Wie Silly nach dem Ausstieg von Anna Loos neu anfängt

Uwe Hassbecker und Richie Barton sprechen im Interview über Solo-Sängerinnen, analoge Musikproduktion, das Digitalzeitalter und ihr Prinzip der Veränderung.

Die Berliner Band Silly muss plötzlich ohne ihre bisherige Sängerin auf Tournee gehen: Die hatte sich überraschend dafür entschieden, lieber das Soloalbum "Werkzeugkasten" zu veröffentlichen. Wie geht die Traditionsband, die mit der Tour ihr Erbe auffrischen will, damit um? Tim Hofmann hat darüber mit Gitarrist Uwe Hassbecker und Keyboarder Rüdiger "Richie" Barton gesprochen.

Freie Presse: Die kommende Tour ohne Anna Loos heißt "Analog". Was soll das heißen?

Uwe Hassbecker: "Analog" ist für uns ein Synonym wie etwa der Begriff "unplugged". Wir stellen die alten Sachen wieder mehr in den Vordergrund, und die sind nun mal analog entstanden. Da gibt es keine Doppeldeutigkeit.

Richie Barton: Ganz am Anfang haben wir an eine reine Unplugged-Tour gedacht, weil es Sitzkonzerte sind. Das hat sich etwas geändert - jetzt ist das Konzept, vorrangig Songs der alten Alben in den originalen Arrangements zu spielen. Im Grunde wollten wir es schon nicht mehr "Unplugged" nennen, als es noch unplugged geplant war. Da kamen wir auf die Idee das ganze "Analog" zu nennen. Alles andere ist von außen dazuerfunden worden!

Gerade die alten Silly-Alben stehen aber doch für einen sehr digitalen Sound ...

Barton: Was, wieso denn das?

Hassbecker: Die sind doch alle auf Vinyl veröffentlicht worden? "Februar" war das erste Silly-Album, das überhaupt auf CD rauskam!

Barton: Die Produktion war aber auch da analog, damals gab es noch richtige Bandmaschinen und vor allem analoge Synthesizer!

Aber Silly stand seit "Mont Klamott" für diesen einmalig kühlen, ausgefuchsten Sound, wavig, künstlerisch und sehr modern in den 80ern. Das verbindet man doch eher mit digital, und es war damals gerade das Besondere an der Band. Analog, da denkt man eher an warme Orgeln. Sowas haben Sie erst viel später integriert ...

Barton: Okay, das begann mit dem Auftauchen polyphoner Synthesizer und ihren neuen Möglichkeiten. Die haben wir natürlich maximal ausgelotet, und unsere Arrangements waren damals dadurch doch sehr Synth-bestimmt. Der damalige Zeitgeist war sicher etwas unterkühlt. Wir haben das Ganze in den Kontext unserer Texte gestellt, und das ergab eben diesen unterkühlten Sound den man heute vielleicht eher als digital bezeichnet. Trotz allem waren sämtliche Tasteninstrumente und auch die Studiotechnik, welche wir in den 80ern benutzt haben, analog.

In dem Punkt war Silly damals ja sogar vielen West-Bands voraus, obwohl die am Ende sicher bessere technische Möglichkeiten hatten. 1985, als "Liebeswalzer" rauskam, haben sich selbst Insider gefragt, wie Sie all diese eigenwilligen, damals unerhörten Klänge hinbekommen haben?

Barton: Basteln. Und viel nachdenken. (lacht) Wir wollten einfach anders sein, das war der Ansatz!

Hassbecker: Da muss man aber auch Helmar Federowski nennen, der zusammen mit der Band diese geilen Produktionen gemacht hat!

Barton: Ja, das war eine Synergie, die hat sich im Studio wie so ein Ping-Pong hochgeschaukelt. Wir kamen mit unseren Demos, die schon voll waren mit Ideen, aber Helmar hat das nicht nur mit Bravour umgesetzt, sondern immer noch einen weiteren Dreh gefunden, raffinierte Sounds zu generieren. Das waren regelrechte Kreativ-Orgien!

Silly ist auch deswegen so lange frisch geblieben, weil sie den kühlen alten Songs später mit schönem Dreh analoge Wärme eingehaucht haben, ohne ihnen die Seele zu rauben. Steht "Analog" für Sie auch dafür, Alt und Neu zusammenzubringen?

Hassbecker: Natürlich. Es ist ja auch ein gewaltiger Zeitraum. Ich bin jetzt schon 33 Jahre in der Band. In so einer Spanne ändern sich natürlich Geschmäcker, gibt es neue Einflüsse. Wir rennen ja nicht isoliert durch die Welt.

Barton: Wir haben jedes Mal versucht, etwas komplett anderes zu machen, egal wie erfolgreich das Konzept des Vorgängeralbums war. Dass "Mont Klamott" damals so einschlug, war ja auch für uns selbst sehr überraschend. Trotzdem haben wir daran nicht festgehalten und mit "Liebeswalzer" was ganz anderes gemacht. Und uns dann, mit "Bataillon d'Amour", wieder komplett geändert. Sowohl vom Sound, aber auch vom kompositorischen Ansatz. An diesem Anspruch haben wir bis heute festgehalten.

