The Engländer

Was macht ein Brite in Annaberg-Buchholz? Sich vom Partymachen erholen. Und Kunst! Glenn West nutzt dafür Mülltüten und Irrgärten. Und fragt sich: Gehen wir nicht alle in die falsche Richtung?

Die Schlange war lang. Wäre er ein ordentlicher Brite, hätte er sich angestellt. Briten bilden selbst am Buswartehäuschen eine Reihe - penibler als die Deutschen! Aber Glenn West ist erstens kein Brite, sagt er, sondern Engländer. Am Telefon meldet er sich schon mal mit: "Hi, hier ist Glenn, the Engländer." So viel Regionalisierung muss sein. Und zweitens: "Ich bin kein typischer Engländer." Das sehe man am Missachten der Schlange. Er war damals in seiner Berliner Zeit mit dem Rad auf das Babelsberger Filmgelände gefahren, weil Komparsen für den Streifen "In 80 Tagen um die Welt" mit Jackie Chan gesucht wurden. Für "the Engländer" eine Gelegenheit zum Geldverdienen. Mit einem Kumpel radelte er auf dem Gelände an der Schlange der Komparsen-Bewerber vorbei; sie stellten ihre Räder hin und marschierten durch die Tür, als gehörten sie dazu. 14 Tage später der Anruf: Er ist dabei. Es blieb nicht der einzige Film, erzählt er, während er in seinem Atelier in Annaberg-Buchholz in seinem Skizzenbuch blättert und nach einem bestimmten Bild sucht. Glenn West lebt seit elf Jahren in der Erzgebirgsstadt. Er macht Kunst mit Mülltüten und lockt in Irrgärten - zweimal zog er im Wald am Pöhlberg Folienbahnen um Bäume und schuf ein Areal zum Verlaufen. Nun tüftelt er an einem neuen Projekt: ein Irrgarten ohne Folie. Einer der blüht und duftet und die Menschen verzücken, aber auch ins Grübeln bringen soll.

Glenn Robert Ross West, der die Namensschlange gern hinter GRR West versteckt, wurde 1972 in Barwell in England geboren, ein kleiner Ort in der Mitte Englands. Als er vier Jahre alt war, verließ die Mutter die Familie. Glenn blieb mit seinem Bruder beim Vater. Mit den Jahren kamen die Stiefmutter, die Halbgeschwister. Glenn zog sich zurück, las "Der Herr der Ringe" und Drachen-Geschichten, zeichnete, entwarf ein Kartenspiel - "so you can make your own world, deine private Welt", sagt er. (Ja, so spricht er oft: Deutsch und Englisch gemixt.) Sein Vater sei tagsüber auf Arbeit gewesen, abends habe er vorm Fernseher gesessen, "wir haben uns weitgehend ignoriert". In jener Zeit habe er begriffen, sagt Glenn, dass man sich nicht zu sehr auf andere verlassen sollte: "You must find deinen eigenen Weg!" Den hat er Ende der 90er-Jahre beim Kunststudium an der Liverpool Art School gesucht. Hat sich mit Malerei und Bildhauerei befasst, wollte ein Selbstbildnis als Skulptur in einem Sarg beerdigen, weil er sich mit Vergänglichkeit und Erinnerung auseinandersetzte - aber da machte selbst in England kein Friedhof mit. Und es gab viele Partys, mitunter war er da vom Kunstmachen ganz schön abgelenkt. Wobei eines seiner heutigen Steckenpferde schon damals aufgaloppierte: Er experimentierte mit Mülltüten, schmolz sie, setzte die Fetzen wie Collagen zusammen. Diese Meltings, Schmelzungen, wie er es nennt, sehen fast wie Ölbilder aus, weil die einzelnen Plastefetzen wie dick aufgesetzte Ölfarbe wirken. Jedenfalls kam nach dem Kunststudium das Millennium, und da Glenn sein Leben als "adventure" sieht, als Abenteuer, schaute er sich nach neuen Möglichkeiten um: Sein innerer Kompass zeigte nach Berlin.

