Was nicht passt, wird schöngeredet!

Dass "Tod eines Handlungsreisenden" im Staatsschauspiel Dresden ein Erfolg ist, liegt vor allem an der kaputten Hauptfigur.

Dresden.

Das Drama "Tod eines Handlungsreisenden" von Arthur Miller um eine sich auflösende Mittelschicht(sfamilie) ist seit der Uraufführung 1949 gern als Kapitalismuskritik gedeutet wurden. Die zentrale Figur des Stücks aber, Willy Loman, scheitert vor allem an sich selbst, an seiner Unfähigkeit, die Realität in seine Wahrnehmung eindringen zu lassen. Unbeirrbar hält er an den Verheißungen des American Dream fest. Genauer: Er hält fest an dem Glauben, dass diese Versprechungen ihn im Besonderen meinen, gleichsam Rechtscharakter trügen. Was dazu nicht passt, wird ignoriert, wird schöngeredet und zurecht gelogen. Daran zerbricht die gesamte Familie. Das Stück hatte am vergangenen Samstag im Staatsschauspiel Dresden Premiere.

Regisseur Michael Talke füllt den Raum zwischen American Dream und Willy Lomans Persönlichkeit aber mit - ja, womit eigentlich? In der Hauptsache erklärt die Inszenierung dem Zuschauer mit allerlei Kinkerlitzchen das, was er gerade sieht. Rückblenden, Halluzinationen und für die Figuren bedeutsame Momente werden durch Zeitlupenbewegung, Wiederholungen und Slapstickeinlagen als solche markiert. Wirklich, so deppert ist das Publikum nicht. Barbara Steiners plakatives Bühnenbild passt mit seiner Penetranz ganz gut dazu, wenngleich die Idee der kontinuierlichen Demontage und der übrig bleibenden Mühseligkeit - die Schauspieler steigen schließlich über die am Boden liegenden Gerüstfelder - eine gute Ergänzung des Textes wäre. "You create what you will" leuchtet und blinkt es enervierend vor sich hin.

Dass der Abend trotzdem ein Erfolg ist, verdankt die Inszenierung vor allem Torsten Ranft. Endlich, möchte man rufen, endlich hat Torsten Ranft die Rolle bekommen, die nur für ihn geschrieben zu sein scheint. Nein, man möchte es nicht rufen, man möchte es jubeln. Denn wenngleich eine großartige Leistung von Ranft als Handlungsreisenden zu erwarten gewesen ist, das war ganz einfach brillant. Ranfts Loman brennt vor unseren Augen aus, flackert auf, wehrt sich gegen die Dämonen seiner Vergangenheit, die ihn auch zu dem gemacht haben, was er ist und gegen die sich zu wehren er eben nicht versteht. Dieser Loman kämpft immer kleinlicher gegen die Zumutungen eines immer ärmer werdenden Alltags und kämpft bis zuletzt auch gegen sich selbst. Und gegen die Realität. Ranfts Stimme wird brüchig und wieder fest, sein Körper strafft sich unter den herbeifantasierten Erfolgen und schwindet angesichts der Erfolglosigkeit. Bis in die Fingerspitzen hinein ein Geschlagener, der sich nicht geschlagen geben will, der sich im Suizid noch in Selbsttäuschung ergeht. Torsten Ranft hebt die Räume zwischen Schauspieler, Text und Publikum auf - man sieht nicht Ranft den Loman spielen, Ranft verschmilzt mit der Figur und ist Willy Loman.

Dass die übrigen Darsteller nicht zu Stichwortgebern verkommen, ist auch Dramaturgin Katrin Breschke zu verdanken. Ihre klugen Eingriffe erhalten die Logik des Textes und schaffen den Figuren den notwendigen textuellen Raum, um auf der Bühne sinnvoll umgesetzt werden zu können. Während Loman sich unter den Leitsätzen der Marktwirtschaft selbst begräbt, ist es seine kapitalistische Internalisierung, die ihn vollständig scheitern und sein Leben verlieren lässt. Breschke hat auch das fein herausgearbeitet.

Wenngleich die Inszenierung keine neuen Erkenntnisse befördert, fordert sie doch überzeugend dazu auf, sich selbst zu bestimmen und sich im Verhältnis zur Gesellschaft immer wieder kritisch zu prüfen. Das ist Grund genug, ins Theater zu gehen.

Nächste Vorstellung am 29. März, 19.30 Uhr, im Staatsschauspiel Dresden. Kartentelefon: 0351-4913555.

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