Von heiklen Punkten

Schauspieler Peter Simonischek über seine Rolle im neuen Kinofilm "Crescendo", über Extremisten in der Religion, Politik in der Kunst und die Begeisterung für Europa

Der österreichische Schauspieler Peter Simonischek hat auf den führenden Bühnen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz große Erfolge gefeiert und tritt seit den 1980er-Jahren auch regelmäßig vor die Kameras. In der für den Oscar nominierten Komödie "Toni Erdmann" brillierte Simonischek in der Rolle des Titelhelden. Nun ist der 73-Jährige im Drama "Crescendo" als Dirigent Eduard Sporck zu erleben, der den Taktstock noch einmal in die Hand nimmt, um ein israelisch-palästinensisches Jugendorchester zu formen und zu leiten. Der Film kommt am 16. Januar in die Kinos. André Wesche hat sich mit Peter Simonischek unterhalten.

Freie Presse: Herr Simonischek, den Oscar für den "Besten fremdsprachigen Film" hat 2017 leider ein anderer Kandidat eingeheimst und nicht "Toni Erdmann" mit Ihnen in der Hauptrolle. War die Verleihung trotzdem eine interessante Erfahrung?

Peter Simonischek: Das Ganze war recht unterhaltsam. Aber es ist einem schon klar, dass das eine große, kommerzielle Veranstaltung für das amerikanische Kino ist. Ich weiß nicht, woher diese Legende von der Romantik stammt. Das ist ein beinhartes Geschäft, das einzige wirtschaftliche Perpetuum mobile, das ich kenne. Es wird von den Stars für die Stars gemacht. Die ganze Veranstaltung findet sich selbst. Die Leute kommen, weil so viele Prominente da sind. Und die Prominenten brauchen das, damit sie prominent bleiben und Filme machen können. Das klappt jetzt schon seit 1929.

Hat der Erfolg von "Toni Erdmann" dazu geführt, dass man Ihnen nun mehr gute Drehbücher anbietet?

Ja, das schon. Zum Beispiel "Crescendo".

In "Crescendo" lehnt der Dirigent Eduard Sporck das Angebot zunächst ab, das man ihm unterbreitet. Mussten Sie auch zweimal darüber nachdenken, ob Sie diese Rolle übernehmen?

Ja, durchaus. Die Rolle war ursprünglich noch vielfältiger. Sporck hatte seine eigene Geschichte. Es gab eine Szene, in der Sporck seine Vergangenheit erzählt bekommt. Er wurde von seinen Eltern einfach an einem Bauernhof in Südtirol abgegeben, als diese nach Südamerika fliehen wollten, wie so viele andere Naziverbrecher. Sie waren ja beide Ärzte im KZ. In der letzten Fassung gab es diese Szene nicht mehr und ich habe die Rolle dann auch zurückgegeben. Dann habe ich mich noch einmal mit dem Filmemacher Dror Zahavi getroffen, morgens um sieben in einem Café am Savignyplatz in Berlin. Mir saß ein Mann gegenüber, der für diesen Film gebrannt hat. Da war so viel Leidenschaft. Ich habe mich deshalb diesmal nicht für eine Rolle entschieden, sondern für einen Film mit politischer Relevanz. Im Laufe der Dreharbeiten hat sich die Rolle noch ein bisschen entwickelt. Aus dem Dirigenten ist mehr geworden als nur ein reiner Funktionsträger.

Sporck sagt: "Politik - da mische ich mich nicht ein." Kann ein Künstler unpolitisch sein?

Das ist schwer zu sagen. Wer versteht sich alles als Künstler? Wenn jemand als Künstler ernst zu nehmen ist, dann ist natürlich jede Art von Aussage auch politisch. Sie vermittelt eine Haltung. Und eine Haltung in dieser Gesellschaft hat immer auch eine politische Komponente. So empfinde ich das jedenfalls. Manche Leute machen ganz bewusst politisches Theater und politische Filme. Sogar Agitation ist im Theater und im Film durchaus üblich. Allerdings entfernt sich die Kunst umso weiter, je intensiver die Agitation wird.

Mit welchen Gefühlen verfolgen Sie die Nachrichten, die uns regelmäßig aus Israel erreichen? Haben Sie sich in diesem Konflikt eine Meinung gebildet?

