Von "Kartoffeln" und "Schlitzaugen": Wie ein Freie-Presse-Redakteur Alltagsrassismus erlebte

Nach #MeToo folgt #MeTwo. Ging es beim ersten Hashtag darum, Frauen zu ermutigen, von sexueller Gewalt und Belästigung zu berichten, steht jetzt Alltagsrassismus im Fokus. So schreiben unter anderem Deutsche mit Migrationshintergrund von ihren Erfahrungen. "Freie Presse"-Redakteur David Hagenbäumer kennt das Thema gut. Eine persönliche Betrachtung.

Chemnitz.

Ein neuer Kampf um die Meinungshoheit ist im vollen Gange. Es geht um Alltagsrassismus, um persönliche Erfahrungen und auch ein Stück weit um den Rücktritt von Mesut Özil aus der deutschen Fußballnationalmannschaft. Betroffene Menschen schildern beim Kurznachrichtendienst "Twitter" ihre Erfahrungen mit Rassismus unter dem Schlagwort #MeTwo, das so viel heißt wie "IchZwei" und bedeutet, dass ein Mensch mehrere Heimat-Identitäten haben kann. Nun gibt es erwartungsgemäß Gegenstimmen zu #MeTwo, die den geschilderten Alltagsrassismus verharmlosen, verhöhnen, rechtfertigen. Viele dieser Stimmen geben Menschen mit Migrationshintergrund eine Mitschuld.

Dabei ist diese Abwehrhaltung unangebracht. Es geht bei der #MeTwo-Debatte nicht darum, Deutschland pauschal Rassismus zu vorzuwerfen. Vielmehr bietet diese vom Gießener Studenten Ali Can ins Leben gerufene Aktion Menschen mit Migrationshintergrund die Möglichkeit, ihre Erfahrungen mit anderen zu teilen, sie nicht länger unkommentiert "herunterschlucken" zu müssen. Die Botschaft an die "weiße Mehrheitsgesellschaft" könnte lauten: "Wir gehören immer dazu und nicht erst dann, wenn es Euch in den Kram passt."

In den meisten Fällen scheint es diese Mehrheitsgesellschaft zu sein, die bestimmt, wer deutsch und wer Migrant, wer Ausländer ist. Diese Mehrheitsgesellschaft schlicht als Gruppe von "Weißen" zu definieren, führt in die Irre. Begriffe wie "Bio-Deutsche" oder gar "Kartoffeln" zu verwenden, ist unfair. Und doch spielt diese Gruppe in den meisten rassistischen Erfahrungen die Hauptrolle - auch in meinen.

Ich wurde in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul geboren, kam im Säuglingsalter als Adoptivkind nach Deutschland. Meine Erinnerungen an mein Geburtsland: null. Stattdessen wuchs ich gut behütet in der niedersächsischen Provinz mit Heimatfilmen, deutschen Volksliedern und Schützenfesten zwischen Bauernhöfen auf.

Den Hinweis, nicht einwandfrei als Teil dieses Landes anerkannt zu werden, gaben mir fremde Menschen auf der Straße und meine Mitschüler, als ich auf die Realschule wechselte. Von Kindheit an sprachen mich Personen im Vorbeigehen an, wo ich denn herkomme. Bis heute beantworte ich diese Frage mit meiner niedersächsischen Heimat. Darauf folgt regelmäßig die nächste Frage: "Und wo kommen Sie wirklich her?" Ist die erste Frage freundlich gestellt, wird der Ton bei der zweiten bohrender. Nenne ich meinen Geburtsort, kann ich die Erleichterung im Gesicht meines Gegenübers ablesen. In der Regel folgt als Verabschiedung ein Satz wie: "Dafür sprechen Sie aber gut Deutsch." Nun weiß mein Gegenüber alles, was er über mich wissen muss. Ein Leben, heruntergebrochen auf mein exotisches Aussehen.

