Vom Zeigen der Instrumente

Wie frei ist aktuell vom Steuerzahler bezahlte Kunst - und wie frei kann sie überhaupt sein? Fragen, zu der bisher ein bürgerlicher Konsens herrschte, werden in Freiberg von der AfD neu aufgerissen: schmerzhaft.

Freiberg.

Kunst gilt im demokratischen Deutschland nur als frei denkbar. So steht es im Grundgesetz, und so ist bisher auch der breite Konsens. Allerdings würde wohl auch niemand bestreiten, dass immer auch derjenige die Musik bestimmt, der die Kapelle bezahlt. Heißt: Der Staat hat keinerlei Recht, künstlerische Inhalte zu bestimmen - jeder Maler, Musiker oder Dichter kann sich vollkommen frei äußern. Allerdings hat kein Künstler damit auch das Recht auf Alimentierung: Will er Geld, muss er jemanden finden, der ihm seine Werke auch abkauft. Dass dabei der Auftraggeber auch inhaltlich sagt, was er haben möchte, war schon immer der Deal.

Das führt jedoch dann zu einem natürlichen Reibungspunkt, wenn die öffentliche Hand als Auftraggeber von Kunst auftritt. Dieser Konflikt wird bisher über einen gut funktionierenden Konsens gelöst: Werden Steuermittel für Kunst ausgegeben, verzichtet man auf konkrete Vorgaben - aus der Erkenntnis heraus, dass Kunstfreiheit ein Wert ansich ist. Man "kauft" quasi die ungeschönte, unbeeinflusste Sicht auf die Gesellschaft. Dass diese auch unbequem, unschön, gar unpassend sein kann wird dabei ausdrücklich als Bereicherung verstanden.

Die AfD ist aktuell die einzige in Parlamenten oder Stadträte vertretene politische Kraft, die das in ihrem Grundsatzprogramm anders sieht: Man will "den Einfluss der Parteien auf das Kulturleben zurückdrängen." Wie die Kunst aussieht, die etwa von Theatern gemacht wird, bestimmen dort die Intendanten - und die sind nunmal von den gewählten politischen Vertreten maßgeblich eingesetzt, da Theater in der Regel von kommunalen Trägergesellschaften betrieben werden.

In Freiberg hat die AfD nun erstmals in Sachsen den Versuch unternommen, das Programm eines Theaters im Sinn ihres Grundsatzprogrammes zu beeinflussen - und ist damit überraschend weit gekommen. Was ist passiert?

Das Mittelsächsische Theater hat im Rahmen seiner Veranstaltungsreihe "Dialog - Wir haben die Wahl 2019. Was ist zu tun?" Ende März eine von Intendant Ralf-Peter Schulzeverantwortete Lesung mit der Autorin Liane Bednarz organisiert, die ihr Buch "Die Angstprediger. Wie rechte Christen Gesellschaft und Kirchen unterwandern" vorstellte. Anschließend gab es eine Diskussion, bei der Stimmen gegen rechts laut wurden. AfD-Stadtrat Marko Winter sah darin "aber eine indirekte Wahlwerbung gegen eine Partei", nämlich seine, und beklagte, dass das nicht dem Zweck der Mittelsächsischen Theater und Philharmonie gGmbH entspreche. Deren Gesellschaftsvertrag sehe lediglich die "Förderung von Kunst und Kultur" sowie "Versorgung - insbesondere der mittelsächsischen Bevölkerung mit anspruchsvollen Theateraufführungen und Konzerten" vor.

Darf ein Theater Lesungen und Diskussionsrunden mit politischen Inhalten gestalten? Darf ein Intendant auch über Veranstaltungsformen frei entscheiden oder muss er bei Oper, Konzert und Schauspiel bleiben? Der parteilose Freiberger Bürgermeister Sven Krüger befand: Er sollte - und äußerte öffentlich, dass "derartige Veranstaltungen in Zukunft nicht mehr in den Räumlichkeiten des Theaters organisiert und durchgeführt werden dürfen." Vertreter der anderen beiden Gesellschafter des Theaters - der Landkreis Mittelsachsen und die Stadt Döbeln - sprangen Krüger bei.

In Freiberg löste das eine heftige Debatte aus: Weil es quasi staatlich sei, habe auch Theater eine Neutralitätspflicht, finden die einen - während andere auf die Kunstfreiheit verweisen, deren Wert ja gerade darin bestehe, dass Kunst, so sie denn gesellschaftlich relevant sein soll, gerade auch politische Aspekte ausleuchten müsse.

Im Augenblick ist natürlich auch viel Theaterdonner in der Debatte. Laut Hans-Peter Ickrath, Geschäftsführer der Theater-Gesellschaft, gibt es keine offizielle Anweisung der Gesellschafter zur Programmgestaltung. Außerdem sei man nach einer Vorgabe der Landesregierung, an welche die Vergabe der sächsischen Kulturraum-Förderung gekoppelt ist, zur politischen Bildung verpflichtet. Wie diese aussehen soll, liegt dabei allein in der Hand des Intendanten. Allerdings wurde bereits vermutet, dass das Verschwinden eines Links zur "Erklärung der Vielen" auf der Theater-Homepage im Zusammenhang mit derlei politischem Druck stünde. Nachweisbar ist das nicht - die Instrumente wären aber vorhanden. So entkoppelt, wie man das gern darstellt, sind Politik und Kultur nämlich nicht: Nur, solange das beide Seite auch wollen.

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