Sein oder Nichtsein - so klingt das neue Album von The Who

Auf ihrem neuen Album "Who" stellen Pete Townshend und Roger Daltrey als The Who sich selbst in Frage - treten dann aber doch das eigene Erbe an.

Obwohl er 75 ist, hat Roger Daltrey die Mechanismen des digitalen Zeitalters verstanden. Seit er sagte, das neue Who-Album sei das beste seit "Quadrophenia" (1973), hagelt es im Netz Lobeshymnen. Dabei lässt sich das auch ganz anders sehen. Realistischer erscheint schon die Einschätzung von Pete Townshend (74): "Die meisten meiner erfolgreichen Songs habe ich geschrieben, bevor ich 30 Jahre alt geworden bin oder vielleicht 27. Ich bin da sehr stolz drauf, aber ich möchte nicht davon leben, ich möchte es nicht weiter zelebrieren, und ich will nicht ständig darüber reden", sagt der Gitarrist. "Was ich am neuen Album so liebe, ist, dass ich über neue Songs sprechen kann."

Exakt 13 Jahre liegt das letzte Album "Endless Wire" zurück. "Es sind ja keine Who-Alben mehr, sondern Alben von Pete und Roger", gesteht Townshend ein, "The Who ist das Logo, das Erbe oder der Mythos." Seit Schlagzeuger Keith Moon (1978) und Bassist John Entwistle (2002) an einer Überdosis gestorben sind, sei die Band nicht mehr dieselbe. "Was wir zusammen machen, basiert aber auf dem, was wir früher gemacht haben. Das Gefühl und die Energie sind ähnlich, aber wir werden nie wieder dieselben sein." Das neue Album als Who-Album zu bezeichnen sei "etwas gewagt", deswegen gaben die beiden übriggebliebenen Bandmitglieder ihm auch den Titel "Who" (Universal), was ja nichts anderes heißt als "Wer?" Sie stellen sich mit den elf neuen Songs also selbst in Frage.

Schon der erste Track "All This Music Must Fade" nimmt all denen den Wind aus den Segeln, die fragen, ob es dieses Albums wirklich bedurft hätte? Natürlich nicht. "Hope I Die Before Get Old", hieß es schon 1967 in "My Generation". Aber warum sollte man zwei alten Männern verbieten, Musik zu machen? In den ersten vier Songs holt die neben den Stones dienstälteste Rockband der Welt ihre Fans erst mal ab und zitiert sich selbst. Der erste Song erinnert schon vom Titel her an "Music Must Change" vom "Who Are You"-Album (1978). In "Ball And Chain" gibt es den seit "Baba O' Riley" und "Won't Get Fooled Again" typischen Syntiesound. Und "Detour", das auf die Anfänge der Band anspielt als sie noch "The Detours" hieß, ähnelt mit seinem jammenden Rhythmus stark an "Magic Bus" von 1968. Dann reicht's aber mit Wurzeln. Wut ist immer noch genug da. In den restlichen Songs lernt man The Who, die von Pino Palladino (Bass), Zak Starkey (Drums) und Simon Townshend (Gitarre) ergänzt werden, auch von einer ganz anderen Seite kennen. In "Beads On One String" gibt es erstaunlich viel Keyboard, und Daltreys Stimme, die in "Ball And Chain" nur gurgelte, klingt erstaunlich klar. "Street Song" überrascht mit einer schönen Melodie. Im fröhlichen "Break The News" kommt fast so was wie Sixties-Stimmung auf. Und "Rocking Rage" und "She Rocked My World" sind zwei erfahrungsgesättigte Altersballaden mit Gitarren-Picking und Piano. Natürlich sind auch schwache Nummern dabei. "Hero Ground Zero", das so einfallslos ist wie der Reim im Refrain. Oder das völlig unmotivierte von Townshend gesungene "I'll Be Back". Am Ende fragt man sich, ob der Tod von John Entwistle nicht wirklich eine Art Befreiung war, wie Townshend das im Interview kürzlich erklärte: Auch, wenn er danach zurückrudern musste und auf Facebook aufklärte, er habe das so nicht gemeint.

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