Späte Grüße aus der Gruft

Neue Tonkost von Miles Davis: Zwar ist der Mehrfach-Revolutionierer des Jazz seit fast 28 Jahren tot, aber ein unvollendetes Album von 1985 ist jetzt dank ehemaliger Mitstreiter doch noch fertig geworden. Das Ergebnis überzeugt indes nur zum Teil.

New York.

Neuerdings schießen immer mehr sogenannte "verlorene Alben" musikalischer Genies aus dem Boden. Ikonen, die bereits vor Jahrzehnten das Zeitliche gesegnet haben, schieben den Deckel von der Gruft und präsentieren unveröffentlichte Studioaufnahmen. Als erste Wiedergänger erschienen 2018 Jimi Hendrix mit "Both Sides Of The Sky" und John Coltranes superbes "Both Directions At Once". Im Frühjahr folgte Marvin Gaye mit "You're The Man". Nun meldet sich der kultisch verehrte Meister aller Klassen, Miles Davis, mit "Rubberband" (Rhino/Warner). Die Platte enthält Aufnahmen von 1985, die damals als komplettes Album erscheinen sollten.

Musikgeschichtlich ist der kulturarchäologische Fund zweifellos spannend. Zu jener Zeit wechselte Davis die Plattenfirma, kappte seine über drei Dekaden währende Beziehung mit CBS-Records und landete schlussendlich bei Warner Brothers. Mit den Produzenten Randy Hall und Zane Giles startete er Aufnahmen in den Ameraycan Studios in Los Angeles. Beseelt vom angesagten Prince und dessen funky rockenden Grooves, schlug er eine Richtung ein, die den Dancefloor, Rock plus dezent soulige Stimmungen einbinden sollte. Man erwog sogar den Einsatz von Gastsängern wie Chaka Khan oder Al Jarreau.

Dazu kam es nie. Als zeitgleich Multiinstrumentalist Marcus Miller auf der Bildfläche erschien, wandte er sich ihm als Partner zu. Beide schufen das so berühmte wie umstrittene "Tutu" plus "Amandla" und die Filmmusik "Music From Siesta". Knapp 35 Jahre später holen Hall und Giles mit Davis' Neffen Vince Wilburn Jr., damals sein Drummer, die Skizzen aus der Versenkung, bearbeiten selbige und haben sie nunmehr veröffentlicht.

Kein geringes Risiko, so man sich Davis' Stellenwert vor Augen hält. Er, der stets von Blues sprach und das Wort Jazz als Begriff betont gering schätzte, war als Pionier an nahezu allen Entwicklungen nach der Swing-Ära beteiligt. Bebop an der Seite von Charlie "Bird" Parker, modaler Jazz, psychedelisch-elektrischer Jazz, Jazz-Rock, Jazz-Funk, Jazz-Klassik-Crossover und immer wieder Gänsehaut-Balladen Marke "Generique" aus seinem Soundtrack zum Filmklassiker "Fahrstuhl zum Schafott".

Allein schon die stilistischen Universen, die zwischen dem lässigen Meilenstein "Kind Of Blue" und dem abgedrehten Meisterwerk "Bitches Brew" liegen, weisen ihn als ewigen Titanen aus. "Was machen Sie denn hier?" fragte eine aufgetakelte Südstaatenlady ihn, den Schwarzen, bei einem Dinner im Weißen Haus. "Ach, ich habe nur vier oder fünf Mal die Musik revolutioniert und Sie?"

Handelt es sich mithin um echte Schätze oder um Katzengold? Die Antwort lautet: Sowohl als auch! Die gesungenen Nummern gehen allesamt baden. Die Sänger erscheinen allesamt dermaßen übermotiviert, dass sie die Ausstrahlung der Trompeten-Licks unangenehm in den Hintergrund drängen. Die Chanteuse Ledisi etwa legt auf "Rubberband Of Life" so dominant los wie ein Presslufthammer und lässt kein Klischee stimmlicher Akrobatik aus, während das Arrangement in ödem Lounge-Sand versickert. Hall liefert mit "I Love What We Make Together" ebenfalls nur Konfektion von der Stange. "Paradise" verschafft jedem Miles-Fan feuchte Augen. Doch Tränen der Rührung werden es nicht sein. Das gesamte Arrangement bietet lediglich Touristen-Sound zwischen Hoteldisco und Karibik-Werbeliedchen. Alles bleibt oberflächlich und verneint Davis' Quirligkeit und Sensibilität gleichermaßen.

Weit positiver fallen die reinen Instrumentalstücke aus. Hier agiert das Produzententrio endlich auf Augenhöhe mit dem Maestro und setzt dessen Vorlagen sowohl unterstreichend wie auch als Gegenpol in Szene. "This Is It", "Give It Up", "Maze" und das Titelstück sind fetzige Knaller für den Dancefloor. Besonders die gelegentlich eingewobenen Rock-Gitarren machen als Sidekick eine tolle Figur. Sie klingen wie Brücken zwischen dem derben 1981er-Miles anno "Fat Time" und der späteren Lebendigkeit von "Amandla". Freunde seiner psychedelischen 70er-Phase werden sicherlich an "See I See" Gefallen finden. Das Stück greift diesen Grundton seiner 1973er "Get-Up-With-It"-Phase auf und transferiert deren Energie geschickt ins damals zeitgenössische 1985. Wer hernach den totalen Groove-Overkill vermisst, bekommt in der Zehn-Minuten-Jam "Echoes in Time"/"The Wrinkle" ein echtes Galadinner. Fazit: "Rubberband" erweist sich überall dort als großer Wurf, wo man den Charakter von Miles Davis' Musik hervorhebt, statt ihn zu torpedieren.

 

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