In seinem Kopf war Berlin die Stadt der Kreativen. Sieben Jahre blieb er. Machte Kunst, hielt sich über Wasser, lebte zeitweise kostenlos bei Freunden. Der Komparsenjob in Babelsberg half beim Geldverdienen. Einmal stellte er einen SS-Oberscharführer dar, gedreht wurde für den Film "Stauffenberg" mit Sebastian Koch. Mit anderen Komparsen in SS-Uniformen wurde Glenn im Bus über die Autobahn zum Drehort gefahren, "wir haben in unseren Uniformen aus Spaß die Autofahrer gegrüßt. They have geguckt: A Bus mit SS-Leuten!" Okay, doch typisch Engländer, der schwarze Humor eben. Und bei "V wie Vendetta", einem Film mit Natalie Portman und Stephen Rea, war er dessen Lichtdouble - die Filmleute stellten ihn dorthin, wo später Stephen Rea stehen würde, und rückten schon mal das Licht zurecht. Die Jacke, die er damals trug, "the Gack", wie Glenn West lachend erzgebirgisch sagt, hat er in seinem Skizzenbuch gemalt - da ist das Bild. Das Skizzenbuch ist eigentlich ein Kunstbuch, weil die Bilder darin auskomponierte, filigrane Zeichnungen sind. Mit schwarzem Fineliner zeichnet er Rahmen, da hinein Stadtansichten, die Jacke aus "V wie Vendetta" und allerlei Dinge, die ihm noch auf seinen Wegen begegnen. Dieses Büchlein ist irrwitzig klein, zum Messen holt er "a Schmiech": 7 mal 6 Zentimeter. Er macht, sagt er, immer gern das Gegenteil von dem, was andere machen. "Als ich mit den Fineliner-Minis anfing, setzten viele Künstler auf große und abstrakte Kunst. Also machte ich meine klein und gegenständlich." Allerdings setzt er die kleinen Bilder auch wie Mosaike zu großen Plakaten zusammen. Eines zeigt Annaberg-Buchholzer Ansichten.

Dorthin war er vor elf Jahren von Berlin gekommen, als seine damalige Freundin, die er in Berlin kennengelernt hatte, der Arbeit wegen nach Annaberg-Buchholz zog. Liverpool - Berlin - Annaberg-Buchholz. Provinzschock? "Nein! Als ich das erste Mal hier war, lag Schnee. Es sah wunderschön aus. Liebliche Landschaft, und die Ruhe is great!" Er hatte genug von Berlin, von der Hundekacke auf Gehwegen, dem Graffiti auf sanierten Häusern, den Partys, der Ablenkung. Er wolle nur noch in Ruhe Kunst machen. So ist er bis heute in Annaberg-Buchholz geblieben; die Freundin, nun seine Ex, zog weiter.

Jetzt ist es aber nicht so, dass Glenn West der Selbstvermarkter schlechthin wäre. Dass er es zu ein bisschen regionaler Bekanntheit gebracht hat, hängt viel mit Sven Müller zusammen. Der Erzgebirger, der Erzieher ist und als Trauma-Pädagoge arbeitet, wohnte im selben Haus wie West. "Eigentlich bin ich Kunstbanause", sagt Müller. "Aber als mir Glenn seine 45 Quadratmeter große Wohnung mit all seinen Ölbildern, Finelinerarbeiten und Meltings zeigte, hat mich das umgehauen." Bilderwelten über und über. Großteils ungesehen. "Ich lebe in meinem Lalaland", sagt "the Engländer" und hebt lächelnd die Schultern. Er ist glücklich, wenn er Kunst machen kann, nicht, wenn er sie vermarkten soll. Er lebt von Hartz IV und wolle nur Ruhe. Aber so könne das ja nicht weitergehen, meinte Sven Müller, "ich wollte ihm helfen". Also suchten sie nach einem Atelier, und fanden es in einem leerstehenden Lädchen an einer Gasse im Zentrum. Im Dezember 2016 eröffneten sie dort das "Atelier West", das nun Müller nebenberuflich betreibt. Dort arbeitet Glenn West jetzt, zudem schließt sich ein kleiner Ausstellungsraum an, in dem sie seine Werke und die anderer Künstler zeigen. Die Verkäufe von Bildern und Einnahmen bei Veranstaltungen deckten gerade die Kosten, verdienen würden sie kaum etwas, "und wenn, dann stecken wir es in neue Projekte", sagt Sven Müller. Das nächste soll nichts weniger als der Garten Eden werden.

