Tatort Deutschland

Fünf Kanzler, zehn Bundespräsidenten, Mauerfall, Flüchtlingskrise, Corona - am Sonntag wird der "Tatort" 50 Jahre alt und hat viel erlebt. Mit ihrer föderalen Struktur und gelegentlichen Trägheit sind die Krimis ein Abbild des Landes - ein Seelenspiegel der Gesellschaft.

Berlin.

Am "Tatort" scheiden sich die Geister. Für die einen ist er Kult, für die anderen die Pest. Oder allenfalls ein zu belächelndes Relikt aus den Zeiten des Röhrenbildschirms. Nichtsdestotrotz können sich die Erstausstrahlungen am Sonntagabend nach wie vor über ein Millionenpublikum freuen. Ausgerechnet eine Krimireihe über Mord und Totschlag ist nicht totzukriegen.

Zwanzig Ermittlerteams sind zurzeit aktiv in Deutschland und seinen Nachbarländern. Dazu zählt auch schon das neue Bremer Trio, das ab 2021 im Einsatz ist, sowie die Österreicher und das neue Schweizer Duo, das ab Oktober ermittelt.

Schon in der Entwicklungsphase des ARD-Formats legte der 2018 verstorbene Erfinder Gunther Witte vom Westdeutschen Rundfunk (WDR) die Kriterien fest, die alle "Tatorte" bis heute prägen sollten: "Das Erste ist einfach: Regionalität. Das Zweite ist, dass der Kommissar die Hauptrolle spielt. Und das Dritte, dass der 'Tatort' die Geschichte der Bundesrepublik spiegeln muss."

Liane Jessen, viele Jahre Fernsehspielchefin beim Hessischen Rundfunk (HR), gab mal eine Art "Tatort"-Rezept von Witte kund: keine Kunstkino-Storys, keine komplizierten Vorschauen und Rückblenden, in den ersten Minuten ein Toter oder eine Tote und dann die Ermittlung: Wer war es - und warum? Gerade beim HR hat man dieses Rezept aber gerne variiert, je nach Blickwinkel versüßt oder versalzen: Man denke an die experimentellen Filme mit Ulrich Tukur seit 2010.

Der Aspekt deutsche Geschichte spielte schon in der ersten Folge vom 29. November 1970 eine Rolle: In "Taxi nach Leipzig" ermittelte der Hamburger Kommissar Paul Trimmel (Walter Richter) an der Transitautobahn durch die DDR. In der Zwischenzeit ist praktisch jedes Thema aufgegriffen worden, das in der BRD gesellschaftlich relevant war: Rassismus, Gewalt gegen Obdachlose, Drogen, Bestechung, Sextourismus, Terrorismus, Homophobie im Fußball.

Beliebter als der "Tatort" selbst scheint in Deutschland manchmal nur das "Tatort"-Klischee zu sein. Die Krimis seien zu behäbig und erzählten bloß Gutmenschengedöns, heißt es dann polemisch. TV-Entertainer Thomas Gottschalk schrieb 2013 in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", es nerve ihn, "wenn im 'Tatort' diese sorgendurchfurchten Kommissarinnen bei ihren sozialpädagogisch korrekten Ermittlungen sensible Dinge sagen wie 'Lieben Dank Ihnen'".

Kritik dieser Art kommt sogar aus den eigenen Reihen. Schauspieler Udo Wachtveitl - seit 1991 Hauptkommissar Franz Leitmayr in München - gab kürzlich der Wochenzeitung "Die Zeit" zu Protokoll: "Der Unterprivilegierte ist mit öder Regelmäßigkeit der bessere Mensch. Neulich hat mich ein Freund gefragt: Wie viele moralisch gute Charaktere gibt es eigentlich im 'Tatort', die reich waren? Gute Frage." Wachtveitl glaubt, es gebe bei den Sendern viel 68er-Kitsch in den entsprechenden Positionen. "Bei denen darf der hart arbeitende Ausländer unter den drei Verdächtigen sicher nicht der Täter sein."

In den 70er-Jahren waren die "Tatorte" ein Krimi-Mischmasch und meist recht bieder. Die ermittelnden Kommissare waren bürgerliche Männer mit Anzug und Krawatte - in 20 Fällen zum Beispiel der strenge Hauptkommissar Heinz Haferkamp in Essen (Hansjörg Felmy). Den Aufbruch gab es dann ab 1981 ebenfalls im Ruhrgebiet: In Duisburg hielt mit Kommissar Horst Schimanski (Götz George) das pralle Leben mit Frauengeschichten und Alltagssprache ("Scheiße!") Einzug.

