Vom Erwachsenwerden

Viele Jahre arbeitete der erfolgreiche Hip-Hop-Produzent Dexter parallel als Kinderarzt und Musiker. Nach einem Schlaganfall entschied er sich zu einem Einschnitt und konzentriert sich nun voll auf die Musik. Auf seinem Soloalbum "Yung Boomer" reflektiert er diese harte Entscheidung.

Mit 37 den Job als Kinderarzt zu kündigen, um hauptberuflich Musik zu machen? Für so einen Plan braucht man 2020 schon ein bisschen Mut. Doch Felix Göppel, besser bekannt als Dexter, beweist, dass man vielleicht gerade jetzt genau das machen sollte, was einen glücklich macht. Erfüllt. Am 27. November erscheint deswegen "Yung Boomer", ein Soloalbum des Familienvaters aus Stuttgart.

Göppel ist dabei ein alter Hase im Musikgeschäft. In den letzten zehn Jahren war er nicht nur als Produzent an Gold- und Platinalben von Musikern wie Cro oder Casper beteiligt, sondern auch maßgeblich für die letzten beiden Alben von Fatoni ("Im Modus" 2017 und "Andorra" 2019) verantwortlich. Alleine, aber auch zusammen mit seiner Produzenten-Gemeinschaft "Betty Ford Boys", hat er ein ganzes Genre geprägt und unzählige Beats und Samples produziert. 2017 brachte er sein erstes Album "Haare nice, Socken fly" raus, auf welchem er zum ersten Mal auch selbst auf seinen Beats rappt.

Nun also "Yung Boomer" - zwei Worte für zwei gegensätzliche Welten: Der Begriff "Boomer", abgeleitet von "Babyboomer", beschreibt die Generation der heute 50- bis 60-Jährigen als gesellschaftlich, technisch oder auch politisch rückwärtsgewandt. In Abgrenzung ist "yung" eine modische Abwandlung des englischen young für "jung": Im Rap-Umfeld nutzen Künstlerinnen und Künstler dieses Adjektiv derzeit oft als Zusatz im Namen - es steht damit für ein eigenes, neues Genre.

Dexter kann man in keine der beiden Schubladen packen, und genau das will er auch nicht: Mit 37 ist er längst noch kein Boomer - aber bereits zu alt, um auf kredibile Weise in diese neue Hip-Hop-Generation zu passen. Der Titel beschreibt daher sein neues Album perfekt. Musikalisch baut Dexter Brücken, verbindet die Klänge der neuen Kids mit seinen eigenen musikalischen Wurzeln. Diese liegen in der Oldschool-Sample-Methode, die sich gern auch bei Soul und Jazz bedient. Kein Wunder also, dass er sich sowohl Jungrapper wie LGoony, Lugatti oder 9ine, aber eben auch ältere Hasen wie Fatoni, Döll und Laumann als Gäste aufs Album geholt hat: Dexter setzt sich mit dem Älterwerden, seinem Platz in der Szene auseinander. Das kreist dann häufig um die Frage, ob man mit dieser überhaupt etwas zu tun haben will. Denn das Leben ist eben "nicht alles LOL, lustig oder Funrap".

In erster Linie ist Dexter Produzent, entsprechend ausgeklügelt ist die Musik. Auf stupide Trap-Beats hatte er für sein Album keine Lust: "Da fehlt mir dann der Jazz", sagt er. Und die Weiterentwicklung: "Man muss sich selber immer wieder überraschen, sonst wird es langweilig. Man sollte schon noch hören, dass ich es bin. Die Leute sollen aber auch merken, dass ich mich auch für aktuelle Sachen interessiere."

Das ist ihm mehr als gelungen, auch wenn ihm ein amerikanischer Rapper vor ein paar Jahren mal den Tipp gab, den Sound nicht weiter zu verändern, wenn man ihn einmal gefunden hat und zufrieden damit ist. Anfreunden konnte er sich damit aber nicht: "Selbst wenn ich mich anstrengen würde - der Vibe und der Geist in mir sind einfach anders, sie haben sich weiterentwickelt und kommen jetzt ganz anders raus als noch vor fünf Jahren", so Göppel, der sich selbst als "schlechten Dienstleiter" beschreibt, weil er ungern Kompromisse eingeht. "Wenn es eben nicht passt, dann passt es nicht!" Diese Einstellung kann man vermutlich auch erst dann so vertreten, wenn man sich frei gemacht hat vom Druck, unbedingt auf dem Album eines erfolgreichen Künstlers zu landen - nur weil die Chance sehr hoch ist, dass sich dieses gut verkaufen wird.

