"Der Stadtrat kann tief gespalten sein"

Oederans Wahlsieger Gerold Schramm von der AfD über seine Vorhaben als Fraktionschef und die Probleme, die seine Parteifreunde haben

Oederan.

Mit 1532 Stimmen hat Gerold Schramm bei der Stadtratswahl in Oederan mehr Zustimmung erhalten als die zwei Spitzenkandidaten der Freien Wähler und der CDU zusammen. Mit dem Memmendorfer, der für die AfD zudem auch in den mittelsächsischen Kreistag einziehen wird, hat Thomas Reibetanz gesprochen - auch über den Grund, warum seine Fraktion im Stadtrat einen Altersdurchschnitt von über 60 Jahren hat.

Freie Presse: Die AfD sieht sich als Protestpartei. In Oederan stellt sie aus dem Stand die zweitstärkste Fraktion. Wogegen protestieren die Oederaner?


Gerold Schramm: Gegen das, was auch die Menschen in anderen Orten stört. Ich habe viele Oederaner bei Pegida oder anderen Demos getroffen. Es ist mir schon klar, dass unser Erfolg in erster Linie mit den gesamtdeutschen Problemen zusammenhängt. Die Leute suchen nach einer Alternative. In Oederan verstehen wir den Auftrag der Wähler so, dass wir uns für ihre Interessen einsetzen sollen.

Machen das die Vertreter der anderen Parteien nicht? Gibt es denn aktuell große Sorgen und Nöte in Oederan und seinen Ortsteilen?

Die gibt es, auch wir haben aber kein Patentrezept für alles. Als konkrete Beispiele kann ich nennen, dass wir uns gegen Immobilienspekulationen ausländischer Investoren wehren wollen, welche es in der Stadt gibt und gab, und die zu unzumutbaren Zuständen geführt haben. Das gilt für ein Privatgrundstück in der Stadt, das unter den Augen der Verwaltung immer mehr verdreckt. Das gilt für das Restaurant am Markt, wo Verträge mit falschen Partnern geschlossen wurden. Das gilt für das ehemalige Hotel "Drei Schwanen", das mal ein Scheich gekauft hatte und das jetzt immer weiter verfällt.

Wie sieht Ihre Lösung für das Hotel "Drei Schwanen" aus?

Wie gesagt - wir werden uns jetzt nicht hinstellen und sagen, wir hätten für alles sofort eine Lösung. Auch für das "Drei Schwanen" habe ich kein Patentrezept, wie es dort weitergehen sollte. Fakt ist aber, dass Denkmalschutz nicht dazu führen darf, dass wir Städte voller Ruinen haben. Allerdings weiß ich sehr wohl, dass Kommunalpolitik oft sehr schwierig und von Fördermitteln aus dem Bund und aus dem Land abhängig ist. Deshalb hoffe ich, dass in meiner Funktion als Kreisrat viel für die Belange Oederans erreichen kann.

Wie wird die Arbeit der fünf AfD-Mitglieder im Stadtrat aussehen? Sehen Sie sich als Gegenpol zu den etablierten Räten?

Nein, wir wollen gemeinsam mit allen anderen Stadtratsmitgliedern Oederan zu einer lebenswerten Stadt machen. Wir werden keinesfalls nur gegen etwas stimmen, weil es die anderen gut finden. Aber wir werden zum Beispiel bei der Frage, ob städtische Wohnungen für Flüchtlinge ohne geklärte Identität zur Verfügung gestellt werden sollen, einen ganz klaren Kontrapunkt setzen. Und dann könnte es schon mal zu lebhaften Diskussionen kommen. Was ja auch gut ist.

Gibt es schon Reaktionen der anderen Parteien auf Ihren Sieg?

Ja, gibt es. Und die machen mir echt Sorgen. Vonseiten der Freien Wähler habe ich gehört, dass man auf keinen Fall mit Leuten wie uns zusammenarbeiten will. Wenn das so ist, kann der Stadtrat tief gespalten sein. Das ist dann aus meiner Sicht nicht im Sinne der Demokratie.

Das Durchschnittsalter ihrer Stadtratsfraktion liegt bei über 60 Jahren. Wie wollen Sie da die Themen der Jugend anpacken?

Es gibt in Oederan viele junge Menschen, deren Themen wir aufgreifen. Sie wollen sich auch für die AfD engagieren, machen das aber nicht, weil sie noch im Berufsleben stehen. Und dort gibt es dann wegen ihrer politischen Orientierung für Angestellte Ärger mit dem Chef, oder den Selbstständigen springen die Kunden ab. Für mich ist das ein Verstoß gegen das Grundgesetz, denn es steht doch jedem frei, sich politisch zu engagieren.

Sie selbst sind aber auch kein Parteimitglied.

Ich bin seit vier Jahren Förderer der AfD. Anfangs stand ich noch im Berufsleben und musste Konsequenzen befürchten, wenn ich AfD-Mitglied werde. Heute trete ich für die Partei an, weil ich als Rentner nichts mehr zu befürchten habe. Ein Parteibuch brauche ich dafür nicht. tre


Zur Person

Gerold Schramm (66) wurde in Oederan geboren und wuchs in Memmendorf auf, wo er heute als Rentner lebt. Er studierte und promovierte an der Bergakademie Freiberg, ist Diplom-Ingenieur für Verfahrenstechnik. Er arbeitete bei Narva Brand-Erbisdorf und bei Plasta in Oederan, nach der Wende als Außendienstmitarbeiter für ein Unternehmen aus Nordrhein-Westfalen. Von 1990 bis 1994 saß er für die Bürgerinitiative Oederan im Oederaner Stadtrat und war stellvertretender Bürgermeister. (tre)

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