Tänzer in der Dunkelheit

Der Rockmusiker Bruce Springsteen erklärt in einem Buch sein Leben. Es geht um den Aufstieg eines Mannes zum Superstar, der dem inneren Drang widerstehen muss, sich selbst zu zerstören.

Chemnitz.

Die Show im Londoner Konzertsaal Hammersmith Odeon gehört zu den Auftritten, die Bruce Springsteens Legende begründeten. Es ist 1975, die Zeit nach dem Durchbruch mit "Born To Run". Filmaufnahmen zeigen eine Rockexplosion, einen zupackenden und schweißtreibenden Frontalangriff aufs Publikum. Dass der Kraftmensch in der Bühnenmitte zerfressen von Selbstzweifeln und Versagensängsten war und diesen Konzertmitschnitt dreißig Jahre lang nicht anzusehen wagte, ist eine im Nachhinein schockierende Erkenntnis.

In seiner Autobiographie "Born To Run" gibt Bruce Springsteen sein Inneres preis, und das geht mit dem äußeren Eindruck nicht konform.

Der Wälzer, in der deutschen Ausgabe 670 Seiten, ist in drei Teile gegliedert. Im ersten, längsten und spannendsten Abschnitt beschreibt er seine Selbstbefreiung aus der Enge eines Küstenstädtchens, "in dem fast alles einen leichten Anstrich von Lug und Trug hat. Genau wie ich". Er wächst in Armut am Rande zur Verelendung auf - der Vater liebesunfähig, die Mutter überfordert. Seine erste Prägung erfährt er durch die abgöttische Zuneigung der Großmutter, unter deren Fuchtel er als "Herr, König und Messias in Personalunion" zum "empfindlichen, kleinen Tyrannen" missrät. "Wer man einmal war und wo man gelebt hat, lässt sich nicht so einfach abschütteln. Die neu hinzukommenden Teile deiner Persönlichkeit steigen lediglich in den Wagen und fahren für den Rest deines Lebens mit." Die stille Depressivität des Vaters schlägt später in paranoide Wahnvorstellungen um.

Der siebenjährige Bruce sieht Elvis im Fernsehen, ein Erweckungserlebnis, das Springsteen im Tonfall der Schöpfungsgeschichte beschreibt. Den Pilzköpfen der Beatles verdankt er die Lust, frisurtechnisch seine Andersartigkeit zur Schau zu stellen. Mit 15 jobbt Springsteen als Rasenpfleger, weil er sich eine Gitarre kaufen will. Es bleibt der einzige reguläre Job jenes Mannes, der dem Arbeitermilieu seinen Blickwinkel als Songschreiber verdankt.

Vor den Toren New Yorks steigt Springsteen zur Lokalgröße in den Badeorten der Jersey-Küste auf, die vom wirtschaftlichen Niedergang gezeichnet sind. Er erhält bei Columbia einen Plattenvertrag und schafft mit "Born To Run" den Einstieg in den Aufstieg. Nach zehn Jahren bei CBS, nach vier veröffentlichten Alben, als 33-Jähriger ist er zum ersten Mal schuldenfrei.

Den Jahren des Starruhms seit "Born To Run" widmet Springsteen den zweiten Teil seines Buchs. Kurz vor der Veröffentlichung des Albums "Born in the USA", das acht Singlehits hervorbringt, bricht er in einer texanischen Kleinstadt zusammen. Unter dem unterdrückten Zorn der frühen Jahre hatte sich ein "Meer aus Angst und Depression" ausgebreitet und drohte jetzt, von ihm Besitz zu ergreifen. Sein Freund und Manager Jon Landau vermittelt ihn an einen Psychologen. "Ich hatte mich ... an den Rand eines großen schwarzen Meeres verirrt." Seit über dreißig Jahren ist Springsteen in Therapie. Es sind die Jahre, in denen Bruce den Mainstream erobert: ein Kerl wie ein Naturereignis.

