Sprechende Bilder

Die ACC-Galerie in Weimar zeigt eine sehenswerte Retrospektive des tschechisch-deutschen Filmemachers Pavel Schnabel. Er beschäftigte sich auch mit den "Erben von Karl Marx" und Chemnitz nach der Wende - und mit dem "Jetzt - nach so vielen Jahren".

Weimar.

Die Reaktionen auf Pavel Schnabels Filme waren oft kontrovers. Nach dem international vielfach preisgekrönten Film "Jetzt - nach so vielen Jahren" aus dem Jahr 1981 über ein westdeutsches Dorf, einst "Klein-Jerusalem" genannt, das die Erinnerungen an seine jüdischen Mitbürger zunächst erfolgreich verdrängt hatte, dann aber mit dem Schicksal der wenigen überlebenden Juden auf der Leinwand konfrontiert wird, jubelte ein Zuschauer "Herzlichen Glückwunsch, dass die Gemeinde Rhina 'judenrein'..." ist. Eine Zuschauerin dagegen schrieb: "Wieder einmal habe ich mich geschämt, Deutsche zu sein ... Warum sind meine Landsleute denn so feige der jungen Generation zu gestehen, dass sie damals Angst, um nicht zu sagen, hämische Zufriedenheit daran hatten ..." - gemeint ist die Verfolgung der Juden.

Der Film ist Teil einer umfangreichen Retrospektive des tschechisch-deutschen Filmemachers Pavel Schnabel in der Weimarer Galerie ACC, die 23 Filme aus den Jahren von 1978 bis heute zeigt. Zu den Filmen, die in Endlosschleife laufen, sind in mehreren Räumen Kamera, Notizen, Zuschauerbriefe, Auszeichnungen, Fotos, Ausstattungsgegenstände gestellt, die der Ausstellung eine sehenswerte installative Form geben. Das Ost-West-Verhältnis, die Gedanken der Menschen vor und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, der Umgang mit alten und neuen Utopien interessierten den 1946 in Olomouc geborenen und in Liberec aufgewachsenen Pavel Schnabel besonders. Nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Armeen im August 1968 in Prag floh Pavel Schnabel in die Bundesrepublik, wo er bald zu einem der engagiertesten und renommiertesten Dokumentarfilmer des Landes avancierte. Er erhielt den Bundesfilmpreis, den Adolf-Grimme-Preis, internationale Auszeichnungen.

Dass Pavel Schnabels Dokumentarfilme so viele und auch unterschiedliche Reaktionen hervorrufen konnten, liegt vor allem daran, dass er die Protagonisten seiner Streifen sprechen lässt, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Nur mit der Auswahl seiner Themen, Drehorte, Sujets bezieht der Regisseur Stellung. Manchmal hilft er ein wenig mit Fragen nach. In einem seiner Filme über Weimar - sie sind auch der Grund für den Ort der Rückschau - lässt er sich Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Nationalsozialismus und DDR-Sozialismus erklären: In der DDR habe man mit "Tricks" gearbeitet, um die Menschen zum 1. Mai auf die Straße und damit zu einem Bekenntnis zum Sozialismus zu bringen, bei den Nazis sei das nicht nötig gewesen, sagt ein Gesprächspartner. Der Nationalsozialismus habe wohl auf breiterer Basis gestanden, fragt der Autor. Ja, nickt eine Frau.

In manchen Szenen offenbaren Schnabels Filme eine verblüffende Aktualität und lassen ahnen, wo die Wurzeln einiger Probleme der Gegenwart liegen. Er wagt sich oft auch an schwierige Themen - etwa die Vertreibung der Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, filmt, wie Deutsche in den 1990er-Jahren in einer Kirche in Böhmen einen Gottesdienst feiern und sich der deutsch-tschechischen Geschichte erinnern. Nachdem "Der böhmische Knoten" 1994 im westdeutschen Fernsehen lief, verteilte ein Zuschauer "ein großes Kompliment für die ausgezeichnete Sendung", ein anderer lobte, dass in dem Film zu sehen sei, "wie Deutsche und Tschechen jahrhundertelang friedlich zusammenlebten, bis Hass zerstörerisch wirkte".

Auch Künstler, Kunst und deren Rezeption haben Pavel Schnabel immer wieder interessiert. Über die Documenta 6 drehte er 1977 einen Film, " ... und das soll Kunst sein?", fast nur aus der Sicht des (teilweise verstörten und verständnislosen) Publikums. Filmische Skizzen gibt es zu einer Arbeit über den 1962 in Zwickau geborenen Künstler Bodo Korsig, der in Trier Monotypien mit einer Straßenwalze drucken ließ. Trier, der Geburtsort von Karl Marx, war noch einmal Schauplatz eines Schnabel-Films - wie Karlsbad, wo Karl Marx mehrere Kuraufenthalte absolvierte und in den 1970er-Jahren das Andenken an den Philosophen in Schaufensternmit Fotos inmitten von Schinken und Salami wachgehalten wurde. Auch im ehemaligen Karl-Marx-Stadt filmte Schnabel. 1999 porträtierte er den aus Westdeutschland stammenden Linken-Politiker und Germanisten Peter Porsch im Rahmen eines Films über drei "Grenzgänger", darunter auch den Renft-Musiker Thomas "Monster" Schoppe. Und immer wieder nimmt er Anteil am Leben der "einfachen Leute" in der Vergangenheit und Gegenwart: Schauspieler in einem Straßentheater, Museumswächter(innen) in Dresden, München und Köln, Aussteiger in einem Öko-Hof. Einer seiner eindrucksvollsten Filme ist "Lissabon - Hafen der Hoffnung" aus dem Jahr 1994. Portugal galt während des Zweiten Weltkrieges, obwohl damals selbst autoritär regiert, als neutral und gewährte Emigranten eine 30-Tage-Frist, um einen Platz auf einem der Schiffe in die USA zu bekommen. Der Film erzählt vom Heldentum einfacher Menschen. "Kein Land hat so vielen Flüchtlingen geholfen wie Portugal", sagen Fritz und Käthe Adelsberger, die auf der Flucht vor den Nazis waren. Pavel Schnabels Filme, oft mit einer scheinbar etwas unruhigen Kamera gedreht - als würden die Bilder selbst während des Drehens sprechen -, erinnern oft daran, was Menschen so besonders macht: ihre Menschlichkeit. Sehenswert.

Die Ausstellung "Jetzt - nach so vielen Jahren. Eine Pavel-Schnabel-Filmretrospektive" ist in der ACC-Galerie in Weimar, Burgplatz 1 + 2, bis 24. Februar zu sehen. Geöffnet ist montags bis donnerstags und sonntags 12 bis 18 Uhr, freitags und samstags bis 20 Uhr.

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