Teile und habe!

Autos, Fahrräder, Ferienwohnungen: Es gibt fast nichts mehr, was man nicht teilen kann. Sharing Economy ist längst Teil des Zeitgeistes. Doch nicht alles, was gut gemeint ist, ist automatisch nachhaltiger.

Sharing is caring", sagt ein englisches Sprichwort: Teilen ist Kümmern, Kümmern ist Gemeinschaft, und der Mensch ist ein soziales Wesen - auch wenn immer öfter das Gegenteil annehmbar ist. Das Prinzip des Teilens liegt also in seiner Natur.

Tatsächlich teilen wir ziemlich viel miteinander: Wohn- und Arbeitsraum, Straßen und Fußwege, Humor, Gefühle, Informationen und Interessen. Den öffentlichen Raum sowieso, immer intensiver auch den digitalen. Wir teilen Urlaubsfotos, Selfies, Gedanken, Meinungen und unsere Wut mit virtuellen Freunden und Fremden. Wir schlagen Kapital aus der Ökonomie des (Mit-)Teilens.

Die Sharing Economy wird nach wie vor als Wirtschaftstrend gehandelt, dabei ist sie gar nicht so neu. Konzepte wie Mitfahrgelegenheiten oder Couchsurfing haben sich schon seit einigen Jahren zumindest bei den Generationen X bis Y etabliert. Serien und Filme zu streamen ist wie ausleihen, nur digital. Und dass man einfach in eine Bibliothek gehen kann, anstatt Bücher neu zu kaufen, ist auch kein neumodischer Trend, sondern eine Art Urform der Sharing Economy.

Haben statt teilhaben, leihen statt kaufen, geteilter Besitz statt Eigentum: Die Sharing Economy entwirft einen Gegentrend zur Konsum- und Wegwerfgesellschaft, zu Fast Fashion und Fast Food. Sie ist mobiler, spontaner, nachhaltiger - und menschlicher.

Nun hat Tauschen schon zum Wirtschaften gehört - man tauscht Geld gegen Geld, Geld gegen Ware, Ware gegen Ware, Leistung gegen Leistung. Das ist beim Teilen auch nicht anders, nur sind die Ansprüche an die Gegenleistung geringer, manchmal fällt sie sogar komplett weg. Dann wird einfach nur verschenkt.

Beim Couchsurfing zum Beispiel stellen die Mitglieder der Plattform kostenlos Schlafplätze an Reisende zur Verfügung, die selbst wiederum auch ihre Sofas anderen als Übernachtungsmöglichkeiten anbieten.

Durch die Ökonomie des Teilens sind jede Menge solcher neuer Geschäftsmodelle entstanden: In Großstädten boomen Leihräder. Beim Carsharing kann man ganz nach Bedarf kurzzeitig und -fristig Autos mieten oder sein Auto privat mit Freunden teilen, bei Kleiderkreisel aussortierte Kleidung günstig weiterverkaufen. Bei AirBnB kann man seine Wohnung oder ein Zimmer an Touristen untervermieten, beim Foodsharing werden überflüssige Lebensmittel vorm Wegwerfen gerettet und fair verteilt, unter anderem auch an soziale Einrichtungen. Ausgelesene Bücher kann man in öffentliche Bücherschränke packen, und sich dafür andere herausnehmen. Ausrangierte Sachen bekommen immer öfter in sogenannten Verschenkkisten eine neue Chance. Beim Coworking teilt man seinen Arbeitsplatz mit anderen Freiberuflern. Auf Internetseiten wie der Berliner Plattform "fairleihen.de" bieten die Nutzer ihre Alltags- und Haushaltsgegenstände zur Ausleihe an. Bohrmaschinen zum Beispiel. Die werden im Durchschnitt ohnehin nur 13 Minuten ihres Lebens lang genutzt, die muss man nicht unbedingt "besitzen". Das haben mittlerweile auch die großen Baumarktketten erkannt, und bieten Werkzeuge zum Ausleihen an.

Mittlerweile gibt es wenig, das man nicht teilen oder (ver-)leihen kann: Park- und Garagenplätze, Lagerräume, Hunde, Gärten, das Abendessen, seit 2018 bietet sogar die Kaffeehandelskette Tchibo Babykleidung zum Mieten an. Was durchaus sinnvoll ist, wenn man die Halbwertszeit von Stramplern bedenkt.

