Starviolinist Elin Kolev: Fokussiert und offen

Vor zehn Jahren machte ein junger Geiger aus Zwickau bundesweit Furore: Elin Kolev. Dass es so scheint, als sei es ruhiger um ihn geworden, täuscht. Der 22-Jährige verfolgt zahlreiche Projekte.

Zwickau/Karlsruhe.

Von außen betrachtet, hat es den Anschein, als sei es still um ihn geworden. Zehn Jahre ist es jetzt her, dass das Medienkarussell um den jungen Geigenvirtuosen Elin Kolev sich ganz besonders heftig drehte. Zu diesem Zeitpunkt ist der junge Zwickauer schon einige Jahre auf den Konzertbühnen der Region präsent, aber nun geht es Schlag auf Schlag: Da ist Ende April 2009 das Debüt des Zwölfjährigen in der New Yorker Carnegie Hall, ein Konzert mit anderen Jungvirtuosen. Die Teilnahme hat er als 1. Preis bei einem internationalen Nachwuchswettbewerb gewonnen. Im Rückenwind dieser Einladung wird er in deutschen Fernsehstudios herumgereicht - unter anderem ist er bei einer Benefiz-Gala mit Thomas Gottschalk zu Gast, aber auch bei "TV total" mit Stefan Raab, der seinen jungen Gast mit untypisch viel Respekt behandelt.

Kaum ist der New Yorker Nachhall verklungen, folgt die nächste Sensation: Elin spielt 2010 eine Hauptrolle in dem Spielfilm "Wunderkinder", in dem es um die Freundschaft dreier junger musikalischer Hochbegabter in den Wirren des Zweiten Weltkriegs in der von der deutschen Wehrmacht besetzten Ukraine geht. Die glanzvolle Deutschlandpremiere des Films holt der Zwickauer Veranstaltungs-Platzhirsch Matthias Krauß mit Unterstützung von Filmproduzentin Alice Brauner im September 2011 in die Schumannstadt. Zeitgleich erscheint bei Sony Classical Elins erste CD mit konzertanten Kabinettstücken von Gluck bis Chatschaturjan, inklusive zweier Stücke aus dem "Wunderkinder"-Soundtrack von Martin Stock. Wenig später beginnt Kolev sein Vorstudium an der Karlsruher Musikhochschule, geht 2013, zwei Jahre vorfristig, vom Gymnasium ab, um ganz nach Baden-Württemberg zu ziehen.

Ist es still um ihn geworden? Nun, Stille hat viele Gesichter. Und in Elins Fall ist es wohl eher eine Stille der Kreativität, zumal Trubel um des Trubels Willen sowieso nicht seine Sache ist: "In unserer lauten Gesellschaft ist manchmal die Stille das Eindrucksvollere", sagt er.

Dabei hat der junge Musiker einiges um die Ohren. Der Konzertplan bis Ende des Jahres ist voll - unter anderem mit einer Kurztournee mit Vivaldi-Programm durch Bulgarien, der Heimat seiner Eltern, und einigen Auftritten im Südwesten Deutschlands. Letzteres liegt nicht zuletzt daran, dass Elin Kolev seit anderthalb Jahren zu der kleinen Gruppe junger Solisten gehört, denen die baden-württembergische und rheinland-pfälzische Landesrundfunkanstalt Südwestrundfunk (SWR) als "New Talents" besondere Förderung zukommen lässt. Sie veranstaltet Konzerte, erstellt (nicht nur davon) Rundfunkaufnahmen und steht dem jungen Künstler bei allen denkbaren Fragen rund um seine musikalischen Aktivitäten mit Rat und Tat zur Seite. Andererseits reden die Rundfunkleute dem 22-Jährigen nicht rein. Auch nicht bei der Zusammenstellung der nächsten, zweiten CD, zu der im Sommer die Aufnahmen beginnen sollen. Eine reine Solo-CD, also mit Violinstücken ohne Begleitung, soll es werden - ein Konzeptalbum für Geige, gewissermaßen: "Würde ich jetzt einfach irgendein klassisches Violinkonzert einspielen, wüsste ich nicht, welchen Effekt das haben sollte", sagt Kolev. Er hat zwar viele Werke der konzertanten Literatur im Repertoire. So spielt er etwa 2020 mit der Vogtland Philharmonie Greiz-Reichenbach das Violinkonzert von Ludwig van Beethoven.

