This is Deutsch!

"Rammstein" heißt das siebte Studioalbum der gleichnamigen, international erfolgreichsten deutschen Band. Die Platte bügelt mit allen Volten, die die Gruppe erfolgreich machten, ein vielleicht letztes Mal ihre Abnutzungserscheinungen weg.

Berlin.

Erwartungshaltung - nach Aufmerksamkeit ist sie die wohl wichtigste Währung im aktuellen Kunstbetrieb, und niemand beherrscht das Spiel mit ihr so souverän wie die Berliner Band Rammstein. Das geht damit los, dass zuverlässig von "Provokation" die Rede ist, sobald die Band einen neuen Song oder ein neues Video veröffentlicht, obwohl das Sextett 1998 wirklich im künstlerischen Sinn provokant war: Damals veröffentlichte man zu einer Coverversion des Depeche-Mode-Klassikers "Stripped" ein Musikvideo, das aus Bildern von Leni Riefenstahls "Olympia"-Film zusammengeschnitten war. Eine deutsche Band, die faschistische Ästhetik einsetzt? Riesenthema! Dass dabei die eigentliche Spannung in der Kontextierung zur englischen Lyrik entstand, ("Let me see you stripped down to the bone" bedeutet "Ich will dich splitternackt sehen!", ist immerhin eine interessante Aufarbeitungs-Anforderung an "das Deutsche") ging flugs im Empörungsgeschrei unter. Wirklich provozieren musste Rammstein seitdem nicht mehr - nur noch auf die richtigen Knöpfe drücken. Und das tat man auch mit der Folge, dass der Band ein unglaublicher globaler Siegeszug gelang. Wohin man auf der Welt auch kommt - outet man sich als Deutscher, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass einem ein Einheimischer einen Rammstein-Text entgegenzitiert. Dass man die Band sowohl ernst nehmen als auch als großen Spaß begreifen kann, ist eine ihrer Stärken, die sie mit einer Tanzmetall-Musik unterstreichen, die ebenso funktioniert - mit einem ständigen Seiltanz aus platten Klischees und raffiniert unerwarteten Moves. Da, wo man Tiefgang sehen mag, ist Rammstein oft verblüffend einfach und wirklich demonstrativ platt - und wo die Band oft stumpfsinnig anmutet, entpuppt sie sich nicht selten als sehr doppelbödig.

Dass die Musiker ihren Hörern von Feuilleton bis Festwiese immer einen Hakenschlag voraus sind, wussten sie über die Jahre geschickt zu nutzten. Wann immer man glaubte, Rammstein ganz gut verorten zu können, kam in den letzten 20 Jahren ein Konter: "Links 2 3 4" äußerte sich 2001 etwa deutlich gegen Rechtslast, "Amerika" war 2004 eine unerwartete bissige USA-Kritik, "Mann gegen Mann" 2005 eine sehr emotionale Pro-Schwulen-Hymne.

Die Band äußerte sich immer wieder überraschend deutlich etwa gegen Stalking, Vorurteile, Unrecht und Dummheit - und tauchte nebenbei ebenso leidenschaftlich wie erwartbar in dunkle menschliche Abgründe: "Mein Teil" handelte 2004 etwa vom "Kannibalen von Rotenburg", "Wiener Blut" 2009 den Missbrauchsfall Josef Fritzl, und stets gelang es den Berlinern, solche Medienphänomene aus bis dato wenig beachteten Perspektiven beklemmend neu auszuleuchten. Drittes Standbein der Band ist die felsenfeste Überzeugung von Sänger und Textdichter Till Lindemann, dass der Mensch zuallererst ein Triebwesen ist - und Sexualität dabei die erste Geige spielt. Zahlreiche Rammstein-Songs sind daraus gespeist.

Die Folge: Rammstein oszilliert zwischen Klischee-Deutschtum und dessen geschickten Brüchen, was auch die verschiedenen Musiker-Charaktere in ihrer Widersprüchlichkeit verkörpern - vom zurückhaltenden Familienvater bis zum Rock-Großkotz, vom Kosmopoliten bis zum Heimhocker.

Der Reiz dieses Hakenschlagens ist naturgemäß jedoch endlich, und dass er so lang so frisch gehalten werden konnte, ist bereits ein Teil des Mythos. Für das am heutigen Freitag erscheinenden neue Album, ebenso schlicht wie irgendwie endgültig nur "Rammstein" betitelt und mit einem letzten Streichholz auf dem Cover, scheint man nun wirklich die letzten Pulverreste zusammengekratzt zu haben. Handwerklich agierte die Band bei aller Überwältigungsmacht schon immer am Limit, doch nun fällt doch auf, dass das typische Riffgewitter, das die Band als Markenzeichen etabliert hat, keine wirklich sinnigen neuen Varianten mehr hergibt. Das Muster wurde präzise und stoisch ausgereizt - natürlich bei bleibend hoher Qualität. Die Faszination muss da trotz bleibend gigantischer Nachfrage - für die kommende Tour zum Album wurden über 500.000 Tickets in nur einer Stunde verkauft - nachlassen. Selbst die große Nachahmer-Szene mit Bands wie Ost+Front oder Stahlzeit konnte trotz aller hilfloser Innovationsanstrengungen nichts dran ändern: "This is Deutsch" sangen dazu einst die wohl besten Epigonen Eisbrecher. Stimmt!

Die Songs auf "Rammstein" 

1. "Deutschland" Etwas anderes als eine so geschickte wie differenzierte Heimatbetrachtung war nicht zu erwartet - und die Band liefert par excellence: Kracher!

2. "Radio" Der Refrain ist leicht dämlich, hakt sich aber tief ins Ohr: So schreibt man Hits! Mit dem schrägen Synth-Hook am Anfang definitiv eine der Überraschungen der Platte.

3. "Zeig Dich" ist als Anti-Kirchen-

Song quasi die Fortsetzung von "Hallelujah" - und musikalisch ein Prügler wie "Bück Dich" oder "Zerstören". Fett, hat im Rammstein-Kosmos aber einige stärkere Konkurrenz.

4. "Ausländer" nimmt den Spruch, dass jeder Mensch fast überall ein Ausländer ist, auf - und dabei Oberflächentouristen aufs Korn.

5. "Sex" ist exakt so platt wie der Titel schon sagt. Überflüssig.

6. "Puppe" bedient wie "Klavier" oder "Wiener Blut" die dunkle Seite, der Chorus mit anfangs reiner Drum-Begleitung ist beklemmend meisterlich. Da blüht Lindemann auf!

7. "Was ich liebe" hat ein paar schöne Gitarrenmomente, ist aber ansonsten ein unspektakulärer Gefühlssong. Da ist die Luft schon ziemlich raus.

8. "Diamant" ist eine "Paris"-Ballade mit leichten "Ohne Dich"- oder "Seemann"-Momenten: Füllware.

9. "Weit weg" versucht sich an ungewohnten Retro-Synth, ist aber textlich wie musikalisch sehr uninspiriert.

10. "Tattoo" als Ode an die Unendlichkeit treibt mit ordentlichem, aber nur wenig zwingenden Brett-Riff.

11. "Hallomann" ist eine recht verkrampfte Variation des Kinderschänder-Themas mit unoriginellem Text. Musikalisches Mittelfeld. (tim)

 

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