Trennung unmöglich?

In Leipzig wurde am Wochenende eine Kunstausstellung abgesagt, weil einer der teilnehmenden Maler offen mit der AfD sympathisiert: Der Veranstalter hinterlässt dabei einen Scherbenhaufen.

Leipzig.

Am Wochenende überschlugen sich in der Leipziger Kunstszene die Ereignisse: Am Freitagabend wurde der Künstler Axel Krause von der Leipziger Jahresausstellung ausgeschlossen, die am Donnerstag eröffnen sollte. Der Vorstand des für die Ausstellung verantwortlichen Vereins trat zurück und erklärte, die öffentlichen Äußerungen Krauses würden seinen ethischen Grundsätzen widersprechen: "Wir können an dieser Stelle nicht mehr die Kunst vom Künstler trennen." Am Samstag wurde die Ausstellung ganz abgesagt. Der ehrenamtlich arbeitende Verein würde sich nicht in der Lage sehen, einen Veranstaltungsablauf wie in den vergangenen 25 Jahren zu gewährleisten. Zudem sei Mitgliedern, ausstellenden Künstlern, Förderern und Besuchern die stark politisierte und aufgeheizte Situation nicht zuzumuten.

Im vergangenen August hatte die Leipziger Galerie Kleindienst die Zusammenarbeit mit Axel Krause aufgrund seiner Facebook-Aktivitäten beendet. "Er referierte und verlinkte eindeutig rechtsextreme Seiten, die meinen persönlichen Ansichten total widersprechen. Er hat ominöse Quellen zitiert und die AfD bedingungslos unterstützt", erklärte Galerist Christian Seyde damals. Der Maler hatte die Trennung öffentlich gemacht, die eine Debatte über die Freiheit der Kunst auslöste. Die Reaktionen reichten von Solidaritätsbekundungen bis zu Morddrohungen gegenüber der Galerie.

Auf seinem Account hatte Krause damals geschrieben: "Ich halte die illegale Masseneinwanderung für einen großen Fehler und die AfD für ein zu begrüßendes Korrektiv im maroden Politbetrieb." Pegida und die Identitären nannte er einen "zu begrüßenden Beitrag zur Gesellschaft" und empfahl neurechte Literatur. Der 1958 in Halle geborene Krause gehört zudem zu den Erstunterzeichnern der "Charta 2017" der Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen, in der unter anderem vor einer "Gesinnungsdiktatur" gewarnt wird. Er ist zudem Mitglied des Kuratoriums der von der AfD gegründeten Desiderius-Erasmus-Stiftung, der unter anderem auch Marc Jongen angehört, der Kulturpolitische Sprecher der AfD im Bundestag und Mitglied im Kunstbeirat. Zu den Ankäufen des Bundestages zählte 2018 auch das Gemälde "Das Puppenhaus" von Axel Krause. In den vergangenen Monaten hat er in einer Galerie in Frankfurt ausgestellt, er wird von einer Galerie in Erfurt vertreten, derzeit läuft eine Ausstellung in Potsdam.

Ende Februar war bekannt geworden, dass Krause für die Leipziger Jahresausstellung ausgewählt wurde. Diese wird von einem Verein organisiert, mit dem Ziel, einmal jährlich "das vielfältige Spektrum künstlerischen Schaffens" in Leipzig zu präsentieren. Die rund 120 Mitglieder konnten anonym bis zu fünf Vorschläge einreichen. Eine Jury wählte aus diesen Vorschlägen 36 Künstler aus, darunter auch Krause. Begründet wurde diese Entscheidung, wie bei solchen Jurysitzungen üblich, nicht.

Wiederum auf Facebook sah sich der Verein mit ersten Nachfragen zur Einladung an Krause konfrontiert und argumentierte, dass die Ausstellung Kunst und keine Künstler zeige: Die Teilnahme biete keine Plattform für politische Statements. Einige beteiligte Künstler sahen das anders: Moritz Frei etwa zog seine Teilnahme zurück: "Kunstfreiheit ist mir ein hohes Gut (im Gegensatz zur AfD) und ich habe nichts dagegen, dass Axel Krause seine Bilder ausstellt. Ich kann es mit meinem Gewissen allerdings nicht vereinbaren, mit ihm zusammen an der Jahresausstellung teilzunehmen", schrieb er auf seiner Website.