Aber er ist mit den Jahren eben auch so sehr in die Materie eingestiegen, dass er zwischen Werken unterschiedlicher Epochen Zusammenhänge gefunden hat, die er mit seinen Möglichkeiten dem interessierten Hörer vermitteln will. Etwa die musikalisch-harmonischen Verbindungen zwischen dem belgischen Geiger und Komponisten Eugène Ysaÿe (1858 - 1931) und Johann Sebastian Bach (1685 - 1750), die er mit der berühmten, hochvirtuosen Chaconne aus der 2.Violinpartita des Letzteren und der nicht minder anspruchsvollen Ballade des Ersteren aufzeigen will - vorm Studiomikrofon und im Begleitheft. Dazu kommt unter anderem ein Variationenwerk von Niccoló Paganini. Froh ist Kolev darüber, dass ihm gerade bei diesem Projekt der Südwestrundfunk geradezu luxuriöse Produktionsbedingungen verschafft. Normalerweise muss ein Musiker oder Ensemble sehen, dass eine CD-Produktion in einer vorgegebenen Zahl von (kostspieligen) Studiotagen im Kasten ist. Mit dem SWR ist nun vereinbart, dass er mit einzelnen Stücken, wenn er sie aufnahmereif einstudiert hat, nach kurzfristiger Terminabsprache ins Karlsruher Studio kommen kann, um sie einzuspielen, ohne den Druck, mehrere Brocken einer Schwierigkeitsstufe abliefern zu müssen, die man auch nicht ohne Not zusammen in ein Livekonzert packen würde.

So gut er es also in Baden-Württemberg getroffen hat, so eng sind nach wie vor die Bande nach Zwickau, wo seine Eltern leben. Seine Mutter, Margaritka Koleva, spielt in der Vogtlandphilharmonie Geige, gleiches tut der Vater Marian im Philharmonischen Orchester Plauen-Zwickau. Doch damit endet die Verbindung nicht. Auf Elin Kolevs Initiative finden zum diesjährigen Schumannfest erstmals Meisterkurse in den Fächern Klavier, Violine, Violoncello und Gesang statt. Zielgruppe sind Studenten an Musikhochschulen und -universitäten sowie Musiker mit abgeschlossener Berufsausbildung. Als Dozenten konnten nicht zuletzt dank Kolevs Vermittlungstätigkeit hochrangige Künstler ihres Fachs gewonnen werden: Yair Kless (Violine), Gustav Rivinius (Violoncello), Pavel Gililov (Klavier) und Mitsuko Shirai (Gesang). Besucher des Schumannfestes haben insofern etwas davon, als die Kursteilnehmer die Ergebnisse ihrer Arbeit in zwei Abschlusskonzerten präsentieren. Alles in allem das Ergebnis langer Arbeit: "Die Idee ist schon vor vier Jahren entstanden", sagt Elin Kolev. Aber, lässt er durchblicken, die Mühlen der Zwickauer Kulturbürokratie mahlen langsam. Dafür gründlich, zuverlässig und nachhaltig: Die Stadt Zwickau bezeichnet die Kurse offiziell als "neuen Baustein der Zwickauer Nachwuchs-Musikausbildung". Nach einem einmaligen Projekt ohne Chance auf Fortsetzung klingt das nicht.

Und wo sieht sich Elin Kolev in zehn Jahren? Freimütig gibt er zu, keinen Masterplan zu haben. Reisen will er, vielfältige Einflüsse, neue Erfahrungen aufnehmen, er zeigt sich offen für neue Ideen, neue Projekte, hat sich innerhalb seines Studiums auch schon mal mit Jazz beschäftigt. Mit - echter - Volksmusik sowieso. Ein Jahr USA? Wer weiß? Warum nicht? Für sich hat Elin Kolev das auf eine einfache Formel gebracht: "Ein Meister lässt sich nicht finden, wenn man ihn ständig sucht."

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...