Under Cover

Pop ist vergänglich, Popstars erst recht. Außerdem sind sie meist teuer, in Kreativpause oder im "Null-Bock-auf-Konzerte"-Modus. Als Alternative empfehlen sich Coverbands und Double-Künstler. Ihr Antrieb ist dabei sehr unterschiedlich: Er reicht vom reinen Spaß über Vollkommerz bis hin zum Bildungsauftrag.

Elvis lebt" ist der vielleicht berühmteste Nonsens der Welt, aber auch nicht so unsinnig, dass er nicht irgendwie doch stimmt. Irgendwie. Nach jüngsten Statistik-Erhebungen gibt es auf der Welt momentan 85.000 Elvis-Imitatoren, gegenüber 170 im Jahr 1977, kurz nachdem er gestorben war. Popkulturelle Zukunftsdeuter haben errechnet, dass, wenn das so weitergeht, im Jahr 2040 jeder zehnte Mensch ein Elvis ist.

Das Double-Startum und das Covermusikwesen - es entwickelt sich. Und zwar in voller Breite, weshalb Originalkünstler schon mal dezent darauf hinweisen (müssen), dass sie die Echten sind. So stellte Drummer Nick Mason jüngst bei Konzerten mit seiner Band Saucerful of Secrets klar, dass sie nicht die Australian Pink Floyd Show sei. Vielmehr leistete sich das 74-jährige Mitglied der immer noch existierenden Band Pink Floyd schlicht das Vergnügen, die Songs aus der frühen Zeit der Band mit Syd Barrett noch einmal zusammen mit befreundeten Musikern auf kleine Bühnen zu bringen.

Gleichwohl ist unbestritten, dass Tribute Shows von "unechten" Purples, Floyds, Stones und Zeppelins, aber auch Doublemusikern aus den Bereichen Schlager und Pop (nie aus dem Jazz) so beliebt zu sein scheinen wie nie. Das sieht man am besten ausgerechnet in Berlin, wo viele echte Stars tatsächlich als Original auftreten. Im Festival Center des Berliner Estrel-Hotels hat sich "Stars in Concert" seit 1997 zu Europas erfolgreichster Doppelgänger-Show gemausert, was Produzent Bernhard Kurz simpel erklärt: "Wir engagieren ausschließlich die weltweit besten Doppelgänger, die hinsichtlich Stimme und Optik den Originalen in nichts nachstehen." Der Rest, darf man spitz weiter sinnen, kann ruhig in Bierzelten, auf Betriebs- und Geburtstagsfeiern auftreten. Tatsächlich tingeln nicht wenige Andrea Bergs, Helene Fischers oder Udo Lindenbergs durch die Niederungen der deutschen Partylandschaft.

Manche, wie Modern Talking Reloaded aus Plauen, sind sogar Exportschlager. Dieses Jahr spielte das seit 1999 existierende Double des international bekanntesten deutschen Popduos unter anderem in Bolivien, Peru, Chile, Polen und Finnland. Im Land der Tausend Seen landeten die beiden Vogtländer Michael "Dieter Bohlen" Beurich und André "Thomas Anders" Brand Ende August bereits zum 100. Mal. Speziell dort spielen sich bei solchen Gelegenheiten Szenen ab, die zeigen: Original oder nicht - hier sind die Jungs Kult.

"Modern Talking werden ja zu Hause viel belächelt, dabei ist völlig unterbewertet, was die Musik so vielen Menschen auf der Welt bedeutet", sagt Beurich, der dem Dieter gern mal erzählen würde, was er so erlebt. Leider interessiert's den Dieter nicht. Sie haben ein Youtube-Video mit Dankesworten gedreht und ihm Briefe geschrieben. Keine Reaktion. Ihm reicht offenbar der Blick aufs Konto, das sich dank Tantiemen für die von ihm komponierten Songs stetig füllt. Dagegen hat Thomas Anders, der von seinen Auftritten lebt, Verwechslungsgefahr moniert und juristisch Unterlassung gefordert. Die Plauener lehnten ab. "Es wäre faktisch für uns ein Berufsverbot. Dabei entsteht ihm doch gar kein Schaden, wenn wir im Bierzelt auftreten, während er irgendwo ein Konzert gibt." Überhaupt, ausgerechnet der, der Dieter Bohlens Musik nur eingesungen habe, mache jetzt auf Schutzpatron von Modern Talking. Nach einem Hamburger Richterspruch haben Modern Talking Reloaded jüngst dennoch ihren Namen um den Zusatz "Tribute Show" ergänzt. Auch darum spricht viel dafür, dass die unechten Modern Talking, die es länger gibt als die echten, noch eine Weile touren.

Auch in Russland sind die Sachsen gefragt. Der Markt für Tribute-shows entwickelt sich dort gerade, weil man sich infolge der Wirtschaftsflaute seltener Originale leisten kann. Es entspricht dem allgemeinen Trend. Die Nachfrage nach Kopisten, die für kleines Geld die Illusion von echtem Starflair vermitteln, scheint umso größer, je aufwendiger, teurer und digitaler das Konzertwesen mit Originalen wird.