Sharing is caring, denn wer teilt, kümmert sich um seine Mitmenschen: Tatsächlich bringt die Ökonomie des Teilens zumindest ein Stück weit das Soziale zurück in die scheinbar gefühlskalte, entmenschlichte Wirtschaftswelt. Wer Dinge und Dienstleistungen mit andern Menschen teilt, braucht Vertrauen. In einer Gesellschaft, die sich zunehmend voneinander entfremdet, sinkt unser Vertrauen in andere. Nicht aber beim Sharing - das bringt Menschen wieder näher zusammen, wenn auch häufig nur auf digitalen Plattformen. Vielleicht wirkt das Teilen deshalb ausgerechnet in Krisenzeiten besonders stark: Denn Menschen schwören vor allem dann aufs Tauschen und Teilen, aufs ökonomische Miteinander, wenn ihre Existenzen durch Kriege und Krisen bedroht scheinen. Je mehr der Kapitalismus kränkelt, desto stärker funktioniert das Miteinander: So beobachteten Ökonomen, dass Menschen besonders dann zum Teilen neigen, wenn es Staaten finanziell schlechter geht. So boomte die Sharing Economy besonders nach der Finanzkrise 2008 oder 2012 in Griechenland. Zudem bringt die Ökonomie des Teilens ein bisschen soziale Gerechtigkeit zurück in die Wirtschaft: sie ermöglicht manchen Menschen bestimmte Dinge zu nutzen, die sie vielleicht nie besitzen könnten. Wer teilt, kümmert sich außerdem um die Umwelt, denn wer leiht, muss nicht kaufen, und konsumiert somit ressourcenschonend. Man spart Geld, investiert gleichzeitig aber ins gute Gewissen. Doch trotz vieler positiver Auswirkungen auf Umwelt und Zusammenleben ist die Sharing Economy nur bedingt nachhaltiger. Die Wissenschaftlerin Maike Gossen vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung hat das gemeinsam mit ihren Kollegen untersucht. Und ist zu folgendem Ergebnis gekommen: Der Nutzen für die Umwelt ist allenfalls geringfügig, was damit zusammenhängt, wie die Sharing-Angebote heute genutzt werden. So sei der Beitrag zur Entlastung der Umwelt zwar definitiv vorhanden, allerdings mit geringeren Effekten als suggeriert werde, so Gossen. Denn das mit der Teilwirtschaft gesparte oder sogar verdiente Geld wird an anderer Stelle wieder ausgegeben - in einigen Fällen entsteht durch Sharing-Angebote sogar zusätzlicher Konsum. Und auch das mit der sozialen Gerechtigkeit ist so eine Sache.

Bestes Beispiel: Die Unterkunftsplattform AirBnB. Diese schafft laut Gossen neue Anreize zum Reisen, und damit wiederum zusätzliche Umweltbelastungen. Noch schlimmer, oder akuter, aber ist: Was dringend als Wohnraum benötigt wird, vermieten Zweitwohnungsbesitzer in Städten wie Amsterdam, Barcelona oder Berlin stattdessen dauerhaft und überteuert an Touristen. Die illegalen Ferienwohnungen befeuern Mietpreiswucher und Wohnungsknappheit, Anwohner werden verdrängt, Regulation ist bisher eher zwecklos.

Ähnlich Kritisches lässt sich über den Fahrdienst Uber sagen - nicht nur, dass sich Taxi-Unternehmen dadurch in ihrer Existenz bedroht fühlen, die Uber-Fahrer sind zudem schlecht bezahlt, schlecht versichert, fahren auf eigenes Risiko. Teilen ist so lange gut gemeint, bis es ums Geld geht - dann ist es doch wieder nur ein Zahnrädchen im Gefüge des Raubtierkapitalismus. Wenn auch ein ressourcenfreundliches. Denn der Grundgedanke der "Ökonomie des Teilens" mag noch so idealistisch sein, im Kern bleibt sie jedoch genau das: Eine Ökonomie nämlich. Und so wird auch bei der Sharing Economy aus Großkapitalismus manchmal einfach nur Kleinkapitalismus und am Ende doch wieder nur Kommerz. Nämlich dann, wenn es um die eine Sache geht, die man gar nicht gerne mit anderen teilt: Geld.

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