Wie sich die Verunsicherung fröhlich-kritisch zu Grabe trägt

Mit ungebremster Spiel- und Verkleidungslust hat die Erste Allgemeine Verunsicherung in Zwickau bei ihren Fans gepunktet. Zum letzten Mal?

Zwickau.

Das Areal der Freilichtbühne am Schwanenteich knackevoll, Stimmung, Ambiente und Wetter fantastisch - einen würdigeren Abgang als am Freitagabend in Zwickau konnte sich die Erste Allgemeine Verunsicherung, die ihren Durchbruch 1985 mit dem Lied "Banküberfall" schaffte, wahrlich nicht wünschen. 2010 feierten in der Zwickauer Stadthalle lediglich 1100 Zuschauer die österreichische Band auf ihrer Tour. Jetzt waren es fast drei Mal so viele, die zur Abschiedstour "1000 Jahre EAV - Alles ist erlaubt" kamen. Und es war mutmaßlich so heiß wie in Palermo, als die 3000 Fans jetzt in Zwickau "Heiße Nächte in Palermo" zusammen mit der EAV sangen.

Zuvor stieg der Frontmann der Band, Klaus Eberhartinger, aus dem Sarg, in dem er auf die Bühne getragen worden war. In der Friedhofskulisse erklärte der 69-Jährige: "Wir tragen die EAV zu Grabe. Doch wir werden solange keine Ruhe geben, bevor wir nicht alle unsere Hits gespielt haben." Dafür musste sich die Band sputen. Denn wofür in anderen Spielstätten zweieinhalb Stunden Zeit war, musste auf der Freilichtbühne in zwei Stunden absolviert werden. "Wir dürfen nicht länger spielen", entschuldigte sich Eberhartinger. Der Grund: Lärmschutz. Doch bevor sich die Band 22 Uhr würdevoll verabschiedete, erlebte das Publikum ein Feuerwerk aus ungebremster Spiel- und Verkleidungslust, das von den bestens aufgelegten Musikern abgefeuert wurde. Bei "Ba-Ba-Banküberfall" jagten sich Räuber und Polizist, "Samurai" wurde stilgerecht in gelben Kimonos zelebriert und bei "God Bless America" trug Eberhartinger einen blauen Sternchenfrack und einen rot-gestreiften Zylinder. Den Gleichaltrigen, die am Freitag keineswegs in Überzahl waren, empfahl der 69-Jährige: "In unserem Alter sollte man ab und zu mit der einen Hand im Blumentopf schlafen, damit wir uns an die Erde gewöhnen."

Das Programm war bestens inszeniert, durchkomponiert und choreografiert. Eberhartingers sarkastisch- scharfzüngige Ansagen waren ein Genuss. Eine seiner Zielpersonen: Donald Trump. Im Vergleich zu ihm sei der US-Präsident George W. Bush ein Che Guevara gewesen. Trump scheue keinen Scheinwerfer, kein Blitzlicht und auch kein Zwielicht als Besitzer der einzigen Wahrheit, von der er meist mehrere Versionen habe. Dieser "Horror-Clown am roten Knopf samt seiner Frisur, die zeigt, wie das Stroh aus seinem Schädel wächst. Und jetzt haben ihn die Briten auch noch geklont."

Er schlug auch leisere Töne an, wenn er über die 70 Millionen Menschen, davon 30 Millionen Kinder, sprach, die auf der Flucht sind und ihr Leben riskieren - und von unserem Glück, hier geboren zu sein, wo es seit über 70 Jahren keinen Krieg und Genozid mehr gibt. Religiöse Verfolgungen prangerte er genauso an wie sexuelle und rechte Überfälle. "Herr Gott, es geschehe dein Wille, aber manchmal glaub ich, du brauchst eine Brille", sang er mit der Band. Nach den ersten Themen lud Eberhartinger auch zu einem Ausflug in die "romantische Welt" ein und strippte zum Song "Only you".

Der Kreis schloss sich, als er in einen Sarg stieg und von der Bühne getragen wurde. Allerdings: Bis zur Rückkehr dauerte es nicht lange. Da sang er noch "Küss die Hand", es folgten "Kerkermeister", "Fata Morgana" und "Kobra". Geküsst wurde er übrigens von Bandgründer und einzigem EAV-Urgestein Thomas Spitzer -verkleidet als Frosch beim Lied "Märchenprinz". Eberhartinger war erst 1981 zur EAV gestoßen. Spitzer ist Sänger, Gitarrist, Kopf der Band und Autor fast aller Songs. Mit der EAV-Hymne "Morgen" verabschiedete sich die gesamte Crew von Zwickau. Und die 3000 mitsingenden, teilweise tanzenden Fans hofften vermutlich, dass der Abschied kein endgültiger sein wird.

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