Bei so einem Willen zur Veränderung ist es ja nicht verwunderlich, wenn man auch mal Dinge tut, die nicht funktionieren. Wie schätzen Sie unter dem Aspekt die letzte Platte "Wutfänger" ein, die ja viel Kritik abbekam?

Hassbecker: Es gab ganz viele Leute, die diese Platte total geliebt haben. Dafür sprechen auch die Verkaufszahlen. Schlecht verkauft hat die sich nämlich nicht - es werden einfach insgesamt immer weniger physische Tonträger verkauft. Dazu muss man sich nur mal ansehen, wie die Plattenregale im "Saturn" geschrumpft sind. Wenn heute eine Platte nur noch die Hälfte ihres Vorgängers verkauft, dann kann das auch in diesem Zusammenhang stehen. Ja, es gab Kritik, die gibt es immer. Aber die Platte, das Album, ist nur so geworden, wie sie es hat werden können. Wir sind eben nicht eine Person, sondern vier. Man muss immer Kompromisse finden, einen gemeinsamen Weg. Das ist Demokratie, das ist nicht immer bequem, aber für uns der einzig richtige Weg. Ich ärgere mich manchmal auch, wenn die aus meiner Sicht falsche Partei gewinnt! (lacht)

Texte haben bei Silly immer eine markante Rolle gespielt. Fragt man sich da nicht, ob so ein Schritt nicht besonders gewagt ist? Als Tamara Danz damals das Texten übernahm, hatte sie ja immerhin bemerkenswerte Ergebnisse geliefert.

Hassbecker: Das sagst Du jetzt! Witzigerweise hab ich erst vor Kurzem wieder ein paar Kritiken von damals über "Februar" gefunden. Die waren total kontrovers. Einige Schreiber waren mega empört, weil Werner Karma weg war. Heute wird das Album in den Himmel gehoben. Die Geschmäcker sind nun mal verschieden.

Barton: Vor allem junge Leute, die erst in die neue Ära von Silly eingestiegen sind, sehen das zum Beispiel oft ganz anders als alte Fans. Man kann ja auch für beide Seiten Verständnis aufbringen. Aber in so einem Produktionsprozess entwickelt sich immer Eigendynamik, in der man manches einfach nicht bemerkt. Mit zeitlichem Abstand schätzt man manchmal später anders ein. Das Album ist wie es ist!

Hassbecker: Und sooo Silly-untypisch ist "Wutfänger" nun auch wieder nicht!

Der "Februar"-Vergleich hinkt. Ja, Brüche erzeugen immer auch Widerspruch, aber letztlich sind von der Platte viele Songs im Silly-Kanon gelandet, wie auch von "Paradies" oder "Hurensöhne". Von der Loos-Phase scheint dagegen vor allem "Alles Rot" Bestand zu haben ...

Barton: Naja, aber ist das nicht letztlich bei jeder Band, die 40 Jahre dabei ist, so? Dass das Frühwerk, mit dem die Fans herangewachsen sind, einen besonderen Stellenwert hat? Ich kann ehrlich gesagt gar nicht einschätzen, wie man das mal in zehn Jahren beurteilen wird. Klar kann man es kritisch sehen, wir sehen es ja auch kritisch. Aber ich denke, es braucht noch etwas Zeit.

Wie sehr haben die Solo-Pläne von Anna Loos Sie überrascht?

Hassbecker: Doch ziemlich. Es passte gerade nicht. (beide lachen bitter) Man hat als Band unserer Größenordnung doch ziemlich weitreichende Planung, und wir haben mit unserem Team zu dem Zeitpunkt an einem spannenden Projekt gearbeitet, welches dann leider hinfällig wurde, was mehr als schade ist. Eine Band funktioniert nur, wenn man sich hundertprozentig aufeinander verlassen kann. Wenn das nicht mehr so ist, wird es schwierig.

Barton: Dabei hatten wir uns eigentlich gut auf Anna eingestellt und die Schauspielerei bei den Plänen für Silly immer berücksichtigt.

Hassbecker: Soloambitionen sind immer ein schwieriges Thema, in jeder Band. Aber sie sind auch nichts Ungewöhnliches, man kann das lösen, wenn man gut plant. Aber man muss planen, damit man sich aufeinander verlassen kann.

Dass jetzt mit Anna R. die ehemalige Rosenstolz-Frontfrau am Mikrofon steht, nachdem deren alter Partner Peter Plate das "heimliche" Soloalbum von Anna Loos produziert hat, ist das ein ausdrückliches Statement? Oder nehmen Sie das nur als Nebeneffekt gern in Kauf?

Hassbecker: Wir sind auf Anna R. gekommen, weil sie 2004 schon bei der Silly & Gäste-Tour ein paar Konzerte mitgemacht hat. Das hat gut gepasst. Rosenstolz hatte damals übrigens ein paar Silly-Songs gecovert. Dass Peter Plate an Annas Soloplatte mitgearbeitet hat, haben wir ehrlich gesagt erst später erfahren, und es hat beides rein gar nichts miteinander zu tun.

Konzerte Silly spielt "Analog" unter anderem am 23. November in der Festhalle Annaberg-Buchholz, am 30. November im Haus Auensee Leipzig und am 8. Dezember im Alten Schlachthof Dresden. Karten gibt es in allen "Freie Presse"-Shops in Ihrer Nähe.

freiepresse.de/meinticket

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