In den Niederlanden gibt es eine Band, die schon im Namen das Analoge feiert. The Analogues spielen Beatles-Songs, haben aber wenig mit den netten Nachspielcombos mit Pilzfrisurträgern oder Sgt.-Pepper-Kostümen zu tun. Sie verfolgen mit höchstem technischen Anspruch und exklusivem Equipment das ambitionierte Ziel, den Beatles-Sound auf der Bühne zu reproduzieren, den die Fab Four zwischen 1966 und 1969 im Studio schufen und nie live spielten, weil es technisch nicht machbar gewesen und ohnehin im Fangekreische untergegangen wäre. The Analogues sind ein Projekt, dessen Entstehungsgeschichte in seiner Ernsthaftigkeit quasi umgekehrt proportional zu der von Modern Talking Reloaded ist. 2014 hat es Drummer Fred Gehring gegründet, weil der Frühpensionär nach seinem Abschied als Chef des Modeunternehmens Tommy Hilfiger seiner Liebe zur Beatles-Musik kreativen Lauf lassen wollte. "Im Gegensatz zu üblichen Beatles-Tributebands, die mit Anzügen, Frisuren und Gestik immer visuell orientiert sind und stets die gleichen 30, 40 Hits spielen, fasziniert uns das Gesamtwerk. In der kurzen Periode zwischen dem letzten Beatles-Konzert 1966 und der Bandauflösung 1970 gab es ja eine wahre Explosion an Kreativität mit völlig einzigartiger Musik. Wir wollen, dass man live hören kann, was man immer gehofft hat, einmal live zu hören." Um den Originalsound der letzten fünf Studioalben exakt zu reproduzieren, haben sie sich die Instrumente jener Zeit beschafft: Gitarren, Mellotron, die Lowrey-Orgel, mit der das Intro von "Lucy in the Sky with Diamonds" eingespielt wurde. Die Beatles-Tribute-Musiker glauben ohnehin, dass ihre Idole künftig denselben Stellenwert wie Bach und Mozart haben werden und die aufwendige Livedarbietung des Pop-Welterbes - wie in der Klassik - zur anerkannten Form der Unterhaltungskunst aufsteigen wird: Historische Aufführungspraxis reloaded.

Derweil gibt es einen neuen Trend, der nach Expertenmeinung das nächste große Ding im Livegeschäft mit den Untoten des Pop ist: Hologramme. Zuletzt ging der 2010 verstorbene Heavyrock-Star Ronnie James Dio als Hologramm auf "Dio returns"-Worldtour. Und auch die berühmten Vier von Abba werden alsbald als "Abbatare" auferstehen, weil sich die echten Musiker keinen Tourstress mehr antun mögen. Ob die Digitalisierung klassische Coverbands in Existenznöte bringen könnte? Zumindest in Weißrussland ist das unwahrscheinlich. Die Moralwächter des Landes hatten die Deutschrocker 2010 im Vorfeld eines Konzerts in Minsk als gefährlich eingestuft (aber letztlich doch auftreten lassen), weil die Propaganda für "Homosexualität und andere Abartigkeiten" verbreiten würden. Trotzdem gibt es seit einem Jahr auch in Belarus eine Rammstein Tribut Band, die dort mehrmals im Monat auftritt. Im Minsker Rockclub TNT ist sie Stammgast. Sie lässt die Bude wackeln, obwohl der Sänger die deutschen Texte teils vom Notenblatt absingt. Da spürt man unmittelbar, welche Energie auch eine Coverband freisetzen kann, weil die Originale (fast) unerreichbar sind.

Aber klar, überall geht es mehr oder weniger auch um Kommerz. Im benachbarten Russland blühte noch um die Jahrtausendwende ein kleinkriminelles Musikbiz. Dort rollte der Rubel dank gefakter Starauftritte. Ein junges Trio musste im ostsibirischen Chabarowsk gar vor Gericht, nachdem es sich für eine beliebte Popgruppe ausgegeben hatte.

Die Tributeshowwelt treibt halt die buntesten Blüten. Eine besonders schöne gab es vor wenigen Jahren in Ulan-Bator, wo eine Mongolian Pink Floyd Show im hauptstädtischen Kulturpalast auftrat. Es handelte sich um eine ein heimische Topband, deren Chef vorm Konzertbeginn persönlich eine halbstündige Einweisung in die Floyd-Geschichte und die Historie des westlichen Psychedelic-Rock gab, neben sich ein Floyd-Gemälde. Die Fans durften Fragen stellen. Das anschließende Konzert verlief auf höchstem Niveau und war der Australian Pink Floyd-Show, die erfolgreich durch Europa tourt, absolut ebenbürtig.

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