Wahrer der Flamme

Nach der Selbstauflösung des Bauhauses unter dem Druck der Nazis 1933 lagen die Ideen des Bauhauses in Deutschland praktisch zwölf Jahre auf Eis. Aber wie ging es danach in den beiden deutschen Staaten weiter? Eine Bestandsaufnahme.

Die sowjetische Besatzungszone Deutschlands hätte nach dem Zweiten Weltkrieg aus vielen Gründen idealer Nährboden für die Verwirklichung von Ideen des Bauhauses sein können, ja, sein müssen: Ein Land am Boden. Städte verwüstet. Infrastruktur zerrüttet. Bedarf an Dingen, mit denen der Mensch sein Leben als Mensch einrichtet, praktisch unbegrenzt. Zudem trat hier ein Gemeinwesen mit dem Anspruch an, nach dem epochalen Desaster, in das die Nazis die halbe Welt gestürzt hatten, neue Wege zu gehen. Andere als die, die Deutschland ins Verderben geführt hatten. Neue Politik. Neues Eigentum. Neues Lernen. Neues Wirtschaften.

"Rein theoretisch war das Bauhaus genau das, was das junge Ostdeutschland der Nachkriegszeit damals dringend brauchte: Die Grundsätze der internationalen Moderne sowie viele Bestandteile der Bauhausphilosophie eigneten sich perfekt als Theorie für den im großen Maßstab notwendigen Wiederaufbau, und das in einer Form, die im Hinblick auf die folgenden Jahrzehnte nachhaltig sein würde", heißt es dazu im Blog der Leipziger Online-Designplattform Smow. Und ja, war nicht Walter Gropius bei seinem Besuch 1947 in Berlin auch im Ostsektor fast wie ein Messias empfangen worden? Die Presse berichtete ausführlich und euphorisch über seine Ideen zum Wiederaufbau, er durfte für sein modulares Konstruktionssystem werben, das er mit Konrad Wachsmann in den USA entwickelt hatte. Gropius sah es als perfekt geeignet für die damaligen Probleme Deutschlands an.

Die Wahrer der Flamme hätten also im Osten sitzen müssen. Zu diesem Zeitpunkt formierte sich jedoch, ausgehend von der Sowjetunion, eine Kunstdebatte in Ostdeutschland, die das Dekorativ-Gegenständliche den "formalen" Tendenzen vorzog. "Formalismus" hieß die Verbalkeule, die alle künstlerischen und gestalterischen Strömungen diskreditierte, die vermeintlich, wie es 1951 im ZK der SED hieß, "an den wahren Bedürfnissen der Werktätigen vorbei" gingen. Im Herbst 1951, ausgerechnet als das 25-jährige Eröffnungsjubiläum des Dessauer Bauhausgebäudes angestanden hätte, nannte SED-Chef Walter Ulbricht vor der Volkskammer den "Bauhausstil" eine "volksfeindliche Erscheinung".

DDR-Designer Rudolf Horn, später Schöpfer des funktionalistischen Hellerauer Möbelprogramms Deutsche Werkstätten, erinnert sich an seine Studienzeit: "Es ging um die Arbeiter, die neue Klasse, die jetzt an der Macht war. Für die Arbeiter sollte etwas Neues entwickelt werden. Ihnen sollte so deutlich gemacht werden, wie wichtig sie waren. Da dachte man vor allem an reich dekorierte Möbel, und nicht an einfache Kisten." - Dasselbe, siehe die Berliner Stalinallee, galt für Behausungen der neuen herrschenden Klasse. Wobei zumindest bei Möbeln dem Wunsch nach mehr Zierrat die sozialistischen Produktionsbedingungen entgegenstanden: Mit industrieller Produktion vertrug sich derlei Gedöns einfach nicht.

