Westmusik im Ostradio und andere Abenteuer

Der DT64-Musikchef Wolfgang Martin legt seine berufliche Biografie vor

Chemnitz.

Wolfgang Martin ist seit 2018 im Ruhestand und verlegt sich nun ganz auf das Schreiben. 2019 legte er eine Holger-Biege-Biografie vor und jüngst das Buch "Wie die Westmusik ins Ostradio kam". Der Mann muss es wissen, arbeitete er doch ab 1975 bei "Stimme der DDR" und ab 1986 als Leiter der Musikredaktion von "DT64". Dennoch ist der Titel etwas irreführend, denn für das angekündigte Thema finden sich im 240 Seiten starken Buch nur wenige Seiten. Zudem geht es im eigentlichen Sinne nicht um "Westmusik", sondern generell um Beat- und Rock.

Nach dem Mauerbau nutzte das 1964 anlässlich eines deutsch-deutschen Jugendtreffens gegründete Jugendstudio "DT64" (steht für "Deutschlandtreffen 1964") eine kurze Phase der Liberalisierung und spielte neben Frank Schöbel auch die Beatles und die Stones. Mit den Weltfestspielen 1973 in Ostberlin wurden die Zügel erneut deutlich gelockert. Es entstanden Freiräume, die durch das Jugendstudio und ein ähnliches Format bei "Stimme der DDR" genutzt wurden. Die Beschaffung der Westmusik geriet freilich oft zum Abenteuer: Martin beschreibt anschaulich, wie er und seine Kollegen Westmusik beschafften. Sie ließen sich durch Großeltern die begehrte Ware mitbringen, waren an Schmuggelaktionen beteiligt, manchmal wurden DDR-Bürger mit Pass einfach auch zur Einkaufstour in Westberliner Plattenläden geschickt. Dann wurden die Platten "umgeschrieben" - heißt, sie wurden auf Tapes aufgenommen und gelangten so ins Musikarchiv des DDR-Rundfunks. Auch der "Klassenfeind" half: Martin freundete sich mit Rias-Redakteur Olaf Leitner an, der sich sehr für DDR-Rock interessierte, was eine ideale Basis für Tauschgeschäfte darstellte.

Überhaupt zeigte sich Martin, dessen Buch einer beruflichen Biografie gleichkommt, außerordentlich vernetzt. Er pflegte Kontakte nach Budapest, Prag und Kopenhagen. Er kam in Berlin mit vielen westlichen Musikern und Musikerinnen ins Gespräch, und in der Nachschau ist es schon erstaunlich, wie gut "besucht" die DDR-Hauptstadt trotz Mauer dann doch war. Martin hat enzyklopädisches Wissen über die internationale Rock- und Popszene. Hier schweift er gelegentlich ab, was den Lesefluss stört. Zum Verklären neigt er indes nicht: Die ideologischen Grabenkämpfe innerhalb von DT64 spart er nicht aus. In den 80er-Jahren erhielt der Sender eigene Frequenzen und wurde zum Vollprogramm ausgebaut. Dabei stach er mit der Besetzung von musikalischen Nischen hervor. So war DT64 mit der Sendung "Tendenz von Hard bis Heavy" einer der wenigen Sender im deutschsprachigen Raum, der damals Metal spielte.

Nach der Abwicklung von DT 64 nach dem Mauerfall ging Martin mit anderen Mitstreitern wie Jürgen König, Olaf Zimmermann oder Marion Brasch zum RBB-Vorläufer ORB und sind heute noch bei "Radio 1" auf Sendung.

Das Buch WolfgangMartin: "Wie die Westmusik ins Ostradio kam", Bild und Heimat, 272 Seiten,

19,99 Euro.

30 Tage für 20,99€ 0€ testen
Testen Sie die digitale Freie Presse unverbindlich.
Erhalten Sie Zugriff auf alle Inhalte auf freiepresse.de
(inkl. FP+ und E-Paper). (endet automatisch)
 
30 Tage für 20,99€ 0€ testen
Zugriff auf alle Inhalte auf freiepresse.de und E-Paper. (endet automatisch)
Jetzt 0€ statt 20,99 €
33 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    0
    Freigeist14
    20.01.2021

    Zappi@ offensichtlich haben Sie keine Vorstellung von Recherche / Satz / Repro /Papier-u. Druckkosten . Selbst Ihre Bücher im Regal , die nicht von der "Kommunistenzeit" handeln , kosten erheblich mehr .

  • 0
    7
    Zappi
    20.01.2021

    Ich glaube nicht dass das Buch auch nur einen Euro wert ist. Man muß diese Kommunistenzeit nicht noch publizieren.

  • 4
    1
    Freigeist14
    20.01.2021

    DT64 wurde nicht nach "dem Mauerfall " abgewickelt sondern nach dem Beitritt der DDR .Noch im Sommer `90 brachte der Sender die damals spektakulären `Top 2000 D `: Mehre Tage Nonstop wurden die beliebtesten 2000 Hits der BRD und DDR gespielt . Damals war die Hoffnung auf eine Zukunft im vereinigten Deutschland noch ungetrübt . Mit den neuen Herren um Rudolf Mühlfenzl wurden alle Wünsche nach einem überregionalen Radio zerstört . In Brandenburg lebte mit Radio Fritz der Geist weiter ,während Radio Sputnik im MDR-Sendegebiet ein Schattendasein fristen musste .