Wohnkonzepte-Ausstellung "Together" im Grassi-Musseum: Privatsphäre mit Zugang zum Leben

Singlebude, Familienwohnung, Altersheim - die Anforderungen an die eigenen vier Wände ändern sich im Lauf des Lebens. Das Grassi-Museum in Leipzig zeigt aktuell Wohnkonzepte, die modern wirken, deren Idee aber über 100 Jahre alt ist.

Leipzig.

Die ersten eigenen vier Wände bestehen für die Meisten aus ein paar Quadratmetern. Ob Studentenbude oder Lehrlingswohnheim - niemand sorgt an diesem Ort mehr für Ordnung, niemand fordert regelmäßiges Lüften oder wechselt die Bettwäsche. Wohnen beginnt meist im Kleinen. Mit zunehmendem Alter wachsen zunächst die Quadratmeter, bis am Ende des Lebens nicht selten wieder nur ein kleines Zimmer im Altenheim zur letzten Behausung wird. Das ist für viele der Kreislauf des Wohnlebens. Doch muss das so sein? Wohnkultur spielt in vielen Städten bei den Bauplanungen eine untergeordnete Rolle. Debattiert wird über genügend Parkplätze, höchste Dämmwerte und vielleicht noch ein Klettergerüst im Hof. Doch welche Anforderungen haben Menschen in ihren Lebensphasen an das Dach überm Kopf? "Together - die neue Architektur der Gemeinschaft", nennt sich die aktuelle Sonderausstellung im Grassi-Museum Leipzig. Es geht ums Leben und Wohnen in der Stadt.

Together - das heißt "zusammen", und der Gemeinschaftsgedanke treibt Architekten und Planer auf der ganzen Welt um, wenn es darum geht, Unterkünfte der Zukunft zu gestalten. "Mehr als Wohnen" nennt sich ein Projekt in Zürich, das verschiedene Genossenschaften finanziert haben. Auf einem ehemaligen Fabrikgelände wurden nicht nur Unterkünfte gebaut, sondern man hat einen Komplex errichtet, der Arbeit, Leben und Freizeit verbindet. Die Architekten stellten vieles in Frage: So zum Beispiel, ob wirklich jede Wohnung einen Balkon haben muss. Ihre Antwort: Nein, denn auch dort sitzt man isoliert. Also schufen sie im Hof einen "Sonnenraum", der an ein überdimensionales Gewächshaus erinnert.

In Tokio gestaltete man ein zweistöckiges Haus von 1976 so um, dass Wohn-, Ess-, Garten- und Arbeitsbereiche im Erdgeschoss von allen genutzt werden. So konnte man die eigentlichen Wohnungsgrößen deutlich reduzieren, was wiederum mehr Unterkünfte auf kleinerer Fläche ermöglichte.

Und noch einen Vorteil hat diese Art der Verdichtung: Der Einsamkeit soll durch die gemeinschaftlichen Nutzungsbereiche entgegengewirkt werden. Ein Viertel der Bundesbürger ist schon jetzt 60 Jahre und älter. Und wer die eigenen vier Wände verlassen muss, landet oft im Seniorenheim. Doch was passiert, wenn das eigene, kleine überschaubare Zimmer in einem Komplex liegt, der von Jungen, Alten und Familien gleichermaßen genutzt wird? Das Leben spielt sich wieder in unmittelbarer Nähe zur Unterkunft ab, so die Antwort der Architekten.

Die Treppenhäuser sind bei fast allen der 21 im Grassi präsentierten Architekturmodelle offene Galerien. Man tritt vor die Wohnungstür und schaut in den Innenhof, in dem sich andere Bewohner aufhalten und ihre Freizeit verbringen. Projekte in Amsterdam, Berlin, Zürich, Seoul und Tokio verdeutlichen, dass kollektives Wohnen nicht die Privatsphäre nimmt, sondern die Möglichkeit bietet, die gemeinschaftlichen Bereiche nach eigenem Gusto zu nutzen.

Die Idee, in der Nähe von Wohnungen auch Flächen oder Räume zu schaffen, die allen Bewohnern zugänglich sind, ist nicht neu. Schon um 1825 experimentierte man in den USA mit Mustersiedlungen und Zentralküchen, die sich zunächst nicht durchsetzten. 1925 wurde in Berlin-Britz die Hufeisensiedlung gebaut. Das 350 Meter lange Gebäude mit 1300 Wohnungen ist wie ein Hufeisen gebogen und seit 2008 Unesco-Welterbe, im Inneren des Komplexes Grünflächen und Plätze.

Die Stadt als öffentliches Wohnzimmer, so zeigt es das Grassi-Museum und animiert zum Nachdenken. Wie viel Platz braucht man wirklich zum Wohnen, wenn sich das Leben draußen abspielt? Eine Musterwohnung in der Ausstellung zeigt, wie vier Mini-Appartements mit einem gemeinschaftlichen Wohn- und Küchenbereich aussehen könnten. Die Einraumwohnungen bieten Platz zum Schlafen, Fernsehen, und auch eine kleine Küche ist vorgesehen. Praktisch, überschaubar, genug! Das alte Wohnmodell "Zusammen statt allein" wird in Leipzig gerade neu entdeckt, und es fasziniert wie vor 100 Jahren.

Die Ausstellung "Together" im Grassimuseum Leipzig ist noch bis 17. März zu sehen. Geöffnet ist täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr. www.grassimuseum.de

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