten 15 Euro.

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