Utopische Landschaften

Vom Bundestag bis zu Achim Freyers Kunsthaus: Auch nach dem 7. November erinnern Ausstellungen an die Oktoberrevolution - und an andere, individuellere Umstürze. Carlfriedrich Claus ist immer dabei.

Berlin.

Das Jubiläum ist vergangen, abgehakt, Vergangenheit bewältigt, die Oktoberrevolution 1917 zu den Akten gelegt. Für die nächsten hundert Jahre. Überall. Überall? Nein, es wird weiter an diesen überwältigenden Misserfolg der Verwirklichung eines Menschheitstraums erinnert. Eine der eindringlichsten Würdigungen befindet sich im Herzen des Landes, mitten in Berlin, im Deutschen Bundestag: der "Experimentalraum Aurora" von Carlfriedrich Claus, in dem transparent vergrößerte Radierungen eine "utopisch aufgeschlagene Landschaft" bilden - allerdings so hoch gehängt, dass sie kaum erkennbar sind. Wie im richtigen Leben. Deutlicher zu lesen sind die Radierungen in der andauernden Ausstellung "Roter Oktober" in der Neuen Sächsischen Galerie Chemnitz, in der einige Blätter aus der Aurora-Mappe zu sehen sind. Vollständig wird sie im Kunsthaus der Achim-Freyer-Stiftung in Berlin-Steglitz gezeigt.

Die Ausstellung "19/20/17: Künstler*Innen erinnern Revolutionen" verfolgt einen etwas anderen Ansatz des Gedenkens an die Oktoberrevolution. Kuratiert von der in Karl-Marx-Stadt geborenen Kulturwissenschaftlerin Anke Paula Böttcher und dem international renommierten Bühnenbildner, Regisseur und Maler Achim Freyer, sind hier etwa 150 Werke aus den hundert Jahren seit der Oktoberrevolution versammelt. In Petersburger, oder eher "Leningrader" Hängung, also Bild an Bild von der Decke bis zum Boden, vom Druck eines der agitatorischen Rosta-Fenster von Wladimir Majakowski aus dem Jahr 1917 bis zu einem von Osmar Osten aus dem Jahr 2017. Sie erzählen nicht nur die Geschichte einer letztlich fehlgeschlagenen, folgenreichen Revolution, sondern vor allem Geschichten ganz persönlicher, individueller Revolutionen, des "Selbstexperiments", das Carlfriedrich Claus in seinem Aurora-Hymnus als Voraussetzung dafür sah, dass das "Aufleuchten von Antizipationen am gesellschaftlichen Horizont" zu tatsächlichen Veränderungen der Welt führen kann. Dies schließt konkrete Würdigungen derer nicht aus, die gegen den Faschismus kämpften (Fotomontagen John Heartfields), sich gegen Diktatoren und Kolonialherrschaft einsetzten wie Che Guevara (ein von Wolf Biermann beschriebenes Plakat). Oder Erinnerungen des Malers Oskar Manigk an Frauen wie Edith Bläsner, die einem sowjetischen Offizier zur Flucht in den Westen verhalf und dafür 1951 hingerichtet wurde. Ist es in einer Installation von Achim Freyer selbst die verbrannte Erde in Form verkohlter Baumstämme die an die Folgen der Machtübernahme der Bolschewiki 1917 erinnert, sind es bei anderen vor allem die individuellen Kunst-, Welt- und Schmerzensbilder, in denen sie den Traum von einer ausbeutungslosen, freien, gerechten Gesellschaft erlebbar machen. Dazu gehören die Arbeiten Horst Hussels, des Österreichers Lukas Pusch, der Berlinerinnen Bettina Albrecht und Karin Sakrowski, der Luxemburgerin Catherine Lorent, des Frankfurters Carsten Sievers.

Eine besondere Facette der Ausstellung bilden Arbeiten von Teilnehmern einer Kunstgruppe der Hoffnungstaler Werkstätten Biesenthal, einer Einrichtung der Hilfe für Behinderte, Sucht- und andere Kranke. Unter der Leitung und im Gespräch mit der in Magdeburg geborenen Künstlerin Heidrun Rueda haben sich Mitglieder der Gruppe mit der Oktoberrevolution in Worten und Bildern beschäftigt. Sie malten und zeichneten "Lenin versehrt" im Rollstuhl, Matrjoschkas mit Maschinengewehr, die Guillotine, gestalteten aus Pappmaché den "Sturm auf das Winterpalais" im Miniaturformat, staffierten Barbiepuppen mit Hammer und Sichel aus. Sie erzählen die Geschichte der Revolution nach - in ihrem eigenen, unmittelbar existenziellen Verständnis. So korrespondieren die Arbeiten sogenannter Außenseiter spannungsreich mit denen "berühmter" Künstler. Genau so hat Carlfriedrich Claus wohl seine "Aurora"-Blätter verstanden, der sie als "Vorschläge zu eigenen Exerzitien" benutzt wissen wollte. Hier sind sie überaus gelungen. Und wenn mutige Phantasie eine der Voraussetzungen für Revolutionen sein sollte, dann hat sie auch in dieser Ausstellung eine vorübergehende Heimat gefunden.

Die Ausstellungen

"Roter Oktober" in der Neuen Sächsischen Galerie Chemnitz ist noch bis 14. Januar zu sehen; "19/20/17: Künstler*Innen erinnern Revolutionen" im Kunsthaus der Achim-Freyer-Stiftung Berlin noch bis 28. Januar.

achimfreyer.com

neue-saechsische-galerie.de

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