Um so größer wirkt die Ironie des Schicksals, dass, als mit Stalins Tod 1953 zumindest die kulturpolitischen Prinzipien langsam aufgeweicht wurden und unter Nikita Chruschtschow in der UdSSR das industrialisierte, schmucklose Bauen boomte, das Schaffen von Wohnraum auch in der DDR nach einigen Jahren Vorbereitung mehr und mehr auf Basis von Fertigelementen erfolgte, die montiert - Kisten ergaben. Und das ausgehend von den Worten des selben Walter Ulbricht, der nun 1955 auf der Baukonferenz der DDR die Forderung Chruschtschows von 1954 übernommen hatte, "besser, schneller und billiger" zu bauen.

Bis zur offiziellen Vollrehabilitation sollte es noch 22 Jahre dauern. Zur Wiedereröffnung des restaurierten Dessauer Bauhauses 1976 zum 50-jährigen Jubiläum sagte Karl-Albert Fuchs, Rektor der Hochschule für Architektur und Bauwesen: "Wir sind sicher, dass dieses Erbe in zunehmendem Maße eine Rolle bei der Lösung der schönen und anspruchsvollen Aufgaben spielen wird, wie sie vor den Städtebauern, Architekten und Formgestaltern unserer Republik stehen."

Inoffiziell waren da zu diesem Zeitpunkt zumindest die Formgestalter längst an der Arbeit. Denn wie so oft im real existierenden Sozialismus war die Theorie, das politische Postulat, das Eine, die Praxis aber etwas ganz Anderes. Das dokumentiert derzeit die Sonderausstellung "Alltag formen! Bauhaus-Moderne in der DDR" im Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR in Eisenhüttenstadt. Bereits zu Zeiten des noch intakten Bauhauses gab es diverse Verbindungen in die Industrie und zu anderen Kunsthochschulen, deren Folgen über die Existenz des Bauhauses hinaus Bestand hatten. So waren bereits im Zuge des mit einer konzeptionellen Neuausrichtung des Bauhauses verbundenen Umzugs nach Dessau viele Bauhäusler an die Burg Giebichenstein in Halle (Saale) gewechselt. Als diese schließlich nach dem Krieg den Betrieb wieder aufnahm, knüpfte sie an alte Traditionen an und etablierte sich ab 1958 unter dem am Bauhaus ausgebildeten Walter Funkat als eine der einflussreichsten Ausbildungsstätten für Industriedesigner und Künstler in der DDR. Und das nicht nur hinsichtlich ästhetischer Konzepte. So wurde beispielsweise das als Grundidee im Bauhaus entstandene "offene Prinzip" propagiert, das den Austausch einzelner Komponenten eines technischen Geräts oder Fahrzeugs im Reparaturfall zuließ - und den Ersatz durch später entstehende, höher entwickelte Baugruppen. Ein wichtiger Aspekt der Ausbildung an der Burg, propagiert unter anderem vom Fahrzeugbau-Formgestalter Karl Clauss Dietel, zum Beispiel beim Bau motorisierter Zweiräder wie des Simson Mokick S 50. Dietel sprach von "lebendigem Funktionalismus", in dessen Zentrum "die großen fünf L" stehen sollten: Neben Langlebigkeit als oberster Prämisse Lebensfreundlichkeit im Sinne ökologisch verantwortlicher Produktion, Distribution und Nutzung, als weitere Eigenschaften erzänzt durch leicht, leise und "lütt", klein also.

Wer die Exponate der Ausstellung betrachtet, dem fällt überall der Gedanke von Nachhaltigkeit ins Auge. Im Sinne von robust, reparaturfreundlich, rationell im Verbrauch von Ressourcen - inklusive Platz. Und ja, auch zeitlose Formen, die nie aus der Mode kommen, derer man nicht überdrüssig wird, sind dabei im besten Sinne nachhaltig. Ob die 1959 kreierten Meladur-Schüsseln nach dem Entwurf von Albert Krause, die fast unzerbrechlichen Superfest-Gläser aus Schwepnitz, an deren Fortentwicklung eines 1973 entstandenen Grundentwurfs von Margarete Jahny 1980 Paul Bittner, Fritz Keuchel und Thilo Poitz teilhatten. Der stapelbare Stahlrohrstuhl, der wenig mit dem zu tun hatte, was Ulbricht als Sitzmöbel für seine herrschende Klasse vorschwebte.

