Der Macher

Nach 27 Jahren an der Spitze verlässt Michael Eßlinger das Freiberger Brauhaus. Zur Verabschiedung in den Ruhestand gab es gestern Überraschungen und Erinnerungen an ein arbeitsreiches Leben.

Freiberg.

Seine Mitarbeiter haben für diesen Tag des Abschieds Episoden zusammengetragen: 152 Seiten füllen sie in einem Fotobuch, das Dr.Hans Michael Eßlinger gestern bei einer feierlichen Würdigung im Brauhof Freiberg erhalten hat. Erinnerungen an 27 Jahre mit dem Professor. Der Professor verdankt seinen Titel, mit dem die Kollegen ihn respektvoll bezeichnen, einer Honorarprofessur an der Bergakademie. Seit 2009 widmet sich die Professur der Brauereitechnologie und Mikrobiologie. Der damalige Rektor Bernd Meyer hatte den Manager der Freiberger Brauerei zum Honorarprofessor berufen. "Solange Bernd Meyer noch an der Uni ist, mache ich weiter, ich höre mit ihm auf."

Seine Nachfolge ist längst geregelt, wenn Michael Eßlinger offiziell nicht mehr der Chef des Brauhauses ist. Kein Wunder, dass nun drei Leute seine Arbeit machen, hat Ministerpräsident Michael Kretschmer vor Wochen gesagt. Holger Scheich ist schon Geschäftsführer, Betriebsleiter Jan Stirl ist zuständig für Technik und Lucia Nothhelfer für Labor und Qualitätsförderung.

Eßlinger selbst wird noch einen Nachfolger in Krostitz einarbeiten, in einer von zwölf weiteren Brauereien, die zur Radeberger Gruppe gehören. Mancher Freiberger mochte es nicht glauben, als voriges Jahr die Ankündigung kam, dass die langjährigen Chefs, Steffen Hofmann und Michael Eßlinger, in den Ruhestand gehen würden. Die Nachricht kam mit der Ankündigung des Konzerns, Geschäftsbereiche des Freiberger Brauhauses zum 1. Januar 2018 an den Mutterkonzern abzugeben. Verwaltung und Vertrieb sind in den zentralen Strukturen des Konzerns in Berlin, Frankfurt und Dortmund aufgegangen.

"Die Aufgaben haben sich geändert, wir in Freiberg haben vor allem die Aufgabe, dass es keine Lieferengpässe gibt, dass das Bier rausgeht", meint Eßlinger: "Die Radeberger Gruppe kümmert sich sehr. Es läuft gut. Wir haben im Oktober ein sechsprozentiges Umsatzplus gegenüber dem Vorjahr."

Freiberger gilt als fester Anker für die Stadt, ist ein sicherer Gewerbesteuerzahler, unterstützt Vereine, Veranstaltungen, das Gemeinwohl. Seit 1991 in der Freiberger Brauerei, fällt in Eßlingers Verantwortung der Bau und Umzug an den Fürstenwald. Konsequent hat er die Modernisierung vorangetrieben, so durch den Bau von zwei Blockkraftwerken: "Wir machen 70 Prozent unseres Stromes selbst", sagt er, der vor wenigen Tagen 63 geworden ist.

Gern hätte er ein Wunschprojekt abgeschlossen: Doch die Genehmigung des Bebauungsplans für das Brauereigelände werde wohl erst 2019 möglich, weiß er nach Gesprächen mit Landesstraßenbauamt und Stadt. Dann solle die Brauerei eine separate Linksabbiegespur von der Autobahn her erhalten. "Wir hoffen, den Verkehrsfluss gut zu beeinflussen. Alle zehn Minuten rollt ein Lkw in die Brauerei." Eßlinger hat den Plan vorbereitet, vorangetrieben.

Jetzt könne er sich raussuchen, was er machen will, erzählt er über den nächsten Lebensabschnitt: "Ich werde noch ein bisschen am Ball bleiben." Seit 27Jahren steht er für die Marke "Freiberger". Geliefert wird in alle neuen Bundesländer, bis hoch zur Küste, nach Rügen und nach Nordbayern. Die Treue zur Marke will erobert sein: "Bier bedeutet Wiedererkennung. Bevor man Bier kauft, muss man den Namen kennen. Im zweiten Schritt muss man von der Qualität überzeugt sein. Das ist unser Job als Brauer, dieses Vertrauen zu rechtfertigen, damit ein Bier nicht nur bekannt, sondern beliebt ist."

Denn anders als bei Kaffee, Bier oder gar Waschmittel, sagt er, brauche es dieses Vertrauen der Kunden. "Bei uns ist es so: Unser Bier kann man in der Hand halten, wir sind nahe am Menschen." Einsatz, der sich in vielen Auszeichnungen und Zertifikaten für das Unternehmen, darunter für Lebensmittelsicherheit-, Umwelt-, Energie- und Qualitätsmanagement auszahlt.

