Zeichen an der Wand

"Die Kunst des Weg-lassens" heißt die aktuelle Ausstellung in der Neuen Sächsischen Galerie - womit sie der Kunstlandschaft eine sehenswerte Attraktion hinzufügt.

Chemnitz.

"Zeichnen ist die Kunst, Striche spazieren zu führen", wusste Paul Klee - und hinterließ selbst zahllose Zeichnungen. Zu Markte tragen lassen die sich schlecht - und doch (oder gerade deshalb) erlebt die Zeichnung gerade eine Renaissance im Ausstellungsbetrieb. In die fügt sich die gegenwärtige Ausstellung in der Neuen Sächsischen Galerie wunderbar ein. Unter dem Titel "Die Kunst des Weglassens" zeigt sie zwanzig zeichnerische Positionen verschiedener Künstlergenerationen, die alle fast ausschließlich mit der Linie agieren.

Was nach einer Beschränkung klingt, erweist sich als eine spannende Bereicherung. Carlfriedrich Claus ist der älteste in der Ausstellung vertretene Künstler, und er setzt mit seinen transparenten Denk- und Sprachblättern gleich Maßstäbe, die in dieser komplexen Dichte und mit diesem Anspruch nicht wieder erreicht wurden. Nichtsdestotrotz spürt man in manchen Arbeiten den Einfluss der "Psychologischen Skizzen" von Claus. Etwa bei der jungen Eileen Dreher, die in Dresden studiert hat und mit ihren sanft rhythmischen, völlig von der Form gelösten Strichzeichnungen nachdenkliche Psychogramme der Seele aufs Papier bringt. Auch Elke Hopfes Zeichnungen, die zwar vom Gegenständlichen ausgehen, es aber so weit hinter sich lassen, dass man den Ursprung mitunter kaum noch erkennt, sind eher psychologische Momentaufnahmen, sind eigenständige Werke, die über den Charakter von zeichnerischen Notizen weit hinausgehen.

Kluge Strichlandschaften

Eigenständige Werke sind auch die klug verspielten Blätter von Osmar Osten, in denen spätere Gemälde als eine Art Ahnung auftauchen. In ihrer Reduktion auf zahllose Linien, die das eigentliche Objekt der Darstellung gleichermaßen verstecken wie enthüllen, gehen sie aber sogar noch mehrere Schritte in andere Richtungen als Ostens farbige Arbeiten. Ähnlich den großen Strichlandschaften von Michael Schoenholtz, die die Dualität von Schwarz und Weiß ideenreich auflöst. Noch konsequenter widmet sich Max Stiller dieser Zerlegung von Räumen in geometrische Grundfiguren, während Kata Huszar, 1982 in Budapest geboren, in Berlin arbeitend, diese Räume in ihren großformatigen Blättern erst mit erheblichem Aufwand schafft. Einen nur scheinbar geringeren Aufwand betreibt Manfred Mohr dagegen mit seinen computergenerierten Linien auf dem Bildschirm. Dass aber auch die klassische Zeichnung als Notiz, als Vorarbeit für Malerei und Plastik ihren Reiz, ihre Berechtigung und ihre Notwendigkeit hat, zeigen etwa die Skizzen von Hubertus Giebe, Hermann Lindner und Axel Wunsch, zum Teil auch die Arbeiten von Armin Forbrig. In ihrer beeindruckenden und in manchen Arbeiten auch bezaubernden Vielfalt verweist die Ausstellung auf einige der Ursprünge aller Kunst: Auf Reduktion, Konzentration und auf handwerkliches Können, auf Inspiration und Leidenschaft.

Nicht ohne Humor

Darauf zielt auch eines der Zitate, das - ebenfalls als Zeichen - an den Wänden der Galerie steht: "Käme es jedoch in den Künsten auf das Neue an, so gäbe es dieser Möglichkeiten unendliche. Nach ihnen greift, wer sonst nichts zu sagen hat. Das Experiment tritt an die Stelle der Gestaltung", wird Carl Hofer zitiert. Diese Meinung bestätigt wie konterkariert die Ausstellung selbst - nicht ohne Humor, aber auch mit großer Ernsthaftigkeit. Ein Zitat von Ingres hingegen bestätigt sie ganz ausdrücklich: "Je einfacher die Linien und Formen sind, desto größer sind Schönheit und Kraft. So oft ihr eine Form teilt, schwächt ihr sie." Kann heißen: Wer die Kunst des Weglassens beherrschen will, muss das Ganze gesehen, gedacht und/oder gefühlt haben, bevor er etwas davon weglässt. Oder eben: Wer Striche spazieren führen will, muss sich vorher Gedanken über den Weg machen - ganz gleich, wohin er am Ende führt.

Die Ausstellung Bis 7. Dezember in der Neuen Sächsischen Galerie Chemnitz, im Tietz, Moritzstraße 20. Geöffnet täglich, außer mittwochs, 11 bis 17, dienstags bis 19 Uhr.

www.nsg-chemnitz.de

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...