Dieser Konflikt ist ungefähr so alt wie ich. Wie die meisten Menschen habe ich mich fatalerweise daran gewöhnt. Man rechnet gar nicht mehr damit, dass sich dort wirklich etwas bewegt. Immer, wenn man gerade Hoffnung geschöpft hat, wird wieder jemand erschossen. Religiöse Fehden sind das schlimmste Übel, das die Menschen heimsucht. Man macht sich das Leben wegen religiöser Unterschiede schwer. Man mordet, bringt Menschen auf den Scheiterhaufen oder ertränkt sie. Die schlimmsten Kriege waren immer Religionskriege. Für jemanden, der in der Aufklärung groß geworden ist, ist das ein fataler Umstand. Den Menschen ist nicht klar, dass sich alle für die unbeantwortbaren Fragen etwas ausgedacht haben: die Christen, die Moslems, die Buddhisten. Und jeder schlägt dem anderen den Kopf ab, weil er sich etwas anderes ausgedacht hat. Das ist mir so schleierhaft, dass ich es gar nicht zum Ausdruck bringen kann.

Wie gingen die jugendlichen Schauspieler im Film miteinander um?

Das war wirklich das Interessanteste an der ganzen Arbeit. Das Thema im Film war sozusagen deckungsgleich mit unseren Dreharbeiten. Diese Jugendlichen mussten ja tatsächlich live miteinander arbeiten. Und sie haben sich so toll verstanden! Diese jungen Leute waren das lebendige Beispiel dafür, dass ein Zusammenleben ganz bestimmt möglich wäre - ohne Fundamentalisten, ohne die Waffenlobby. Ich bin sehr sicher, dass Extremisten diesen ganzen Konflikt am Kochen halten. Die einen machen Geschäfte damit, die anderen berufen sich darauf, was schon vor 2000 Jahren in der Bibel stand. Wenn Abraham oder Allah oder Jehova etwas so bestimmt hat, kann man ja nichts dagegen sagen. Da greift kein Argument, in keiner Religion. Wenn man in einer Diskussion an einem heiklen Punkt angelangt ist, heißt es immer: "Weil Allah oder Buddha oder Gott es so will!" Dann herrscht in jeder Religion Denkverbot.

Die Schauspieler kamen wirklich aus dem Westjordanland und aus Israel?

Ja. Und sie sind großartig miteinander umgegangen. Sie umschiffen die Probleme und sparen die brisanten Themen im Alltag einfach aus. Man kann nur in Kompromissen zusammenleben. Aber irgendjemand findet sich immer, der dem steppenden Huhn ein neues Teelicht unterschiebt. Ich hatte das Glück, 1946 nach der großen Katastrophe des Zweiten Weltkrieges geboren zu werden. Da gab es eine Art von Läuterung, ein deutliches Innehalten. Die Leute hatten von Konflikten die Schnauze voll. Aber das ist 70 Jahre her und gerät langsam in Vergessenheit. Es wird wieder mit dem Säbel gerasselt. Mein Vater hat mir hinterlassen, dass es nichts Schlimmeres gibt als Krieg. Das habe ich verinnerlicht.

Wurde in Ihrer Jugend in der Familie über die Nazizeit gesprochen?

Ja, aber nicht mit Vorliebe. Mein Vater hatte die Haltung, dass seine sechs Jahre bei der Wehrmacht gestohlene Jugendzeit waren.

Was für einen Stellenwert hat die Musik in Ihrem Leben?

Ich bin Schauspieler und zwei meiner Söhne waren bei den Wiener Sängerknaben. Musik spielt eine Rolle, aber es ist nicht so, dass wir ständig in der Wohnung Musik laufen lassen. Hin und wieder setzen wir uns hin und hören uns Musikstücke ganz verschiedener Interpreten an. Manchmal ist es Beethovens Mondscheinsonate in unterschiedlichen Interpretationen. Dann hören wir wieder Johnny Cash oder Leonard Cohen. Und schon hat man einen angenehmen Abend zusammen verbracht. Ich liebe Interpreten, Komponisten und Sänger, die Musik aus ihrem Zentrum heraus machen. Es tut einfach gut, wenn jemand aus seiner Mitte heraus etwas bietet. Es ist eine Läuterung.

Glauben Sie daran, dass Kunst die Welt zu einem besseren Platz machen kann?

Ja, das denke ich schon. Kunst ist die höchste Ausdrucksform dessen, was uns als Menschen möglich ist. Ein Mensch, der Musik macht, schreibt, Theater spielt oder malt, befindet sich damit auf dem Zenit unserer Möglichkeiten als Homo sapiens.

Wann mussten Sie zum letzten Mal selbst ein Casting bestreiten, so wie die Studenten im Film?

Tatsächlich bei "Toni Erdmann".

Wie fühlen Sie sich in dieser Situation?