Naturgemäß verlief die Wirkungsgeschichte des Bauhauses in einer pluralistischen Gesellschaft wie der der Bundesrepublik geradliniger, ohne misstönende kulturideologische Begleitmusik. Im Gegenteil: 1953 wurde auf Initiative des Bundestages der unabhängige Rat für Formgebung gegründet. Auftrag seither: die deutsche Wirtschaft im Design als Wirtschafts- und Kulturfaktor zu unterstützen, etwa in der Organisation von Ausstellungen, Wettbewerben, Konferenzen, Publikationen und strategischen Beratungen. Im selben Jahr nahm als wichtigste schulische Einrichtung ihrer Art in Ulm die Hochschule für Gestaltung (HfG) ihren Betrieb auf - nach acht Jahren Vorbereitung unter Federführung des Schweizer Bauhausschülers Max Bill sowie des Bildhauers und Grafikdesigners Otl Aicher und seiner Frau Inge Aicher-Scholl, der älteren Schwester Sophie und Hans Scholls, zehn Jahre zuvor als Mitglieder der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" dem Justizmord der Nazis zum Opfer gefallen.

Inge Aicher-Scholl gründete die Geschwister-Scholl-Stiftung, die als Träger der HfG fungierte und Mittel unter anderem aus Deutschland, aus einem US-Fond für demokratische Erziehung der Deutschen und von der norwegischen Europahilfe einwarb. Ex-Bauhausmeister Josef Albers und dessen einstiger Vorkurslehrer in Weimar, Johannes Itten, waren ebenfalls unter den Lehrkräften. Zwar war auch die junge Bundesrepublik ein Terrain, auf dem viele Schulen miteinander stritten. Für eine damals dominante Strömung steht etwa der kleinbürgerlich-vulgäre Stil des "Gelsenkirchener Barock". Und doch entsprangen der 1968 aus finanziellen Gründen und als Folge langjähriger internen Streits über die pädagogische Ausrichtung wieder geschlossenen HfG zahlreiche für die Konsumkultur Westdeutschlands richtungsweisende Erscheinungen. So das legendäre Design der Produktlinien der Elektrogerätefirma Braun, deren erste Plattenspieler-Radio-Kombination, im Volksmund als "Schneewittchensarg" bezeichnet, Kultstatus erlangte - geschaffen vom HfG-Dozenten Hans Gugelot und Braun-Chefdesigner Dieter Rams. Gugelot war auch an der 1962er-Serie der U-Bahntriebwagen der Hamburger Hochbahn beteiligt - wie an deren Farbkonzept HfG-Mitgründer Otl Aicher. Unter anderem prägte Aicher auch die bis heute gängige Optik der Lufthansa vom Flugzeug über Schalter und Drucksachen bis zur Uniform. Durch seine Beteiligung etwa an der Gestaltung der Corporate Designs der deutschen Sparkassen, diverser anderer Banken, des Flughafens Frankfurt (Main) sowie des ZDF formte er das Bild der Bundesrepublik maßgeblich mit - und auch das der Olympischen Spiele 1972 in München, deren Sportarten-Piktogramme bis heute Teil der Ikonografie des 20. Jahrhunderts sind. Gefragt und bis heute gebaut werden auch die Wand- und Armbanduhren in minimalistischem Design, die Max Bill für das Traditionshaus Junghans gestaltete.

Bei all dem vergisst man zu leicht, dass sich unterhalb derlei aufragenden formgestalterischen Spitzen bis heute eine breite Ebene von Mittelmaß und schlechtem Geschmack erstreckt. Tapfer muss man feststellen, dass die das wahre unteilbare Deutschland ausmacht.

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