Es ist das neue Irrgarten-Projekt. Beim letzten hatte Glenn West im Sommer vergangenen Jahres zwischen rund 270 Bäumen 16 Kilometer lange Bahnen Folie gezogen. "Zauberwald" nannte er das und wollte den Menschen ein Naturerlebnis schenken, sie aber auch anregen, über das Thema Müll nachzudenken, "weil wir heute mit Plastik in der Umwelt ein massives Problem haben". Rund 1000 Besucher kamen. Doch der Zauber war jäh vorbei. Die Folien wurden von unbekannter Hand zerschlitzt; zudem gab es Diskussionen, inwieweit das Projekt den Bäumen geschadet haben könnte. Mittlerweile ist die Aufregung abgeebbt, die zerschlitzte Folie hat Glenn zu einer Sitzbank recycelt. Die steht in seinem Ausstellungsraum, in dem immer wieder eine Auswahl seiner Meltings zu sehen ist, die zum Beispiel Landschaften zeigen. Auf die Meltings legt er bis heute seinen Fokus, weil sie seiner Meinung nach am besten das Müllproblem reflektierten, indem er Folie und Mülltüten gleich selbst verwendet. Allein Ölbilder zu malen, wäre ihm zu langweilig. Denn wie war das: Du musst deinen eigenen Weg finden! Die Mülltüten, die er verwendet, stammen aus aller Welt, er hat sie auf Reisen gesammelt oder bekommt sie von Freunden, Bekannten, Sponsoren. Doch der Garten Eden werde diesmal als Irrgarten ohne Folie auskommen. Er soll auf einem privaten Waldgrundstück bei Zöblitz, einem Ortsteil von Marienberg, auf 13.000 Quadratmetern mit 1500 Bäumen entstehen. West und Müller wollen zwischen den Bäumen Hecken mit für Insekten nützlichen Blumen anlegen - auf Hüfthöhe sollen sie einmal die Irrwege vorgeben. Ein Projekt, das ein Zeichen gegen Monokultur und Abholzung setzen soll und bei Besuchern - es soll ein touristisches Ziel werden - dafür werben will, sich für die Vielfalt der Natur einzusetzen. Der private Wald gehört Alexander Reinsch, einem Freund Müllers. "Glenn ist ein Naturmensch und freut sich wirklich über jede Blume; da hat er das Herz auf dem rechten Fleck", sagt Reinsch. Die Eröffnung des Irrgartens planen sie für nächstes oder übernächstes Jahr.

Das Projekt ist Glenn West sehr wichtig. So ruhig und freundlich er ist, so sehr kann er sich ohne Punkt und Komma in Rage reden, wenn es darum geht, wie die Gesellschaft mit Ressourcen umgeht. "Monokultur ist doch nicht normal!" Genauso wenig die Wegwerf-Gesellschaft. "Später finden Archäologen all unser Plastik, den ganzen Happy-Meal-Crap! Wie peinlich!" Überhaupt, dass alles geldgetrieben sei und Werbung ständig "kaufen" suggeriere, nerve ihn. "Da laufen wir doch alle in die falsche Richtung!" Ähnlich sieht er das bei politischen Fragen wie dem Brexit oder den Ausschreitungen in Chemnitz. "Alles ist emotionsgetrieben, Fakten haben kaum eine Chance. Es gibt nur links und rechts, nur the Extreme." Er stehe weder auf der einen noch der anderen Seite, sondern in der Mitte.

Und wenn alles glatt läuft, bald in seinem Garten Eden. Was für eine Aussicht!

Das Atelier West an der Kupferstraße 2 in Annaberg-Buchholz zeigt bis 30. September Ölbilder von Martina Krupickova unter dem Titel "Orte aus Böhmen". Geöffnet ist dienstags und donnerstags 16 bis 20, samstags und sonntags, 14 bis 20 Uhr.

Dieser Beitrag erschien in der Wochenend-Beilage der Freien Presse.

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