Dennoch spielt für den Schritt ins Profi-Musikbusiness für Dexter auch eine Rolle, dass er durch seine Produzententätigkeit mittlerweile auch ohne sein Facharzt-Gehalt finanziell gut abgesichert ist: "Ich bin kein Musiker, der für die Musik alles hinschmeißt", sagt er. Die Konsequenz? Dexter befreite sich in den letzten Jahren von Abhängigkeiten, von anderen Leuten: "Das hat sich einfach richtig angefühlt." Der Spagat zwischen Nachtschichten als Kinderarzt, Festivalauftritten und dem Familienleben, der im bisher hatte gelingen müssen, konnte langfristig nicht spurlos an ihm vorbeigehen. Selbst die ewige Frage, wie er denn alles unter einen Hut bekommen würde, hat ihn irgendwann genervt: Dass man dieses Pensum nicht ewig auf diesem Level halten kann, das wusste der Mediziner in ihm am besten: "Der Körper gibt dir irgendwann die Quittung dafür, wenn du ihn so ausreizt, vor allem mit Schlafmangel."

Den nötigen Raum, um über entscheidende Veränderungen nachzudenken, bekam der Stuttgarter mit einem Schlaganfall während eines DJ-Auftritts: Fast drei Wochen war er zur strikten Bettruhe gezwungen. Diesem Ereignis widmet er mit "Apoplex" nun den abschließenden Song des Albums: Es war ein Zeichen, kürzer treten zu müssen. Worauf also verzichten? "Die Musik war aber keine Option", sagt er.

Göppel, der sehr gern als Kinderarzt gearbeitet hat, schließt eine Rückkehr in die Klinik oder in die Praxis nicht aus. Jedoch nicht wieder in Vollzeit: "Ich bin Facharzt, solche Leute werden nach wie vor gesucht." Bereits durch die Corona-Pandemie wurde im Frühjahr seine eben erst getroffene Entscheidung auf die Probe gestellt: Wenn es hart auf hart kommt und das Personal extrem knapp wird, steht für ihn außer Frage, als Arzt einzuspringen.

Heute weiß er aber auch, dass ihm der berufliche Umbruch sehr gut getan hat. Das erste Jahr der kompletten Selbstständigkeit war zwar "eine krasse Umstellung, weil man eben nicht mehr monatlich ein festes Gehalt bekommt und damit einen großen Teil seiner Komfortzone verlässt". Aber er lerne jeden Tag dazu, vor allem auch was die Strukturen im Musikbusiness betrifft. Dexter geht es heute vor allem um selbstbestimmtes Arbeiten, kurze Kommunikationswege und sein eigenes Netzwerk, um "selber mit denen zu reden, einen Deal auszuhandeln oder einen Gefallen zurückzugeben". Durch die komplette Selbstständigkeit hat er gelernt, sich besser selbst zu organisieren und die eigene Verpeiltheit ein Stück weit abzulegen. Zerstreut sei er zwar manchmal immer noch: "Aber ich weiß ganz genau, wann was wichtig ist, wo ich wann sein muss, wenn es doch mal irgendwo brennt."

Auch Social Media ist heutzutage für Künstlerinnen und Künstler Fluch und Segen zugleich: Auf der einen Seite ist Internet-Präsenz unverzichtbar, um neue Musik oder Konzerte zu bewerben. Auf der anderen Seite setzt man sich aber auch dem ständigen Vergleich aus. Das sei nicht zu unterschätzen, so Dexter: Ob man will oder nicht, unterbewusst vergleicht man sich doch immer, wenn einem permanent vor Augen geführt wird, was andere gerade machen, wer mit wem zusammen im Studio ist oder wer schon wieder eine weitere Stadt der Tour ausverkauft hat. Seine Lösung? Bewusster Konsum und Einsatz dieser Kanäle - und jede unnötige Interaktion vermeiden.

Das Wichtigste ist, bewusst auf sich und die eigenen Bedürfnisse zu hören, diese anzunehmen und umzusetzen oder auch Dinge nicht mehr einfach nur zu tun, weil das eben so gemacht wird. So ist es auch vollkommen in Ordnung, einen Abend mit den Kumpels in der Kneipe abzusagen und stattdessen lieber ein gemeinsames Mittagessen am nächsten Tag vorzuschlagen, wenn es sich in dem Moment nicht richtig anfühlt. Vermutlich sind das genau die Punkte, an denen man erkennt, dass das jetzt dieses Erwachsenenleben ist, von dem immer alle all die Jahre geredet haben.

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