Weckruf aus dem Winterschlaf

Während es die Natur noch an Farbe und Vielfalt fehlen lässt, zeigt die Galerie Borssenanger in Chemnitz schon "frische Ware", die Lust auf den Kunst-Frühling macht.

Chemnitz.

2019 wird ein Jahr der Wahlen - und damit womöglich auch der Qualen: Europawahl, Landtagswahl ... Wer sich darauf einstimmen will, kann in der Chemnitzer Galerie Borssenanger schon mal üben. Nicht nur, weil der Künstler Osmar Osten dort zwei alte Wahlurnen ausgestellt hat. Ready Mades, fertige Produkte, sind das in der Kunst - mit der man, wie mit der Demokratie, nie so recht fertig ist. Wählen kann man in der Galerie auch aus ungefähr 50 Kunstwerken von der Kleinplastik bis zum Großobjekt, das, ganz jahreszeitgemäß, "Die Angst vorm Abtauen" beschwört - eine skurrile Arbeit von Stefan Vogel, die das gefürchtete Tauwetter im Kühlschrank und vielleicht auch an den Gletschern angesichts der Klimaerwärmung an die Wand projiziert und mahnt: "Es ist die Angst die friert...".

Dann sendet Steffen Volmers "Welttheater" eine "Botschaft" aus, die sich hinter verblühtem Grünzeug versteckt wie die Botschaften, auf die man manchmal im Leben wartet, die aber hinter den schönsten Ausflüchten ausbleiben. Da haben es Katze und Maus des Illustratorenpaars Doppeldenk einfacher: Die rote Maus denkt an Käse, die bunte Katze an die Holzkiste, in der sie wieder verschwinden kann. Dann vielleicht doch lieber mit der Rolltreppe "In die Alpen", wie das Robert Reinhold gemalt hat. Oder in den "Forst", oder nach "Einsiedel", wofür Katja Lang in ihren Radierungen wirbt. Wenn es da auch nicht so schön bunt ist wie in den Aquarellen von Johannes Ulrich Kubiak. Und in der Welt von "Dreamy" und "Mono", den beiden Mädchen in den Ölmalereien von Katharina Baumgärtner. Für die ist noch alles offen, wenn sie es auch selbst nicht zu glauben scheinen. Könnte ja auch alles ein "Fatal Error" sein, der einer modelhaften Schönheit bei Robert Reinhold die Hälfte ihres Körpers nimmt. Ähnlich wie in den "Gesten" von Constantin Schroeder. Während es in "Asakusa" eher ums Ganze geht. So heißen die Aquarell-Pastelle von Chika Aruga und ein Tokioter Stadtteil, der für einen bedeutenden buddhistischen Tempel und einen Schrein berühmt ist, in dem die Männer verehrt werden, die den Tempel gebaut haben sollen. Dort wären vielleicht auch die "Tiere" lieber, die es in einem mittels Holzschnitt überdruckten Foto von Uta Zaumseil hinter einem Fenster aushalten müssen.

Das Bild strahlt eine verstörende Melancholie, eine Art ungläubiges, fast lähmendes Staunen aus, dem es offensichtlich nichts entgegenzusetzen gibt. Das ist durchaus kennzeichnend für einen Teil der gesamten Ausstellung, die Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern der Galerie Borssenanger und befreundeter Künstler zeigt. Es ist ein im besten Sinne bunter Gemischtwarenladen, ein Schaufenster der Gegenwartskunst und damit auch der Gegenwart selbst. Es ist eine Ausstellung, mit der sich die schon mehr oder weniger bunt blühenden Frühlingsblumen unter der schnell schmelzenden Schneedecke hervorwagen. Vielen der Bilder sieht man mitunter auch ein wenig das selbstverliebte, Inkonsequenzen zulassende, verspielte Experimentieren an. Es kommt aus einer Leichtigkeit des Seins, die nichtsdestotrotz manchmal unerträglich ist, auch deshalb zuweilen zu Ironie und Sarkasmus einlädt. Sie lässt es aber genau so zu, dass gerade in Zeiten der ersten und zweiten allgemeinen Verunsicherung, da die Probleme der Welt genauso wie einige ihrer Lösungen im Grunde bekannt sind, letztere aber ungenutzt bleiben, an die Schönheit und das Glück erinnert wird.Was mindestens genauso wichtig ist wie den Finger in die Wunden zu legen. Einige Künstlerinnen und Künstler bringen den Hintergrund verschiedener Länder - Japan, Neuseeland, Ungarn - mit, leben aber zumeist in Deutschland, was regionale Unterschiede mitunter zurücktreten lässt, ohne dass die Ausstellung an Vielfalt der Techniken und Handschriften einbüßt. Es ist eine Ausstellung, die Lust auf den Frühling macht.

Die Ausstellung "Wintersalon - Frische Arbeiten" ist in der Galerie Borssenanger in Chemnitz, Straße der Nationen 2 - 4, noch bis 8. März zu sehen. Geöffnet ist dienstags bis freitags 14 bis 18 Uhr, samstags 11 bis 15 Uhr und nach Vereinbarung.

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