Noch prägender waren für mich die Hänseleien anderer Kinder. Für sie war ich der Chinese, der Japaner oder "Japse". Altersgenossen fuchtelten mit vermeintlichen Karate-Bewegungen vor meinem Gesicht herum, äfften die chinesische oder japanische Sprache inklusive alberner Verbeugung nach oder machten Schlitzaugen. Das passiert mir bis heute. Bis heute reagiere ich allergisch darauf, wenn Menschen in meiner Gegenwart über vermeintliche Chinesen oder japanische Touristen herziehen, in dem Wissen, dass asiatisch aussehende Menschen oft wahllos in einen Topf geworfen werden. Wenn der deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger (CDU) in einer Rede in Hamburg Chinesen als "Schlitzaugen" bezeichnet, fühle ich mich angesprochen, obwohl ich gar nicht gemeint bin. Wer die Wortwahl Oettingers verteidigen will, kann meine Reaktion überempfindlich nennen. Man kann aber auch versuchen, sich vorzustellen, wie es ist, im Alltag regelmäßig fälschlicherweise als Chinese bezeichnet zu werden. Negativer Höhepunkt ist für mich aber das Wort "Fidschi", das zu DDR-Zeiten als Sammelbegriff für vietnamesische Gastarbeiter benutzt wurde. Und heute wird der Name der kleinen Inselgruppe im Südpazifik als Synonym für die Bevölkerung Asiens - rund vier Milliarden Menschen - verwendet.

Über diese Erlebnisse zu sprechen, erfordert von jedem Betroffenen Überwindung. #MeTwo ist kein Gerichtsprozess, viele Betroffene sehen sich nicht als Kläger. Sie wollen die Menschen sensibilisieren für das Problem, dass Rassismus nicht immer in der braunen Gestalt daherkommt. Oft ist Rassismus auch nur die vermeintlich harmlose Wiedergabe von Vorurteilen. Rassismus arbeitet sich an Oberflächlichkeiten ab, wie am Aussehen oder am Namen. Er zieht eine sprachliche Grenze, diskriminiert eine Gruppe von Menschen von einer anderen anhand oft unbedeutender Merkmale. Dies geschieht bewusst und unbewusst, verfestigt sich in den Köpfen der Menschen und beeinflusst so Gesellschaftsdebatten. Insoweit hat Alltagsrassismus auch nur bedingt etwas mit der Integrationsdebatte zu tun. Rassismus hat keinen Respekt vor der Integrations- und Lebensleistung betroffener Menschen. Es kommt nicht darauf an, ob er oder sie in diesem Land aufgewachsen ist, hier lebt, liebt und arbeitet.

An diesem Punkt kann man auf den Ausgangspunkt von #MeTwo zurückkommen, auf Mesut Özil. 2010 lief der damals 21-jährige Kicker im Trikot der deutschen Nationalelf gegen das Heimatland seiner Eltern, die Türkei, auf. Dafür pfiffen ihn die türkischen Fans gnadenlos aus. Viele verstanden nicht, wie der in Gelsenkirchen geborene Mittelfeldspieler sich für Deutschland entscheiden konnte. Für sie spielten der deutsche Pass sowie Özils Kindheit und Jugend im Ruhrgebiet offenbar keine Rolle, nur seine türkischen Wurzeln. Auch das sollte Teil einer ehrlichen #MeTwo-Debatte sein.

Der Autor

David Hagenbäumer wurde 1986 in Seoul in Südkorea geboren. Er wuchs im Landkreis Osnabrück auf, studierte Kommunikationsmanagement in Lingen und ging nach Leipzig, wo er zuletzt als Online-Redakteur für das Nachrichtenportal TAG24 arbeitete. Seit Juni ist er Redakteur in der Lokalredaktion Zwickau der "Freien Presse".

Bewertung des Artikels: Ø 3.9 Sterne bei 10 Bewertungen
6Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 7
    2
    HHCL
    07.08.2018

    @Freigeist: Es geht gar nicht darum, wie man sich nun in meinem speziellen Beispiel verhalten soll, sondern nur darum, dass ähnlich unschönes Verhalten in den Medien nur relevant ist, wenn es eine bestimmte Gruppe betrifft.

  • 5
    4
    Freigeist14
    07.08.2018

    HHCL@ wir sollten da gelassener sein. Selbst wenn ein Uni-Forscher oder exzellenter Musiker im TV in sächsischer Färbung spricht,kann sich der angeblich hochdeutsch artikulierende Westeingeborene erhaben fühlen und sich amüsieren. Schenken wir ihnen diese Illusion.

