Zu Zeiten der politischen Pest

Ljudmila Ulitzkaja brilliert in "Eine Seuche in der Stadt" mit einer brandaktuellen Erzählung zum Thema Pandemie.

Der Genetik galt ursprünglich die berufliche Leidenschaft von Ljudmila Ulitz-kaja. Sie studierte an der Lomonossow-Universität Biologie und arbeitete ab 1967 am Moskauer Akademie-Institut. Doch ihre Karriere dauerte nur kurz, denn Propagandisten prangerten sie wegen der Verbreitung von Samisdat-Literatur an und sorgten für ihre baldige Kündigung. Mit Gelegenheitsjobs rettete sie sich, ehe sie 1983 durch ihre Novelle "Sonetschka" Ruhm erzielte. Seither erwarb sich die putinkritische Schriftstellerin international einen Namen mit meisterhaften Werken wie "Daniel Stein" oder "Das grüne Zelt".

Wegen der Coronapandemie war sie 2020 lange ans Haus gefesselt. In dieser Phase sichtete sie intensiv ihr Archiv. Dabei entdeckte sie einen Text mit einem heute absolut brisanten Thema, den sie 1978 als Bewerbung für einen Grundkurs in Sachen Drehbuchschreiben eingereicht hatte. Das Manuskript stieß damals auf eisige Ablehnung, weil es die Atmosphäre der Panik widerspiegelte, die unter Stalin in der Sowjetunion herrschte. Eine der Figuren der Erzählung schildert dieses Klima der Angst sehr plastisch. Sie heißt Jelena Jakowlewna und hörte nie mehr etwas von ihrem Mann, den man in ein Arbeitslager deportierte.

Während des sogenannten "Großen Terrors" wurden Ende der 1930er-Jahre in Russland täglich rund 1000 Menschen aus ideologischen Gründen ermordet. In dieser Ära des Schreckens siedelt Ljudmila Ulitzkaja ihre packende Story an. Sie handelt von einem Virologen, der im Auftrag der Regierung an einem Impfstoff gegen die Lungenpest forscht, denn die Seuche war noch nicht ausgerottet. Durch einen Fehler infizierte er sich selbst mit dem Erreger, doch der Geheimdienst verhinderte mit drastischen Maßnahmen den Beginn einer Epidemie.

Ljudmila Ulitzkaja berichtet auf beeindruckende Weise, wie sich die Gräuel einer Diktatur mit dem Horror einer befürchteten Massen- erkrankung paaren. Sie bringt diese Verquickung auf eine drastische Formel, die da lautet: "Die Pest zu Zeiten der politischen Pest." Dabei verdeutlicht sie, dass für die Menschen unter dem tyrannischen Regime der Bolschewiki eine Infektionswelle gegenüber einer möglichen Verhaftung oder dem Abtransport in einen Gulag das geringere Übel verkörperte. Das zeigt sich ebenso eindrucksvoll wie dramatisch an einem Gespräch, das sich nach der Eindämmung des gefährlichen Bakteriums im Wohnzimmer des leitenden Bezirksarztes namens Kossel ereignet. Die Ehefrau fragt den Mediziner anklagend, weshalb er tagelang nicht daheim aufgetaucht sei, und er gibt ihr eine verstörende Antwort: "Es war die Pest, lediglich die Pest!"

Ljudmila Ulitzkajas Geschichte zehrt von Authentizität, die daher rührt, dass das ausgemalte Geschehen komplett auf historische Fakten basiert. Im Jahr 1939 drohte durch einen missglückten Laborversuch in Moskau tatsächlich die Pest auszubrechen. Die Autorin erfuhr von diesem heiklen Vorfall durch eine Freundin, deren Vater als Pathologe unmittelbar an der Panne beteiligt war. Die Glaubwürdigkeit des Szenarios steigert sich dank des beeindruckenden Reichtums an überzeugenden Dialogen immens. Wieder einmal erweist sich Ljudmila Ulitzkaja in dieser knappen und markanten Prosa- arbeit als eine der besten Schriftstellerinnen der gegenwärtigen Epoche.

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