Die 90er-Jahre waren keine leichte Zeit für den "Tatort". Die Konkurrenz an Krimireihen wurde größer, das Privatfernsehen punktete beim Publikum. Der zum 25. Geburtstag 1995 gedrehte München-Krimi "Frau Bu lacht" von Dominik Graf gilt dennoch als Meilenstein in Sachen Weiterentwicklung. In dem intelligenten Thriller geht es um die Ausbeutung thailändischer Frauen und Kindesmissbrauch.

Erste Ermittlerin, also Frau mit dem Label "Tatort"-Kommissarin, war ab 1978 Nicole Heesters. Sie spielte in drei Filmen die Mainzer Oberkommissarin Marianne Buchmüller. Die dienstälteste Ermittlerfigur ist auch eine Frau: Lena Odenthal, gespielt von Ulrike Folkerts. Sie ist seit 1989, also seit 31 Jahren, in Ludwigshafen im Einsatz. Erst ab etwa 2001 gab es dann immer mehr Frauen und "Tatort"-Stars wie Sabine Postel, Eva Mattes und Maria Furtwängler. Heute sind von 46 abgebildeten Ermittlerfiguren auf der "Tatort"-Website 21 weiblich.

In den vergangenen 20 Jahren verstärkte sich der Trend zur Provinzialisierung. Es ging nicht mehr nur um Krimis aus Großstädten wie München, Hamburg, Frankfurt, Köln und Berlin. Heute wird auch in Göttingen, Weimar und im Schwarzwald ermittelt. Die Klamauk-Krimis aus dem beschaulichen Münster mit Axel Prahl und Jan Josef Liefers sind heute die mit Abstand populärsten "Tatorte".

Der "Tatort" wird bis heute auch schon mal gemeinsam in der Kneipe geguckt und sorgt für rege Twitter-Debatten. So bezeichnet ihn der Medienwissenschaftler Hendrik Buhl von der Uni Regensburg als "letztes fiktionales Fernsehereignis", als "eines der letzten medialen Lagerfeuer, vor denen sich die Nation versammelt". Für Millionen Deutsche, Österreicher und Schweizer ist er trotz gelegentlicher Bräsigkeit ein Sonntagsritual, der kollektive Schlusspunkt des Wochenendes. dpa

Jörg Schönenborn: "Der 'Tatort' ist dort zu Hause, wo das Publikum ist"

Er moderiert regelmäßig den "Presseclub": Jörg Schönenborn ist ARD-Koordinator Fernsehfilm. Zum Thema "Tatort" hat ihn Petra Albers befragt.

"Freie Presse": Was ist das Erfolgsrezept des "Tatorts"?

Jörg Schönenborn: Ein Erfolgsgeheimnis ist, dass wir heute auf der einen Seite zwar das Bedürfnis haben, selbst zu entscheiden, wann man was gucken kann, aber andererseits auch das Bedürfnis, etwas zu erleben, dabei zu sein - ein Event, eine Verabredung zu haben. Der "Tatort" ist eben ein "Date", das man sich nicht im Kalender eintragen muss: Man weiß, sonntags, Viertel nach acht, kann ich "Tatort" gucken, kann mit meinen Freunden darüber chatten, am Morgen danach darüber reden.

In der Vergangenheit gab es Kritik an innovativeren, experimentellen Folgen. Sind auch weiterhin Experimente geplant - sogar auf die Gefahr hin, Fans der traditionellen Formate zu verschrecken?

Wir müssen den Mut haben zu irritieren und zu strapazieren, denn sonst wird der "Tatort" irgendwann etwas fürs Museum. Wir brauchen eine bestimmte Anzahl von Filmen, die ausprobieren, die Kreativen die Chance geben, sich zu verwirklichen - auch wenn das manchmal vielleicht ungewollte Folgen hat: Mal irritiert es oder man versteht den Sinn, den Text nicht, wenn es zu mundartlich wird. Da haben wir wirklich schon alle Varianten gehabt, aber die Kritik daran müssen wir dann auch aushalten. Das Wichtige ist ja, dass wir die guten Veränderungen, die uns nach vorne bringen, beibehalten.

Inzwischen gibt es eine große Anzahl an Ermittlerteams. Besteht nicht die Gefahr, dass die Zuschauer da den Überblick verlieren?

Niemand findet, dass das Team aus seiner Region überflüssig ist. Wir haben in Deutschland im Moment 20 Ermittlerteams, darüber hinaus eins in Österreich und eins in der Schweiz. Zum Erfolgsgeheimnis des "Tatort" gehört auch, dass er ein starkes Stück Föderalismus ist. Er ist dort zu Hause, wo unser Publikum ist. (dpa)

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