Eine Gruppe teilnehmender Künstler verfasste einen Brief an den Vorstand des Vereins, in dem sie ihr Unbehagen angesichts der Teilnahme von Krause formulierte: Diese könne als Zeichen von Solidarität und politischer Nähe mit dem Künstler missverstanden werden. Sie formulierten, dass "ein klares Zeichen für Pluralismus, Diversität und Humanismus" angebracht sei. Eine Ausladung Krauses hatten die Künstler zu keinem Zeitpunkt gefordert, stattdessen eine Aktion zur Eröffnung geplant, bei der sie sich der "Erklärung der Vielen" anschließen wollten. Diverse Medien hatten derweil berichtet - und eine Spinnereigalerie zur Absage der Ausstellung geraten.

Krause meldete sich am gestrigen Montagmittag auf seiner öffentlichen Facebook-Seite zu Wort: Er spricht dem Verein seine "Hochachtung" dafür aus, dass er sich lange um Neutralität bemüht habe. Die "Totalabsage" sei bedauerlich: "Nicht allein für mich, sondern eben auch für die vielen Künstler, die gern ausgestellt und kein Problem gehabt hätten, das mit mir an ihrer Seite zu tun." Eine Gruppe der von der Absage betroffenen Künstler aktualisierte angesichts der Ereignisse ihr offizielles Statement: Sie erscheint ihnen "nicht richtig und überstürzt", sei ein "falsches Signal" und ein "Fehler". Sie fordern den Verein dazu auf, seine Entscheidung zu überdenken und die Ausstellung stattfinden zu lassen. Gespräche dazu werden derzeit geführt.


Kommentar: Opferrolle frei Haus

Von Torsten Kohlschein 

Die Kunst zu offenbaren und den Künstler zu verbergen ist das Ziel der Kunst." Vor rund 130 Jahren hat der Schriftsteller Oscar Wilde dies geschrieben, und es passt exakt auf die aktuelle Krise des Vereins der Leipziger Jahresausstellungen. Lang war in der Kunstszene dieser Satz aus der Vorrede zum "Bildnis des Dorian Gray" konsensfähig. In einer Zeit jedenfalls, in der die Szene links bis liberal geprägt war, man sich also ganz auf Austausch und Widerstreit künstlerischer Positionen fokussieren konnte, da man politisch allenfalls in Nuancen unterschiedlich tickte. Entsprechend unvorbereitet ist man im - in dieser Hinsicht unverändert strukturierten - Mainstream darauf, dass Künstler ernsthaft mitspielen wollen, die rechtspopulistische Ansichten vertreten.

Ist Politik für den Künstler plötzlich nicht mehr privat? Nicht mal, wenn der in seinem Werk mit seinen Ansichten nicht hausieren geht? Der Umgang des Vereins für die Leipziger Jahresschau mit der Kritik anderer Künstler an der Einladung Axel Krauses verrät tiefe Unsicherheit: Ausladung, Absage der Ausstellung, Rücktritt des Vorstands - das war nicht souverän. Das war Suizid aus Angst vor dem Tod. Das wiederum meinte Friedrich Dürrenmatt, als er schrieb, eine Geschichte sei erst dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmst mögliche Wendung genommen hat.

Das hat diese Geschichte hier: Eine jahrzehntelange Tradition wird gebrochen, weil plötzlich kein Weg mehr gangbar erscheint. Weil man nichts falsch machen will. Dabei wäre eine demonstrative Betonung guter, liberaler Traditionen des Kunstbetriebs durchaus vorstellbar gewesen, ohne Krause ab- oder über Gebühr aufzuwerten. Etwa im Rahmen der Vernissage. Und sei es mit etwas Fantasie und Kreativität, die man Kulturschaffenden und -fördernden doch unterstellen möchte.

Im Raum steht nun der Anschein der Auswahl von Kunst nach politischer Botmäßigkeit des Urhebers. Dass der im gegebenen Fall selbst einer politischen Strömung folgt, die man gemeinhin nicht mit dem bedingungslosen Eintreten für die Freiheit der Kunst in Verbindung bringt, macht die Sache nicht besser. Vielmehr wurde Krause und seinen Folgern auf Facebook, die dort deutlich aggressiver unterwegs sind als der Künstler selbst, die Opferrolle frei Haus geliefert - maßgefertigt fürs Narrativ vom "linksgrün versifften" Kulturbetrieb. Verheerend!

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...