Rücksichtslos gegen sich selbst und gelegentlich auch gegen andere fixiert er seine Stellung am Rockhimmel. Auf "The River" tritt seine kritische und besorgte Weltsicht ans Licht. Auf "Nebraska", dem Schwesteralbum zu "Born in the USA", gibt er der "unheimlichen, ausdruckslosen Stimme" Gestalt, die nachts durch seine Stadt weht, wenn er nicht schlafen kann.

Im europäischen Ast der "Born in the USA"-Tournee entwickelt er das Springsteen-typische Konzept der Powershow. 1985 in Irland, im Slane Castle bei Dublin, tritt er zum ersten Mal vor 95.000 erwartungsfrohe Menschen. Das greift ihn derart an, dass ein Abbruch der Tournee im Raum steht. Auch unter seinen Wegbegleitern steigen die Spannungen. Springsteens nächstes Album, "Tunnel of Love", ist solistisch geprägt, und es würde 16 Jahre dauern, bis er die ikonografische E-Street-Band wieder für ein Album zusammentrommelt. Was Springsteens zahlenmäßig größten Auftritt betrifft, in Ostberlin 1988 vor 160.000 Zuschauern, fügen die Memoiren den bekannten Tatsachen nichts hinzu.

Springsteens erste Ehe in den Achtzigern geht in die Brüche. Kurz nach der Hochzeit habe er Panikattacken erlitten, schreibt er. Die Darstellung der Liebesbeziehung zu Patti Scialfa, die er seit Jugendtagen kennt und die seit Ende der 1980er seine Partnerin ist, gehört zu den schönsten Passagen des Buches. Die Musikerin Scialfa sei ein Freigeist, der "nicht dafür lebe, mir Sicherheit zu geben", und das gefalle ihm an ihr. Auch habe sie in ihm nie "den weißen Ritter" gesehen. Zwei Einzelgänger, die gelernt hätten, die Unsicherheiten des anderen zu ertragen. Das Paar hat drei Kinder. Evan ist Musiker, Sam bei der Feuerwehr, Jessica Springsteen eine Springreiterin von Weltrang.

Der dritte Abschnitt des Buches, der den Bogen in die Gegenwart schlägt, macht fühlbar, wie Springsteens Seelennot ihn bis heute in Schach hält. In Medien weltweit ist das Buch für seine Offenheit im Umgang mit der Depression gelobt worden. Die Ikone zerlege sich selbst, war zu lesen. Man kann es anders sehen. Strahlende Helden, Ritter ohne Fehl und Tadel haben ausgedient. Die Ikonen der Postmoderne zeigen Narben und Brüche. Springsteen, der Outlaw und Familienmensch, der einzelgängerische Tänzer in der Dunkelheit, der die Zuneigung der Massen gewinnt, passt, wie so viele seiner Alben, perfekt in die Zeit.

Das Buch

Bruce Springsteen: "Born To Run. Die Autobiographie". Heyne. 671 Seiten. 27,99 Euro. ISBN 978-3-453-20131-6.

Springsteens Dylan

Bob Dylan sei der Mann, der ihm eine Heimat gegeben habe, schreibt Bruce Springsteen in "Born To Run" über den vorgestern gekürten Literaturnobelpreisträger. "Highway 61 Revisited" und "Bringing It All Back Home" seien nicht nur großartige Platten gewesen, "sondern in meiner Erinnerung auch die ersten Momente, da mir jemand eine wahrhaftige Beschreibung desjenigen Ortes vorgesetzt hatte, an dem ich lebte."

Als Songschreiber war Dylan das maßgebliche Vorbild für Springsteen. Springsteens Debüt "Greetings From Asbury Park, N.J." schien ihn als "neuen Dylan" etablieren zu wollen. Musikalisch schlug Bruce dann eine andere Richtung ein, die stärker vom Rock und vom Soul geprägt war.

Die gegenseitige Bewunderung beider Musiker hält bis heute. Springsteen covert regelmäßig Songs von Bob Dylan, auf den er schon die eine oder andere Laudatio hielt. Von Dylan ist landläufig nur ein einziges Springsteen-Cover bekannt: der Song "Dancing in the Dark", den Springsteen selbst für einen seiner gelungensten Popsongs hält. (ros)

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