Eßlinger, der als Chef des 145 Mitarbeiter zählenden Brauhauses überwiegend Verwaltungs- und Managementarbeiten hatte, ließ sich das Biermachen nicht nehmen: "Jeden Tag ab 8 Uhr hatten wir eine einstündige Besprechung mit Labor und Produktion, um zu klären, ob etwas geklemmt hat. Danach habe ich meine Tagesaufgaben erfüllt." Offensichtlich die richtige Strategie: Die Zeit der großen weltweiten Finanzkrise ab 2008/2009 hat das Brauhaus gut überstanden.

Michael Eßlinger, der unzählige Vorträge, Vorlesungen gehalten, Gast internationaler Tagungen war und Gäste aus aller Welt in der Brauerei und an der Universität begrüßt hat und in vielen Vereinen und auf öffentlichen Veranstaltungen in der Silberstadt nicht wegzudenken ist, ist dann doch etwas aufgeregt gewesen, wenn er an den gestrigen Tag dachte: "Man denkt schon, dass eine neue Situation kommt. Aber ich freue mich auch, dass so viele Freunde und Gäste kommen."

Für seine Mitarbeiter hat er ein Mittagessen in der Kantine ausgegeben: Gaisburger Marsch hat er sich gewünscht: Kartoffeln mit Spätzle, Rindfleisch und Zwiebeln, ein Rezept aus seiner alten Heimat im Schwäbischen. Zwei Rezeptbücher liegen vor ihm in der Stube daheim in Freiberg. Dahinter eine große Vitrine mit vielen Andenken, riesigen Bierkrügen und -gläsern und einem winzigen Truck: "In den USA hat es eine Eßlinger Brauerei gegeben. Sie wurde zur Zeit der Prohibition geschlossen", erzählt er.

Der Ruhestand bietet Gelegenheit, mehr Zeit mit seiner Frau, mit der er seit 37 Jahren verheiratet ist, und den gemeinsamen Hobbies zu verbringen: Ein Stück Wald im Umland, in dem die Familie ihr Holz, so oft es geht, selbst kleinmacht, Brot backen im eigenen Backofen im Garten, den seine Frau liebevoll pflegt. Das Gartenhaus mit Strandkorb, den man im Sommer rausrollen kann und sofort im Urlaub ist, Sport, Wandern, die Betreuung eines Enkelkindes. Die Kinder des Ehepaars leben in Dresden und nahe Stuttgart, beide haben promoviert wie der Vater: der Sohn als Physiker, die Tochter als Mechatronikerin.

Er selbst, sagt Eßlinger, sei künftig passiver Brauer. Für die Brauerei beschreibt er kurz und knapp sein Hauptanliegen: "Dass es mit dem Brauhaus gut weitergeht, die Qualität stimmt." Und dass man das Vertrauen der Lieferanten auf die nächste Generation übertragen könne.


Stimmen von Feiergästen: "Er ist Mensch geblieben"

Altlandrat Volker Uhlig: Wir besuchten den Partnerkreis in Polen, die Gastgeber dachten, sie könnten uns unter den Tisch trinken: Als Letzter am Tisch saß Michael.

Ex-Ministerpräsident Stanislaw Tillich: Ich kenne Michael Eßlinger, seitdem ich Landwirtschaftsminister war. Uns verband schon damals die Leidenschaft für Eishockey.

Sänger Gunther Emmerlich: Skatspielen ist unser beider Hauptberuf, ich singe nebenbei, Michael ist Hobby- Geschäftsführer.

Hidekazu Miyake, ein Freund aus Tokyo: Ich besuchte vor 20Jahren mit einer Wirtschaftsdelegation aus Japan das Brauhaus. Er war ein sehr freundlicher Gastgeber.

OB Sven Krüger: Ich habe Michael 2009 kennen- und schätzen gelernt. Er ist ein herzlicher Mensch, auf dessen Unterstützung wir immer rechnen konnten.

Alt-OB Bernd-Erwin Schramm: Ich habe sein Wirken über viele Jahre begleitet, von der Finanzierung des Neubaus der Brauerei bis zu meinem ersten Bockbieranstich.

Christian Schütz, Geschäftsführer der Radeberger-Gruppe: Michael Eßlinger ist gut angekommen. Er ist Mensch geblieben, anfassbar, nahbar, aber immer auch Respektsperson.

Ex-Finanzminister Georg Unland: Bei Eßlingers habe ich den schärfsten Schnaps getrunken - aus Blutwurz. Drei Tage hatte ich keinen Geschmack.

TU-Rektor Klaus-Dieter Barbknecht (lächelt): Wir haben viele schöne private Begegnungen, die aber nicht an die Öffentlichkeit gehören. (mer/gfl/grit)

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