Für einen jungen Schauspieler ist das natürlich existenziell. Er geht dahin und muss ausgewählt werden, damit er seine Miete bezahlen kann. Dann hat das einen anderen Stellenwert. Als etablierter Schauspieler gehe ich dorthin, um zu sehen, ob ich mit den Leuten kann, mit denen ich zusammenarbeiten soll. Gibt es da eine Wellenlänge, herrscht ein guter Geist? Ich gehe nicht nur für die Filmemacher zum Casting, sondern auch für mich selbst. Will ich mit diesen Menschen ein halbes oder ein ganzes Jahr verbringen? Ich war bei "Toni Erdmann" relativ früh mit an Bord und meistens dabei, wenn meine Filmtochter gesucht wurde. Bei Sandra Hüller hat es sofort "Bingo!" gemacht.

Der aktuelle Film trägt den Untertitel #makemusicnotwar. Kennen Sie sich in der Welt der sozialen Medien aus?

Nee. Ich kann meine Mails abrufen und meine Bankgeschäfte erledigen. In den sozialen Medien bin ich nicht aktiv. Ich will das nicht, ich habe da keine Lust drauf. Das sollen die Jungen machen. Für mich ist es schade um die Zeit. Da schaue ich lieber aufs Meer oder in den Wald. Ich gehe wahnsinnig gern Pilze sammeln.

Blicken Sie optimistisch in die Zukunft, wenn Sie, wie angesprochen, die jungen Schauspieler sehen?

Das ist eine andere Geschichte. Die Jungen haben ja nichts zu sagen. Schauen Sie sich nur den Brexit an. Uralte Tattergreise glauben, sie könnten das viktorianische Zeitalter irgendwie zurückgewinnen. Deshalb rauben sie mit ihren blöden Stimmen den Jungen ihre Zukunft, obwohl sie sich selbst die Kartoffeln bald von unten anschauen. Ich finde das schrecklich! Die Alten klauen den Jungen die Zukunft, sowohl was die Umwelt als auch ein geeintes Europa betrifft. Ich meine gar nicht die Nationalstaaten. Natürlich identifizieren sich die Menschen stärker mit der Gegend, aus der sie stammen, als mit dem Großen und Ganzen. Aber diese Kulturleistung muss man einfach verlangen: Man kann sich für Europa und gleichzeitig für die Heimat begeistern. Das ist kein Widerspruch. Leider wird viel zu wenig getan, um den Menschen Europa zu vermitteln.


Peter Simonischek

Am 6. August 1946 kam Peter Maria Simonischek im österreichischen Graz zur Welt. Bereits während seiner Zeit auf dem Gymnasium wirkte der Zahnarztsohn am Schülertheater mit. Trotzdem beschritt er beruflich zunächst andere Wege, er studierte Architektur und begann eine Lehre als Zahntechniker, wohl als Zugeständnis zum Vater. Am Ende setzte sich der Ruf der Bühne durch und Simonischek trat ein Studium an der "Akademie für Musik und darstellende Kunst" in Graz an.

Stationen des jungen Absolventen waren unter anderem das Schauspielhaus in Düsseldorf, die Berliner Schaubühne und schließlich das Wiener Burgtheater. Seit 20 Jahren ist der Künstler Ensemblemitglied der renommierten Spielstätte, seit dem vorigen Jahr als Ehrenmitglied. Regelmäßig steht Simonischek auch für TV- und Kinoproduktionen vor der Kamera, Beispiele sind "Ludwig II." (2012), "Das Sacher" (2016) und "Kursk" (2018).

Seinen größten Erfolg feierte der vielfach ausgezeichnete Darsteller im Jahre 2016: Als Titelheld der Komödie "Toni Erdmann" brillierte er als Musiklehrer Winfried Conradi und dessen Alter Ego, das in schräger Verkleidung seiner Tochter nach und nach dazu verhilft, die schönen Dinge des Lebens zu sehen. Maren Ades Werk lief im Wettbewerb von Cannes, räumte beim Europäischen Filmpreis ab und wurde schließlich auch für einen Oscar als "Bester fremdsprachiger Film" nominiert, ging allerdings leer aus.

Mit der Schauspielerin Charlotte Schwab war Simonischek verheiratet, der gemeinsame Sohn Max ist ebenfalls Schauspieler. Seit 30 Jahren ist der heute 73-Jährige mit Kollegin Brigitte Karner liiert, die Beziehung führte zu zwei weiteren Söhnen.

Die Prämisse des neuen Kinofilms "Crescendo #makemusicnotwar", in dem Simonischek die Hauptrolle spielt, ist nicht aus der Luft gegriffen. Vor 20 Jahren gründeten der Dirigent Daniel Barenboim, der Literaturkritiker Edward Said und der Kulturmanager Bernd Kauffmann das "West-Eastern Divan Orchestra", welches sich paritätisch aus israelischen und arabischen Musikern zusammensetzt. Bei seinen Auftritten auf der ganzen Welt propagiert das Ensemble eine unblutige Lösung des Nahostkonflikts. (aws)

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