  • 2
    6
    Interessierte
    07.08.2018

    Da sind zwei sehr interessante Kommentare vor mir , die haben alles auf den Punkt gebracht , und ich glaube ( obwohl wir Ostdeutschen ja` keine Ausländer kannten ) , wir waren sehr viel toleranter als die Westdeutschen und weltoffener und somit gebildeter ...
    Aber wenn eben ein Westdeutscher kommt und behauptet , wir Ostler sind weltfremd , dann glauben das alle , wie von den Herren Zick oder Pfeiffer ....

    Aber was diesen Autor betrifft , man sieht eben nun einmal zuerst die Hautfarbe und den Typ ; und jeder Mensch wird sicherlich in jedem Land , in dem er als fremd erscheint , gefragt , woher er kommt / abstammt ...
    Mich würde man sicherlich auch bei den Vietnamesen oder in Afrika fragen , woher aus dem Norden ich komme , aus D oder NL oder Dänemark oder Schweden komme , da ist ja an sich nichts schlimmes dabei ...

  • 1
    9
    Interessierte
    07.08.2018

    HCL , wir Sachsen bzw. Ostdeutschen werden doch schon immer diskriminiert vom Westen , das war schon vor der Wende so , damals noch vorwiegend ggü. der Regierung , und jetzt gibt es die nicht mehr , da sind wir ostdeutschen Bürger dran , also die hier gebliebenen roten Socken ...
    Und da das auch von oben und von den Medien kommt , interessiert das auch niemanden , wenn dass dann auch von den westdeutschen Bürgern kommt , das fängt doch schon an , wenn die dich ansprechen und wenn du dann antwortest , dass die sich auf der Stelle wegdrehen ...
    Das mache ich aber bei den Schwaben zwischenzeitlich auch , weil ich die eh nicht verstehe und mich somit auch nicht bemühen will , deren Geschwätz zuzuhören ...
    Aber wir wissen ja` nun , das die Wessis die besseren Menschen sind und alles , was anders denkt und handelt und regiert , heruntergeputzt wird ; und nachdem es nun die DDR nicht mehr gibt , macht man das mit den anderen Ländern , welche sich nun zusammenschließen - und D ist bald ganz allein zuhaus ...

  • 16
    9
    UK13
    07.08.2018

    Bei meinen Reisen durch die asiatische Welt wurde wurde ich nicht nur einmal als Langnase bezeichnet.Ich habe dies nie als Beleidigung betrachtet.In Kiew war ich der Faschist und in Dubai wurde ich im Taxi mit "Heil Hitler" begrüßt.Das Wort "Fidschi"war umgangssprachlich zu DDR Zeiten allgegenwärtig und im Sozialismus nie problematisch. Ein Hotel in Chemnitz diente als Herberge für ungarische Gastarbeiter und wurde als Paprikaturm bezeichnet.Das alles als Alltagsrassismus zu bezeichnen ist inflationär und erschöpft sich je mehr man solche Themen zu Debatten hochstilisiert.

  • 19
    7
    HHCL
    07.08.2018

    Und jetzt bitte noch einen Artikel über einen Sachsen mit deutlichem Dialekt in Westdeutschland. Der erlebt genau das gleiche; es interessiert aber keinen.

    Das Thema wird viel zu einseitig betrachtet. Es geht hier auch eigentlich nicht um Rassismus, sondern um Fremdenfeindlichkeit, die eben auch ein Sachse erlebt, der in Köln fremd ist.

    Solange man Witze über Sachsen und die generelle Gleichsetzung von Sachsen mit Nazis für akzeptabel hält und sogar im Öffentlich-rechtlichen Rundfunk als "Spaß" versendet; solange wird man auch keinen vernünftigen vorurteilsarmen Umgang mit Migranten erreichen. Man kommt ganz schnell in Erklärungsnot, wenn "nur" Fremdenfeindlichkeit gegen Migranten sanktioniert wird; innerdeutsch aber immer mit: "Hab dich nicht so, ist doch nur Spaß!" abgetan wird.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...